(„Essential Killing“ directed by Jerzy Skolimowski, 2010)

Seit Abu Ghraib in den Schlagzeilen stand weiß jeder aufgeklärte Bürger, dass „Water-Boarding“ kein neuer Fun-Sport, sondern eine unmenschliche Foltermethode ist. Die US-Streitkräfte büßten während der Besetzung des Iraks noch mehr an normativer Legitimität ein. Essential Killing ist kein Gefängnisfilm, der etwa in Spielfilmlänge den Alltag in einem Foltergefängnis darstellen würde. Vielmehr hat der Drehbuchautor und Regisseur Jerzy Skolimowski auf Basis von Foltergefängnissen einen atemberaubenden Verfolgungsthriller gedreht.

Der Afghane Mohammed (Vincent Gallo) will leben. Mit aller Kraft kämpft er sich durch die eisige Hölle einer feindlichen Schneewelt, irgendwo in Osteuropa. Amerikanische Soldaten sind ihm dicht auf den Fersen. Sie haben ihn in den Schluchten seiner afghanischen Heimat eingefangen, gefoltert und verschleppt, denn er hat drei von ihnen getötet. Jetzt ist er auf der Flucht. In dieser abweisenden, kältestarren Weite gibt es nur eines: am Leben bleiben! Laufen, sich wärmen, essen, sich verteidigen und töten – immer wieder töten, um nicht zu sterben. Gejagt wie ein wildes Tier kämpft sich der Mann weiter.

Der gebürtige Pole Skolimowski hat mit Essential Killing einen intensiven Cross-Country-Survival-Thriller geschaffen. Durch den Einsatz von Subjektiven Einstellungen, verwackelter Handkamera und innovativen Traumsequenzen, bei denen – durch Überlichtung oder Filtereinsatz – ein unnatürlich helles Licht erzeugt wurde, lotet der Regisseur das Genre neu aus. In 81 Minuten leidet der Zuschauer mit dem Afghanen mit, der bei seiner Flucht abwechselnd von Glück und Pech heimgesucht wird. Hinzu kommen die faszinierenden Bilder aus einer menschenfeindlichen Region, die schnell eine starke Sogwirkung entfalten.

Essential Killing ist weniger ein Film über das Töten. Es ist mehr ein Film über den Instinkt. Wie verhält sich ein Mensch, der in einer ausweglosen Extremsituation steckt? Jede Sekunde um das nackte Überleben kämpft – gegen Hunger, Kälte und Durst? Getrieben und mit dem Rücken an der Wand mobilisiert er Kraftreserven, die einem gewöhnlichen Menschen im Alltag unbekannt sind.

Der Film wird vor allem vom Hauptdarsteller getragen, den die Indie-Film-Fraktion aus dessen Haupt- und Nebenrollen von Filmen wie Buffalo 66, Arizona Dream oder L.A. Without a Map kennt. Vincent Gallo liefert eine überragende Darbietung ab, ohne auch nur ein einziges Wort zu sprechen. Der sichtlich abgemagerte Gallo erinnert sogleich an Christian Bale (The Machinist, Rescue Dawn), entwickelt sich aber als instinktiver Überlebenskämpfer mit viel „Einstecker“-Qualitäten weiter. Daneben erhält auch Emmanuelle Seigner (Le scaphandre et le papillon) einen erwähnenswerten Kurzauftritt.

Skolimowski ist mit Essential Killing ein außergewöhnliches Überlebensdrama gelungen, in dem Indie-Film-Schauspieler Gallo eine ganz neue Seite von sich zeigt. Die DVD enthält den Kinotrailer sowie eine Trailershow. Die deutsche Synchronisation ist zwar nicht empfehlenswert, aber es gibt auch nur wenig Dialoge, was von daher nicht stark ins Gewicht fällt.

Essential Killing ist ab 7. Juni auf Blu-Ray und DVD erhältlich

Essential Killing
4.25 (85%) 24 Artikel bewerten

Essential Killing
8von 10

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2 Responses

  1. Lorenz Mutschlechner

    Hab ihn jetzt auch gesehen. Interessant ist er allemal, aber im letzten Drittel wird das Ganze dann doch sehr, sehr zähflüssig. Der Zuschauer wird hier gänzlich alleine gelassen und obwohl politisch durchaus brisante Themen angesprochen werden, werden diese nicht gewertet sondern einfach nur gezeigt. Mal abgesehen davon geht es aber wie Du korrekt schreibst aber eigentlich nur um den menschlichen Überlebensinstinkt. Die Performance von Gallo, der hier kein einziges Wort verliert, muss dabei am allermeisten hervorgehoben werden.

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