(„Joe“ directed by David Gordon Green, 2013)

Joe – Die Rache ist seinNeue Stadt, altes Spiel – wohin Wade (Gary Poulter) auch geht, sofort legt er sich mit den Menschen an. Allgemein kann man den alten Mann nicht unbedingt als Stütze der Gesellschaft ansehen: Er trinkt, ist gewalttätig, ständig arbeitslos und vernachlässigt seine Familie. Sein Sohn, der 15-jährige Gary (Tye Sheridan), ist es deshalb auch, der dafür sorgen muss, dass irgendwie Geld und Essen ins Haus kommt. Als der bei seiner Jobsuche Joe (Nicolas Cage) kennenlernt, scheint sich das Glück tatsächlich zu wenden, denn der ehemalige Sträfling erkennt in dem Jungen sich selbst wieder und versucht daher, ihn vor allem Ärger zu schützen. Doch einfach ist das nicht, schließlich hat Joe den selbst zur Genüge.

Bei all dem Spott, den Nicolas Cage in den letzten Jahren für seine fragwürdigen Filme und seine in den Medien breitgetretene Steuerschulden ertragen musste, vergisst man leicht, dass er sich einst als ernstzunehmender Schauspieler einen Namen gemacht hatte. Dabei braucht es nicht einmal viel, wie er in Joe – Die Rache ist sein unter Beweis stellen kann. Denn der Film ist, trotz seines reißerischen deutschen Untertitels, in erster Linie ein sehr reduziertes Drama, das sich allein auf seine Figuren und deren Interaktion stützt, ohne viel Handlung und ohne den Schauplatz groß zu variieren.

Doch damit hat Regisseur David Gordon Green ja bereits Erfahrungen gesammelt. Im Vergleich zu seinem letzten Film Prince Avalanche tummeln sich zwar ungleich mehr Charaktere herum, sehr viel näher an der Zivilisation sind wir jedoch nicht. Noch immer hat man den Eindruck, irgendwo im Nirgendwo zu sein. Ein Ort, den die Menschen vergessen haben. Wo sie sich selbst vergessen haben. War bei Greens letztem Film bei aller leiser Melancholie doch noch der Wunsch zu spüren gewesen, es irgendwann, irgendwo, irgendwie besser zu haben, haben die Menschen hier jede Hoffnung längst im Alkohol ertränkt, mit Gewalt oder billigem Sex verdrängt.Joe – Die Rache ist sein Szene 1

Für strahlende Helden ist in einem solchen Umfeld natürlich kein Platz. Abgesehen vom Hoffnungsschimmer Gary wird man sich auch schwertun, überhaupt Sympathieträger zu finden: Der gutmütige Cop war früher selbst als Schläger unterwegs, Joes so-irgendwie-Freundin arbeitet als Prostituierte. Und Joe selbst zeigt an vielen Stellen zwar, dass unter der rauen Schale tatsächlich ein wohlmeinendes Herz schlägt. Gleichzeitig hat er aber auch kein Problem damit, andere für Nichtigkeiten bis an die Grenze des Todes zu verprügeln. Oder auch über diese hinaus. Immer wieder wird die Trostlosigkeit auf diese Weise gewaltsam durchbrochen, einige Szenen sind so willkürlich brutal und hart, dass man unweigerlich zusammenzuckt.

Doch trotz dieser Willkürlichkeit bleibt die Verfilmung von Larry Browns gleichnamigen Roman erschreckend glaubwürdig. Cage steht nach diversen wenig fordernden Rollen als widersprüchlicher Antiheld zweifelsfrei im Mittelpunkt, und seine Darstellung ist physisch wie psychisch von einer durchdringenden Intensität geprägt. Und auch Nachwuchsschauspieler Tye Sheridan zeigt nach dem ähnlich gelungenen Südstaatendrama Mud nun schon zum zweiten Mal, dass wir uns da in Zukunft noch auf einiges freuen dürfen.Joe – Die Rache ist sein Szene 2

Die größte – wenn auch traurigste – Überraschung ist daher Gary Poulter. Green hatte ihn von der Straße weg engagiert, wortwörtlich: Poulter war selbst Obdachloser und ohne jegliche Schauspielerfahrung. Wenn Wade Essen aus dem Müll fischt oder alles, wirklich alles, dafür tut, an Geld zu kommen, verschwimmen die Grenzen zwischen Film und Realität. Während Joe mit inneren Konflikten kämpft und Gary auf dem besten Wege dorthin ist, gibt es diese bei Wade nicht mehr, eine Rückkehr in ein normales, geordnetes Leben ist längst verbaut. Und das war sie auch für Poulter, der bald nach Drehschluss in einem Obdachlosenheim verstarb.

Joe – Die Rache ist sein ist seit 23. Oktober auf DVD und Blu-ray erhältlich

Joe – Die Rache ist sein
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Joe – Die Rache ist sein
Das Südstaatendrama Joe – Die Rache ist sein bietet nur wenig Anlass für Hoffnung: Fast alle Figuren sind gebrochen oder konfliktbeladen, einige Szenen fast unerträglich hart. Auf eine große Handlung muss man zwar verzichten, aber die intensiven Schauspielleistungen lassen einen das schnell vergessen.
8von 10

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