Kritik

Arizona Dream

„Arizona Dream“ // Deutschland-Start: 13. Mai 1993 (Kino) // 30. September 2003 (DVD)

Eigentlich bestand die Welt von Axel (Johnny Depp) zuletzt nur noch aus Fischen, selbst seine Träume sind davon geprägt. Aber vielleicht gibt es ja wirklich noch mehr im Leben. Und so lässt er sich von seinem Cousin Paul (Vincent Gallo) dazu überreden, New York zu verlassen und zurück in seine Heimat Arizona zu gehen, wo er für seinen Onkel Leo (Jerry Lewis) Cadillacs verkaufen soll. Dabei lernt er die exzentrische Witwe Elaine (Faye Dunaway) kennen, die schon immer davon träumte, eine Flugmaschine zu bauen. Und eben diesen Traum will Axel seiner neuen Liebe bauen – sehr zum Missfallen von deren eifersüchtigen Stieftochter Grace (Lili Taylor) …

Der Amerikanische Traum besagt, dass jeder alles werden kann, wenn er es nur richtig will und sich entsprechend anstrengt – die Mär vom Tellerwäscher, der zum Millionär aufgestiegen ist. Dass dieses Versprechen längst zu einer leeren Lüge geworden ist, sofern denn überhaupt je Wahrheit darin zu finden war, das ist nicht gerade ein gut gehütetes Geheimnis. Doch das bedeutet nicht, dass man Träumen nicht weiter nachjagen kann. Dass die Erfüllung nur am Ende wartet, wenn man die Million beisammen hat. Arizona Dream zumindest zeigt, dass auch der Traum an sich von Wert ist, selbst wenn man ihn nicht umsetzen kann.

Ein Meer aus Träumen
Die erste Hürde in Arizona Dream ist jedoch nicht die Umsetzung an sich. Vielmehr ist es schon eine kleine Herausforderung, in den vielen Träumen nicht verlorenzugehen, die hier nach und nach hervorgebracht werden. Tatsächlich beginnt der Film mit einem solchen, wenn wir im Kopf von Axel einen Abstecher zu den Eskimos machen, wo jemand davon träumt, einen seltenen Fisch zu fangen. Auch der Traum von Grace hat mit Tieren zu tun, ihr haben es die Schildkröten angetan. Leo will einfach nur eine junge schöne Frau an seiner Seite, um sich selbst sexy zu fühlen. Paul wiederum will Schauspieler werden, sucht die Erfüllung im Ausdruck. Und der Kopie. Zu guter letzt wäre da noch die Flugmaschine von Elaine, mit der sie quer über das Land reisen will.

Diese Träume sind natürlich sehr unterschiedlich, existieren hier jedoch Seite an Seite – auch weil die Figuren oft so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass der Austausch ein bisschen einseitig ist. Man reagiert mit Unverständnis, manchmal mit Wut, will die Träume des anderen zerstören. Destruktive Tendenzen haben die meisten hier. Und doch ist Arizona Dream kein düsterer Film, der das Scheitern lamentiert oder die menschlichen Abgründe bedauert, ist eben kein Abgesang auf den Amerikanischen Traum, dem der materialistische Leo noch am nächsten kommt. Es liegt eine gewisse Würde darin, wie die Flugmaschine abstürzt, eine Zärtlichkeit, wenn Paul auf der Bühne für seine skurrile Darstellung ausgelacht wird.

Komische Situationen am laufenden Band
Vor allem aber ist das Werk von Regisseur Emir Kusturica (Time of the Gypsies, On the Milky Road) ziemlich komisch – in mehrfacher Hinsicht. Die verschrobenen Figuren eilen nicht nur während einer nächtlichen Piñata-Szene blind durch die Gegend, stoßen sich die Köpfe oder andere Körperteile. Auch als Zuschauer verliert man hier schnell die Orientierung. Das liegt jedoch weniger am begrenzten Schauplatz, der über weite Strecken nur das abgelegene Haus von Elaine beinhaltet, als vielmehr an den irrwitzigen Situationen, die sich nur selten logisch auseinander ergeben. Da wird musiziert, während Schildkröten durchs Bild krabbeln, Gespräche eskalieren in unbekannte Richtungen, man weiß oft nicht, warum wer was macht.

Tatsächlich gleicht Arizona Dream selbst einem Traum, ein vergessenes Reich im trockenen Nirgendwo, auf dem ein Zauber liegt. Diese oft leicht surreale Atmosphäre, zwischen Tiefgang und Nonsens, ist es auch, die den Film zusammen mit dem starken Ensemble so sehenswert macht, welches keine Angst davor hat, sich einfach mal treiben zu lassen. Ein bisschen lang ist die Komödie schon geworden, gerade auch weil die 140 Minuten nur wenig Entwicklung enthalten, manches sich dann doch wiederholt. Sie ist auch nicht für ein Publikum gedacht, das herkömmliche Gags erwartet oder braucht. Denn die haben sich unterwegs ebenso verirrt. Stattdessen ist der Film eher eine Reise, eine Liebeserklärung an das Träumen und Spinnen, ein Füllhorn der Bilder und Erfahrungen, die Lust darauf machen, selbst wieder die Welt zu erkunden – ob nun in der trockenen Wüste oder einem eisigen Iglu, wo die Träume fliegen lernten.

Credits

OT: „Arizona Dream“
Land: Frankreich, USA
Jahr: 1993
Regie: Emir Kusturica
Drehbuch: David Atkins
Musik: Goran Bregović
Kamera: Vilko Filač
Besetzung: Johnny Depp, Jerry Lewis, Faye Dunaway, Lili Taylor, Vincent Gallo

Bilder

Trailer

Filmfeste

Berlinale 1993
Toronto International Film Festival 1993

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Arizona Dream
„Arizona Dream“ ist ein Film über mehrere Menschen, die ihren Träumen nachjagen und dabei meistens scheitern. Das Ergebnis ist jedoch kein düsteres Drama, sondern vielmehr eine skurrile bis surreale Komödie, bei der die Erfahrung das Ziel ist, nicht die Umsetzung. Das ist ein bisschen lang, aber doch sehenswert und prima besetzt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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