(„Gokiburitachi no tasogare“ directed by Hiroaki Yoshida, 1987)

Twilight of the Cockroaches

„Twilight of the Cockroaches“ läuft im Rahmen des Nippon Connection Filmfestivals (24. bis 29. Mai) in Frankfurt

Das Leben von Naomi und ihrem Küchenstabenstamm könnte besser nicht sein: Man hat sich mit Saito (Kaoru Kobayashi) arrangiert, einem etwas phlegmatischen Junggesellen, der sich weder an der Unordnung in seiner Wohnung, noch an den umherschwirrenden Insekten stört. Kaum etwas erinnert noch an die finstere Vergangenheit, wo die Schaben um ihr Essen kämpfen mussten und in der ständigen Gefahr lebten, von Menschen getötet zu werden. Ganz anders beim Soldaten Hans, der eines Tages verletzt aufgefunden wird und dessen Stamm in einem kontinuierlichen Überlebenskampf steckt. Aber auch das eigene Idyll ist in Gefahr, als Saito eine Frau kennenlernt, die so gar kein Verständnis für eine von Schaben überrannte Wohnung hat.

Auch wenn Insekten nicht unbedingt den Knuddel- und Sympathiefaktor etwa von Hunden oder Katzen haben, so gab es doch von Hoppity kommt zurück über Biene Maja bis zu Das große Krabbeln eine Reihe von Animationsfilmen und -serien, die eben sie zu ihren Protagonisten machten. Ein ähnlich großer Klassiker wie die Beispiele oben ist Twilight of the Cockroaches sicher nicht, was auch damit zusammenhängen dürfte, dass er hierzulande nie veröffentlicht wurde. Und auch in den USA muss man schon Glück haben, um noch eine der damaligen VHS-Kassetten auftreiben zu können. Zumindest dort dürften sich aber noch einige ältere Animefans daran erinnern, wurde der Film doch in den 90ern oft zusammen mit Vampire Hunter D und Robot Carnival im Fernsehen ausgestrahlt.

Ausgerechnet die nicht unbedingt hoch im Kurs stehenden Küchenschaben zu Helden zu erklären, ist aber nicht die einzige Besonderheit des Films. Auch die Art und Weise, wie die Geschichte umgesetzt wurde, ist selbst bald 30 Jahre nach der Produktion zumindest bemerkenswert. Ähnlich zu Falsches Spiel mit Roger Rabbit ist das japanische Werk eine Mischung aus Realfilm und Animation. Dabei wurde großes Augenmerk darauf gelegt, die Schaben möglichst menschlich erscheinen zu lassen: Die von Designlegende Yoshitaka Amano (Angel’s Egg, Ayakashi: Samurai Horror Tales) entworfenen Schaben haben nicht nur Augenbrauen oder im Fall von Naomi einen Busen, sie tragen auch Lippenstift, benutzen Brillen, schauen fern oder treffen sich zum Tanzen.

Und doch wurde darauf geachtet, die Welt der Schaben und die der Menschen nicht zu sehr zu verwischen. Das betrifft zum einen die realen Hintergründe, vor denen Naomi und Co. agieren, aber auch die Perspektive: Tische, Schränke und sonstige Möbelstücke werden ausschließlich von unten gezeigt, so wie sie eben ein Insekt sehen würde. Zum anderen aber auch die Menschen selbst. Kein einziges Mal hören wir sie sprechen, als stumme, distanzierte Riesen stapfen sie durch die Wohnung. Und das in einer gewaltigen Lautstärke: Wenn sie doch einmal im Fokus sind, dann sind die von ihnen verursachten Geräusche – Schritte, Gurgeln etc. – zu einem ohrenbetäubenden Lärm aufgedreht, wie es wohl ein kleines Insekt empfinden würde.

Technisch ist das vom Animationsstudio Madhouse (Barfuß durch Hiroshima, Robotic Angel) produzierte Werk nicht überragend, die diversen Gimmicks und zwischenzeitliche Stop-Motion-Einlagen sorgen aber für genügend optische Abwechslung. Inhaltlich sieht es da schon düsterer aus, in mehrfacher Hinsicht. In Twilight of the Cockroaches sterben im Lauf des 106 Minuten langen Films so viele Insekten, dass das für ein kleines Kriegstrauma reicht. Das betrifft jedoch vor allem das hochdramatische Ende, davor passiert recht lange recht wenig, die von Hiroaki Yoshida inszenierte wie auch geschriebene Geschichte kümmert sich dann mehr um Naomis aufkeimenden Gefühle Hans gegenüber als um das Schabenvolk. Dieses soll übrigens, so manche Interpretation, auch als Allegorie für den Umgang mit Fremden stehen, wenn nicht gar für den Genozid des Holocausts. Richtig überzeugend ist das jedoch nicht, dafür entwickeln die Insekten trotz aller Vermenschlichung nicht genügend Charakter, bleiben am Ende eben doch „nur“ Insekten. Sehenswert ist der Film dennoch, allein seines kuriosen Szenarios wegen. Wer die Möglichkeit hat, auf das diesjährige japanische Filmfestival Nippon Connection in Frankfurt zu gehen, sollte daher diese nutzen und sich am 28. Mai Twilight of the Cockroaches anschauen. Schon einen Tag vorher dürfen Besucher übrigens einem Vortrag lauschen, der sich genau dem Thema „Insekten in Animationsfilmen“ gewidmet hat, der sich ebenfalls einige interessante Perspektiven zu bieten hat.

Twilight of the Cockroaches
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Twilight of the Cockroaches
Der hierzulande recht unbekannte Realfilm-/Animehybrid „Twilight of the Cockroaches“ über einen Stamm Küchenschaben ist aufgrund seines kuriosen Szenarios und einigen cleveren Inszenierungsideen sehenswert, selbst wenn der Inhalt zwischenzeitlich eher ereignislos ist.
6von 10

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