(„Allegro non troppo“ directed by Bruno Bozzetto, 1976)

Allegro non troppoNachdem es in den letzten beiden Folgen unseres fortlaufenden Animationsspecials doch recht dramatisch zuging, wird es mal Zeit für gepflegten Nonsens. Und wer eignet sich besser dafür als der italienische Regisseur und Satiriker Bruno Bozzetto? Während seine Serien und Kurzfilme um den untersetzten Träumer Herr Rossi auch 40 Jahre später die Augen vieler erleuchten lassen, sind seine drei abendfüllenden Zeichentrickfilme ein wenig in Vergessenheit geraten. Ein Wunder ist das nicht, sowohl Der wildeste Westen als auch VIP – Mein Bruder, der Supermann sind in den Katakomben der Öffentlich-Rechtlichen verschollen. Allein Allegro non troppo wurde ein DVD-Release gegönnt, weshalb Teil 11 ihm gewidmet ist. Aber auch der ist einen Blick wert. Und ein Ohr sowieso.

Im Gegensatz zu seinen früheren Werken dreht sich bei Bozzettos letztem großen Zeichentrickfilm alles um Musik. War Der wildeste Westen eine Parodie auf die in den 60ern so populären Wildwestfilme und VIP eine nicht ganz ernst gemeinte Superheldengeschichte, musste bei Allegro non troppo Walt Disneys Fantasia dran glauben. Wie beim großen Vorbild werden auch hier klassische Musikstücke als Grundlage für eine Reihe animierter Kurzfilme genommen. Einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen Film und Musik gibt es selten, zwischen den einzelnen Episoden überhaupt nicht – und damit auch keine durchgehende Handlung.Allegro non troppo Szene 1

Einen Rahmen dafür schon, auch wenn der nicht unbedingt zu den Stärken des Films gehört: In schwarz-weiß gedrehten Realaufnahmen verfolgen wir den Auftritt eines Orchesters, das ausschließlich aus Damen im deutlich fortgeschrittenen Alter besteht. Dazu wird ein zuvor in Ketten gelegter, namenloser Zeichner (Maurizio Nichetti) auf die Bühne geholt, der die Musik passend illustrieren soll. So richtig gelingen will das aber nicht, weshalb er ständig mit dem herrischen Dirigent (Néstor Garay) aneinander gerät. Und zwischen allen Stühlen sitzt der Moderator (Maurizio Micheli), der die undankbare Aufgabe hat, das Publikum durch eine Show zu führen, bei der so rein gar nichts klappen will. Die Absicht ist klar: Hier wird nicht nur Fantasia aufs Korn genommen, gleichzeitig sollen die unwürdigen Arbeitsbedingungen von Zeichnern an den Pranger gestellt werden. Während das Satirische immer mal wieder durchschimmert, beschränken sich die Szenen meistens aber auf sehr einfach gestrickten Slapstick, der nicht weit von den damaligen Bud-Spencer-Filmen entfernt ist.

Und auch die erste der gezeichneten Episoden will nicht so richtig zünden. Zu „Prélude à l’après-midi d’un faune“ von Claude Debussy die Geschichte eines alten Fauns zu erzählen, der mit Tricks junge Damen verführen will, ist irgendwo naheliegend. Lustig dafür weniger, dafür zieht sich der Abschnitt zu sehr und besteht aus zu vielen Wiederholungen. Auffällig ist hier schon, dass es im Vergleich zum Verwandten des Mäuseimperiums in Italien nicht ganz so jugendfrei zugeht. Hier und auch an anderen Stellen wird deutlich nackte Haut gezeigt, bei Film Nummer zwei wird es sogar gewalttätig. Zu den Klängen von „Slavonic Dance No. 7, Op. 46“ von Antonín Dvořák greift ein Höhlenmensch zu recht drastischen Mitteln, damit er nicht ständig von anderen imitiert wird.Allegro non troppo Szene 2

Ist der recht kurze Beitrag schon ziemlich witzig, kommt der Höhepunkt der Sammlung direkt im Anschluss. Der „Boléro“ von Maurice Ravel dürfte den meisten im Ohr sein, hier dient er als musikalische Untermalung für eine ganz eigene, oft hypnotische Evolutionsgeschichte, in der bizarre Wesen wie aus Der phantastische Planet umherziehen. Ganz so grandios ist der Folgefilm nicht, dafür aber umso bewegender. Eine Katze streift durch ein zerstörtes Haus und erinnert sich an eine glückliche Zeit, als sie noch mit einer Familie hier lebte. Gerade diese starken Kontraste zwischen den schönen Erinnerungen und der harschen Gegenwart – dazu läuft Jean Sibelius’ „Valse Triste“ – resultieren in einer emotionalen Achterbahnfahrt und den einzigen nicht-komischen Szenen des Films. Dafür wird es anschließend amüsant-harmlos, wenn das Picknick einer Biene immer wieder von Menschen gestört wird (Musik: „Concerto in C Major“ von Antonio Vivaldi). Zum Schluss darf Bozzetto noch einmal sein satirisches Talent zeigen und erzählt in einer Mischung aus Realfilm, Stop Motion und Zeichentrick eine leicht verstörende, völlig durchgeknallte Abwandlung des biblischen Sündenfalls.

Wie andere Episodenfilme (Manie Manie, Genius Party) hat also auch Allegro non troppo mit einer nicht ganz konstanten Qualität zu kämpfen: Zwei brillante Kurzfilme treffen auf drei gute und einen langweiligen, dazu gibt es noch eine belanglose Rahmenhandlung. Oft wird man sich die italienische Zeichentricksammlung also eher nicht am Stück ansehen. Doch wer den Umgang mit der Skip-Taste seines DVD-Players beherrscht, wird immer wieder in die skurrile Welt von Bruno Bozzetto zurückkehren. Die Zeichnungen sind wie bei ihm üblich recht einfach gehalten, viele Details gibt es nicht zu bewundern. Doch die brauchte der Altmeister auch nicht, um mal witzige, dann traurige und oft faszinierende Geschichten zu erzählen, die ihn trotz seines insgesamt überschaubaren Werks zu einem der großen Animationskünstler Europas machten.

Allegro non troppo
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Allegro non troppo
Bruno Bozzettos Parodie auf Fantasia verknüpft wie das Vorbild kleine Zeichentrickepisoden mit klassischer Musik. Nicht alle davon sind gleich gut gelungen, doch insgesamt stimmt die Qualität. Einige der skurril-seltsamen Geschichten sind so brillant, dass Allegro non troppo allein dafür von Animationsfans zumindest einmal gesehen werden sollte.
7von 10

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