„Seder-Masochism“, USA, 2018
Regie: Nina Paley; Drehbuch: Nina Paley

Seder Masochism

„Seder-Masochism“ läuft im Rahmen des 42. Festival d’Animation Annecy (11. bis 16. Juni 2018)

Dann und wann, alle paar Jahre vielleicht, stolpert man über einen Animationsfilm, der so eigenwillig ist, so anders als das, was man sonst in diesem Bereich zu sehen bekommt, dass man im Anschluss den weiteren Karriereweg des Regisseurs verfolgt. Der Franzose Sylvain Chomet (Das große Rennen von Belleville) war so ein Fall. Der Ire Tomm Moore (Das Geheimnis von Kells). Und auch die Amerikanerin Nina Paley schaffte es, mit ihrem Sita Sings the Blues aus dem Meer an Lookalikes herauszustechen. Eine stilistische Wundertüte, welche eine gegenwärtige Geschichte mit einem Musical zu einem alten indischen Gedicht verknüpfte – das sieht man nun wirklich nicht alle Tage.

Leider dauerte es anschließend sehr lange, bis man wieder etwas von der Cartoonistin und Vorkämpferin für freie Kulturwerke zu sehen bekam. Sie steuerte eine Passage zu der Episodenverfilmung The Prophet bei, es gab einen Kurzfilm. Aber das war es dann auch schon in filmischer Hinsicht. Besucher des Annecy Filmfestivals 2018 dürfen sich daher freuen, dass Paleys neuestes Baby dort seine Weltpremiere feiern wird. Denn Seder-Masochism steht dem berühmten Vorgänger in punkto Exzentrizität in nichts nach.

Ein Animationsmusical biblischen Ausmaßes
Dieses Mal verschlägt es die Künstlerin in das alte Ägypten. Genauer nahm sie sich das 2. Buch Mose zur Brust, welches von dem Auszug der Israeliten berichtet. Gewissermaßen. Wer Sita Sings the Blues kennt, ahnt aber schon, dass Paley daraus etwas ganz Eigenes gemacht hat. Eine wirkliche Inhaltsangabe zu dem Film zu geben, würde daher nicht sonderlich weit führen. Teile von Seder-Masochism – das Wort Seder entstammt dem Sederabend des jüdischen Pessach-Festes – sind damit beschäftigt, die bloße Geschichte zu geben. Aber eben nur Teile.

Beispielsweise gibt es darüber hinaus längere Passagen, in denen sich Gott mit einer Ziege unterhält, was dann auch schon mal ein Meta-Kommentar zum Geschehen sein kann. Ein humorvoller Kommentar, so wie Paley allgemein vieles mit einem Augenzwinkern erzählt. Manchmal aber auch mit jeder Menge Biss. Seder-Masochism mag sehr bunt sein, fröhlich-idyllische Szenen enthalten, die sie mit schwungvoller Musik unterlegt. Für Kinder ist das Ganze dennoch nichts. Dafür ist der Inhalt zu ernst, zu abgefahren teilweise. Manchmal auch zu brutal.

Passt nicht? Passt!
Es ist dann auch mal wieder das Spiel mit Kontrasten, welches Seder-Masochism zu einer unglaublichen Erfahrung macht. Traditionelle Ägyptenbilder treffen auf eine bewusst unpassende Musik – da wird schon mal in einem ernsten Moment I Will Survive von Gloria Gaynor geträllert –, gut gelaunt werden grausige Szenen geschildert. Und dann wäre da noch das Mikrofon, das die Ziege Gott entgegenhält. Wie man das nun mal so macht im Himmel.

Der Geschichte zu folgen, ist dabei nicht immer ganz einfach. Gerade auch weil der Film, ähnlich zu Sita Sings the Blues, immer mal wieder in den Musicalmodus wechselt und allgemein so experimentierfreudig ist, ist die Gefahr groß, von dem Drumherum abgelenkt zu werden. Dass man sich derart mitreißen lässt, bis man nicht mehr weiß, wohin der Weg eigentlich führt. Dass man auch verwirrt wird durch die Perspektivenwechsel, durch die anderen Götter, die hier auftauchen. Aber es ist eben auch ein Wiedersehen mit Freude, eine der ungewöhnlichsten Animationskünstlerinnen wieder auf der Filmbühne begrüßen zu dürfen. Bleibt nur zu hoffen, dass dieses kuriose Wunderwerk nach der Premiere bald auch dem Rest der Welt zur Verfügung gestellt wird, und dass der nächste Spielfilm von Paley nicht wieder zehn Jahre auf sich warten lässt.

Seder-Masochism
4.2 (84%) 15 Artikel bewerten

Seder-Masochism
Wenn sich die amerikanische Animationskünstlerin Nina Paley mit ihrer sehr speziellen Bibel-Musical-Adaption „Seder-Maoschism“ zurückmeldet, dann ist das ein Fest für die Sinne. Ein Fest, von dem einen etwas schwindlig werden kann, das man vielleicht nicht immer ganz versteht. Eines aber, das man auch nicht wieder vergisst, wenn ernste Szenen auf Disconummern stoßen, morbider Humor und Stilexperimente zu eins werden.
7von 10

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