(„Michael Clayton“ directed by Tony Gilroy, 2007)

Michael ClaytonDas Regiedebut von Tony Gilroy, der zuvor als Drehbuchautor („Im Auftrag des Teufels“, die „Bourne“-Trilogie) auf sich Aufmerksam gemacht hat, spielt in der Welt der Anwälte und Großkonzerne. Also ein Angestelltenthriller. Ein Genre, das zuletzt ein weitgehend unbemerktes Comeback feierte. Filme wie „Von Löwen und Lämmern“ (Robert Redford) oder „Machtlos“ (Gavin Hood) zeigten den skrupellosen Umgang von wirtschaftlichen oder politischen Institutionen mit ihren Untergebenen auf. Umso spannender stellt sich also die Frage, was Gilroy gemacht hat.
Zunächst einmal ist da der Titelheld (George Clooney). Der ehemalige Staatsanwalt ist in der Kanzlei „Kenner, Bach & Ledeen’s“ als sogenannter „Fixer“ angestellt: Seine Aufgaben umfassen sämtliche Problemlösungen im Zusammenhang mit den Mandanten der Anwaltskanzlei. Er ist der juristische Feuerwehrmann, der kommt wenn es brennt – egal, ob es sich dabei um Feuerchen oder große Brände handelt. Wie er das Feuer löscht, ist ihm einerlei: Um sein Ziel zu erreichen scheut er auch nicht davor zurück gesetzliche Grenzen zu übertreten. Dann ist da noch Claytons Mitarbeiter Arthur Edens (Tom Wilkinson). Dieser betagte Anwalt zeichnete sich bisher durch seine tadellose Arbeit aus. Edens vollzieht einen Sinneswandel, vom kaltblütigen Nadelstreifen-Saulus zum wirtschaftsethischen Paulus. So will er, nachdem er einen exhibitionistischen Exzess in der Öffentlichkeit veranstaltet und einem Nervenzusammenbruch erlitten hat, aus moralischen Gründen die Wahrheit über einen Klienten der Kanzlei – der Chemiekonzern U-North – Publik machen. Clayton soll Edens an die Leine binden. Es kommt zum Duell: U-North mit der gewissenlosen Karen Crowder (Tilda Swinton) als Speerspitze gegen Clayton, der Edens und Crowder beiderseits besänftigen muss.
Gilroy („Duplicity“) legt mit seiner ersten Regiearbeit gleich mal einen Geniestreich vor. So überrascht er beispielsweise, indem er für das Genre untypische, surrealistische Elemente verwendet: Clayton steigt aus dem Auto, weil ein mythisch anmutendes Pferd abseits einer Landstraße erblickt – was ihm sein Leben rettet. Ansonsten wirkt der Film jedoch straight wie eine Gewehrkugel: Die Dialoge und die Erzählweise des Films sind so messerscharf und raffiniert, dass man keine Sekunde verpassen darf. Zugleich beweist Gilroy thematisches Gespür für relevante Themen: nach dem Ausbruch der weltweiten Wirtschaftskrise, wo der Ruf nach mehr Werten für Manager laut wurde, kann es beinahe als visionär gelten, wenn man davon absehen würde, dass skrupelloses Verhalten zu jeder Zeit und in jeder Branche ethisch nicht haltbar sind.
Clooney avanciert neben Sean Penn („Into the Wild”, „Milk“) immer mehr zum intellektuellen Gewissen Hollywoods. So wusste er bereits in „Syriana“ (Stephen Gaghan) und „Good Night, and Good Luck“ (George Clooney) sein Können in den Dienst politisch relevanter Themen zu legen. In Gilroys Justiz-Thriller besticht er ein weiteres Mal. Erwähnenswert ist außerdem die nicht minder ausgefallene Leistung von Swinton („Adaption“, „The Limits of Control“), wofür sie 2008 den Oscar als beste Nebendarstellerin erhielt. Wilkinson ähnelt mit seiner Rolle als Abdriftender an eine Figur aus dem Film „Network“ (Sidney Lumet): Hier ist es Peter Finch alias Howard Beale, der als alternder Nachrichtensprecher die Nerven verliert und fortan als rebellierender und agitierender TV-Messias die Massen entzückt, indem er die Dinge beim Namen nennt und die Verantwortlichen beschimpft. Beiden gemein ist ein plötzlich eintretender Sinneswandel hin zu einer hypermoralischen Geisteshaltung, der mit Nervenzusammenbrüchen einhergeht.
Atmosphärisch erinnert „Michael Clayton“ neben den bereits eingangs erwähnten Arbeiten auch an die Angestelltenthriller „Die Drei Tage des Condor“, „Die Firma“ oder „Die Dolmetscherin“, was nicht weiter verwundert: Alle drei aufgezählten Filme stammen vom Regisseur Sydney Pollack, der auch in den 120 Minuten von Gilroy (als Marty Bach) sein Talent als Schauspieler unter Beweis stellt. Jedoch verwendet der Regieneuling im Verlgeich zum Altmeister eine völlig andere Ästhetik: Dominant ist kalt- klares, bläuliches Licht, das den wirtschaftlichen Zeitgeist brillant einzufangen weiß.

Michael Clayton
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