(„Strings“ directed by Anders Ronnow-Klarlund, 2004)

Strings – Fäden des SchicksalsFilmschaffende sind so ziemlich die einzigen, die auch im Erwachsenenalter noch mit Puppen spielen dürfen, ohne dass da jemand mit einer Zwangsjacke hinter ihnen steht. Und das Publikum scheint es zu freuen, denn egal ob Stop-Motion-Abenteuer (Frankenweenie) oder auch Handpuppenhelden (Muppets Most Wanted, Geld her oder Autsch’n), altmodische Puppenfilme schaffen es auch im Zeitalter der Digitalisierung in regelmäßigen Abständen in die Kinos. Etwas im Schatten dieser beiden Techniken steht eine weitere Puppenart, die es schon seit der Antike gibt, für Hollywood aber nur wenig Begeisterung zeigt: Marionetten. Und doch gab es 2004 plötzlich sogar zwei Filme, die mit der traditionellen Darstellungsform um die Gunst der Zuschauer kämpften. Während Team America: World Police von South-Park-Schöpfer Trey Parker schon aufgrund seines Namens ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit sicher war, hatte der skandinavische Verwandte Strings – Fäden des Schicksals diesen Bonus nicht. Allein für diesen Mut hat es der Film verdient, ihn uns in Teil sieben unseres fortlaufenden Animationsspecials einmal anzuschauen.

Dass es für Marionetten in der heutigen Zeit keinen richtigen Platz mehr auf der Leinwand geben will, ist leicht zu erklären: Die Fäden, die an jedem Gelenk hängen und mit denen die Puppen zum Leben erweckt werden, sind für jeden klar sichtbar. Warum sollte man auf eine solche Technik zurückgreifen, wenn der Computer eine viel überzeugendere Illusion erschaffen kann? Dessen waren sich der dänische Regisseur Anders Ronnow-Klarlund und seine Ko-Autorin, die Schriftstellerin Naja Marie Aidt, auch bewusst. Also traten die beiden die Flucht nach vorne an und taten erst gar nicht so, als würde es die Fäden nicht geben. Im Gegenteil: Hier sind sie ein fester Bestandteil der Geschichte, jeder ist über sie mit dem Himmel verbunden. Werden diese durchtrennt, vor allem der alles entscheidende Lebensfaden am Kopf, bedeutet das das Ende der Figur.Strings – Fäden des Schicksals Szene 1

Und eben ein solches wünscht sich Halderon, der mächtige König von Hebalon. Alt ist er geworden und voller Reue über seine vielen grausamen Missetaten. Doch bevor er seinen Kopffaden durchschneidet, schreibt er seinem Sohn Hal einen Abschiedsbrief. In diesem überträgt er ihm den Thron mit der inständigen Bitte, endlich Frieden mit dem Volk der Zerither zu schließen. Halderons Bruder Nezo jedoch hat so gar kein Interesse an dem plötzlichen Sinneswandel des alten Tyrannen. Und so lässt er die letzte Nachricht verschwinden, inszeniert das Ableben des Monarchen als einen heimtückischen Mord durch die Zerither und überredet den Thronfolger, ins Feindesland zu ziehen, um Rache zu üben. Natürlich nicht ohne Hintergedanken: Nezo will auch Hal umbringen lassen, um selbst an die Macht zu kommen.

Komplex ist die Geschichte sicher nicht, eher standardmäßiges, leicht belangloses Märchenmaterial, mit dem auch jüngere Zuschauer nicht überfordert sein sollten. Für die dürfte der Film aber etwas zu düster sein, viele Elemente sind selbst für Erwachsene harter Tobak. So züchtet Hebalon beispielsweise Sklaven, deren einziger Zweck ist, als Ersatzteillager für die Oberschicht herzuhalten. Verstümmelung ist hier also gang und gäbe. Und auch der Tod findet oft Einzug in Strings – Fäden des Schicksals, von der Selbsttötung  des Königs zu Beginn über versuchte Attentate bis zu einem ausgewachsenen Völkermord. Und wenn Hals Begleiter Erito zwischendurch auf die einfädigen Orakel trifft, ist das so furchteinflößend, dass die verfluchte Puppe Annabell aus Conjuring – Die Heimsuchung im Anschluss nur noch als bessere Barbie durchgeht.Strings – Fäden des Schicksals Szene 2

Diese Mischung von kindlichen und sehr erwachsenen Elementen ist natürlich nicht einfach zu verkaufen, gerade auch wenn diese in einer vermeintlich überholten Technik präsentiert werden. So verwundert es dann auch nicht weiter, dass der Film vor zehn Jahren von der breiten Masse ignoriert wurde. Wie auch, wenn es Strings – Fäden des Schicksals nach seinem Debüt auf dem Cannes Filmmarkt nur sehr begrenzt in die Kinos kam? In Deutschland verzichtete man gleich völlig darauf und auch auf den DVD-Release musste man Jahre lang warten. Gelohnt hat sich die Wartezeit jedoch, denn die europäische Koproduktion ist sicher einer der ungewöhnlichsten Beispiele für Animationskunst der letzten Jahre. Und deutlich aufwändiger, als man vermuten möchte.

Mehre Jahre wurde an dem Film gearbeitet, über 200 Leute aus der ganzen Welt waren beteiligt, 2500 detaillierte Zeichnungen wurden vor Drehbeginn angefertigt und ein paar Millionen hat der Spaß am Ende auch gekostet. Was auf dem Bildschirm so banal wirkt, braucht oft viel Geschicklichkeit und sehr gutes Timing: Teilweise mussten gleich drei Puppenspieler pro Figur ran, um die einzelnen Körperteile überzeugend zu bewegen. Natürlich sind die Animationen technikbedingt trotz allem recht eingeschränkt, da sind andere Methoden einfach flexibler.

Und doch ist es beeindruckend, wie lebendig hier alles ist, wie viele Emotionen eine Puppe vermitteln kann, die nicht einmal einen Mund hat. Viel Zeit wurde deshalb auch in die Designs der Marionetten investiert. Die Prinzessin des Reiches etwa besteht im Gegensatz zu den anderen Figuren aus Porzellan, der König hat überall Kerben, um das Alter zu verdeutlichen, das Gesicht der Zeritherin Zita hat etwas Afrikanisches an sich. Dem Detailreichtum stehen die liebevoll konstruierten Kulissen in nichts nach: Von der Anfangszene im verregneten Königsgemach über den geschäftigen Markt voll umherwuselnder Puppen bis zum gespenstischen See der tausend toten Krieger – hier wurde eine so abwechslungsreiche und dichte Atmosphäre geschaffen, dass jeder überzeugte Animationsfan allein schon für die ungewöhnlichen Darstellungen Strings – Fäden des Schicksals einmal eine Chance geben sollte.

Strings – Fäden des Schicksals
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Strings – Fäden des Schicksals
Die Geschichte ist nichts Besonderes, außerdem wechselt Strings – Fäden des Schicksals unentschlossen zwischen kindlichen und erwachsenen Themen hin und her. Doch der aufwändig gestaltete Marionettenfilm ist allein für seine dichte Atmosphäre und die detailreichen Puppen und Kulissen ein Geheimtipp für jeden Animationsfan.
7von 10

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