(„Sita Sings the Blues“ directed by Nina Paley, 2008)

Sita Sings the BluesNachdem es die letzten beiden Ausgaben mit The Nightmare Before Christmas und Higurashi recht düster wurde, ist es bei Teil 27 unseres fortlaufenden Animationsspecials an der Zeit für einen Film, der ausgesprochen farbenfroh ist. Und lustig. Aber auch traurig. Vor allem jedoch ist Sita Sings the Blues ganz, ganz anders.

Die Schwierigkeit, Sita Sings the Blues zu beschreiben beginnt schon mit der Handlung. Nicht weil sie wie bei so manchem Animationsfilm zu dünn ist. Oder im Gegenteil zu verworren. Das Problem ist vielmehr, dass sie auf mehreren Ebenen stattfindet, die sich abwechseln und bei der keine wirklich den Vorrang hat. Im Mittelpunkt des Films steht das Ramayana, eines der großen Epen Indiens. Erzählt wird darin das Schicksal des Prinzen Rama, der vom Hof seines Vaters verbannt wird und später den Dämonenfürst Ravana besiegt. Sita Sings the Blues nimmt nun diese Geschichte, erzählt sie jedoch aus dem Blickwinkel von Sita, Ramas Frau. Die folgte ihm aus Liebe in die Verbannung, wurde von Ravana entführt, gerettet, dann aber doch verstoßen – schließlich könnte sie ihren Gatten ja mit dem Dämonen betrogen haben.

Doch das ist eben nur ein Teil des Films, ein anderer Strang hat drei Figuren, die eben jenes Epos erzählen und dabei kräftig kommentieren. Und dann wäre da noch Nina, eine Amerikanerin der Gegenwart, die ihrem Mann nach Indien folgt, von diesem jedoch verlassen wird. Diese letzte Ebene ist dann auch die persönlichste, denn sie basiert auf den tatsächlichen Erlebnissen von Nina Paley, die hier quasi im Alleingang Regie führte, das Drehbuch schrieb und auch für die Grafiken zuständig war. Doch auch wenn das traurige Ende ihrer Ehe keinen direkten Bezug zum Schicksal Sitas hat, die Parallelen sind unverkennbar. Dafür sorgt bereits der Kniff mit den drei namenlosen Erzählern, deren Erläuterungen und Seitenhiebe oft für die eine wie die andere Geschichte gelten können.Sita Sings the Blues Szene 1

Es ist aber nicht nur diese mehrgleisige Erzählstruktur, die Sita Sings the Blues von der Konkurrenz unterscheidet. Hinzu kommt, dass jede dieser Ebenen einen eigenen Grafikstil hat. Da treffen primitive Zeichnungen mit sich ständig bewegenden Umrissen auf detaillierte Figuren im starren Profil, die sich an alten indischen Gemälden orientieren, klassisches Schattenspiel wechselt sich mit modernen Collagen und Samstagmorgen-Cartoons ab. Und selbst innerhalb einer Ebene wird der Stil mitunter mehrfach geändert, beispielsweise wechselt die Optik auch dann, wenn Sita eine ihrer zahlreichen Gesangseinlagen zum Besten gibt. Und das tut sie ziemlich oft.

Wer an der Stelle bereits das Weite suchen möchte, in Erwartung schmalziger Bollywood-Nummern: Nein, auch hier ging Paley einen anderen Weg. Statt typisch indischer Musik – sei es nun eine traditionelle oder auch gegenwärtige – verwendet die Amerikanerin Lieder der Sängerin Annette Hanshaw. Natürlich ist auch das irgendwo absurd, was haben schließlich Jazz-Schlager der 1920er mit einer alten indischen Sage zu tun? Nicht viel, und gleichzeitig doch alles. Denn auch wenn Kultur und Epoche unterschiedlicher nicht sein sollten, die sehr gefühlvollen und eingängigen Stücke erweisen sich hier als zeitlos, geben wunderbar die Situation Sinas wieder. Und gleichzeitig damit auch die Ninas.Sita Sings the Blues Szene 2

Doch trotz der wehmütigen Lieder und der im Grund traurigen Geschichte ist Sita Sings the Blues meilenweit von dunkler Depression oder kaltschnäuzigem Kitsch entfernt. Die meiste Zeit über ist der Animationsfilm sogar vielmehr wahnsinnig witzig. Ob es nun die comichaften Schlachten mit den Dämonen sind, die irrsinnigen Dialoge, die respektlosen Kommentare der Erzähler – Paley nimmt ihr Schicksal eindeutig mit Humor. Selbst wer nichts mit dem stilistischen Feuerwerk und der cleveren, feministisch angehauchten Dekonstruktion einer Legende anfangen kann, der darf zumindest über die vielen Absurditäten lachen.

Die Entstehungsgeschichte des Films ist übrigens fast ebenso spannend wie der Film. Rechtliche Probleme bei der Verwendung der Jazz-Standards führten dazu, dass Paley ihr dramatisches Comedymusical frei verfügbar ins Netz stellte. Alleine deshalb sollte jeder Animationsfan Sita Sings the Blues dringend einmal anschauen. Denn was beim mit mühevoller Kleinarbeit am Rechner erstellten Streifen geboten wird, ist so kurios und fantastisch kreativ, dass es ein Gros der kommerziellen Kollegen mühelos in den Schatten stellt. Und das für einen Bruchteil des Budgets.

Sita Sings the Blues
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Sita Sings the Blues
Vier verschiedene Grafikstile, drei Handlungsebenen, eine alte indische Legende, ein gegenwärtiges Drama, viel Meta-Humor, dazu Jazz-Schlager aus den 20ern – Sita Sings the Blues vereint lauter Elemente, die eigentlich gar nicht zusammenpassen dürften. Doch es ist dieser kuriose Mix, der den Animationsfilm zu einem der interessantesten der letzten Jahre macht.
8von 10

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