(„9to5: Days in Porn“ directed by Jens Hoffmann, 2008)

9to5: Day is PornRund 100 Milliarden Euro werden jährlich in einem Genre erwirtschaftet, das immer noch höchst verpönt ist und von dem so angeblich niemand irgendetwas in seinem Leben gesehen haben will. Mit 9To5 ermöglicht Dokumentarfilmer Jens Hoffmann nun den „wenigen“ Konsumenten als auch den Unbeleckten, wenn dieses Wortspiel gestattet ist, unter uns einen tieferen Einblick in die Welt des Pornofilms. Doch nicht nur der harte Arbeitsalltag der Darsteller und Darstellerinnen wird offen dargelegt, auch an ihren privaten Seiten, ihren Träumen und Nöten darf der Zuschauer teilhaben.
Hoffmann bedient sich einer gezielten Auswahl von Stars und Sternchen und schafft so einen recht guten Überblick über die Szene in San Fernando Valley, dem Zentrum des Erwachsenenfilms in den USA. Wir treffen unter anderem auf das Pärchen Audrey Hollander und Otto Bauer, werden Zeuge ihres Privatlebens und ihrer Arbeitswelt, die beide nicht immer so konform laufen, wie es von ihnen gerne beteuert wird. Auch wenn sie vorgeben, Arbeit und Privatleben seien strikt getrennt und es deshalb auch keine Eifersüchteleien gebe, so erzählt Audreys Blick, wenn Otto mit einer anderen Darstellerin in den Ring steigt, eine andere, traurigere Geschichte. Sasha Grey ist Überzeugungstäterin, will die Branche revolutionieren. Jung, bildschön und sehr aufgeräumt hat sie die Pornowelt erobert und diktiert trotz ihrer erst kurzen, aber steilen Karriere bereits jetzt ihren Mitstreitern wo es lang geht. Sie hat zur Erfüllung ihrer Bedürfnisse klare Ziele vor Augen, arbeitete mit den Smashing Pumpkins und Dave Navarro (Jane’s Addiction, Red Hot Chili Peppers) und zuletzt gar mit Regisseur Steven Soderbergh zusammen. Den ganz großen Sprung hat Katja Kassin zum Zeitpunkt des Drehs dagegen nicht gemacht. Nach einem abgebrochenen Studium, Aufträgen als Nacktmodell und Auftritten in „Wa(h)re Liebe“, reiste die gebürtige Leipzigerin in die USA, um dort den großen Coup zu landen. Bislang blieb dieser jedoch aus und Katja Kassin betreibt in eigener Sache ein Escort-Unternehmen für ihre Fans. Manager Mark Spiegler sieht das Ganze abgeklärt. Die Mädchen hoffen, dass sie über den Umweg über das Pornogeschäft als Stars in Hollywood enden. Trugschluss.
Bereits im Vorfeld gingen die Meinungen über Hoffmanns Dokumentation stark auseinander. Die einen hielten den durchweg unkommentierten Film für verherrlichend, die anderen sahen in ihm ein Genre, das sich selbst entlarvt. Natürlich erkennt man an allen Ecken und Kanten, dass Hoffmann ein Faible für das Genre hat und es offensichtlich ganz angenehm fand, einmal so nahe dabei zu sein. Doch trotz des leicht voyeuristischen Einschlags, hält 9To5 Distanz zu dem Geschehen, indem ständig Menschen und Gegenstände zwischen Kameralinse und Protagonisten platziert sind. Auf diese Weise ist es dem Rezipienten möglich, sich eine eigene Meinung von einer Welt machen, in der Karriere und Abstieg sehr nahe beisammen liegen. Der ganz große Absturz der Akteure und Aktricen bleibt jedoch im Film aus, was ihn dann doch ein wenig zu unkritisch erscheinen lässt. Eine interessante Einsicht ins turbulente Geschehen bietet er aber allemal.

9to5: Days in Porn
4.18 (83.64%) 22 Artikel bewerten

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3 Responses

  1. Inspector Santini

    Um ehrlich zu sein hab ich mich schon lange gefragt wann endlich so eine Doku kommt. Das Porn-Biz ist so „on the edge“ und voll von tragischen und extremen Menschen; das muss einfach einfach interessante Doku sein. Danke für den Tipp!

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  2. Breakout

    Sehe das ähnlich wie Du, Inspector Santini. Hab‘ neulich einen Bericht über die Doku gesehen und kann solche Versuche nur gutheißen. Wenn man den Umsatz und die Anzahl von produzierten Filmen der Pornobranche betrachtet, steht das in keinem Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung und dem Ruf, den dieses Gewerbe hat. Insofern tut es wirklich gut, wenn zumindest versucht wird, diesen dunklen Fleck etwas auszuleuchten. Und die Menschen hinter den Filmen zu sehen, tut den KonsumentInnen sicher auch ganz gut. Interessant scheint mir das jedenfalls allemal zu sein.

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