
Algerien in den 1990ern: Nedjma (Lyna Khoudri) liebt die Mode, liebt die Arbeit mit den Farben und den Stoffen! Mehr noch, die junge Studentin träumt davon, in ihrer Universität eine eigene Modenschau zu veranstalten. An Leidenschaft mangelt es nicht, ihre Freundinnen sind ebenfalls dafür zu haben. Andere haben hingegen damit ein Problem. In der algerischen Gesellschaft gewinnen reaktionäre Kräfte an Einfluss, die das mit der Selbstbestimmung von Frauen nicht so gern sehen. Tatsächlich gibt es Bestrebungen, dass diese sich in Zukunft wieder verschleiern und verhüllen sollen, um nicht weiter Männer zu provozieren. Doch Nedjma will provozieren, will sich nichts vorschreiben lassen und kämpft auch weiterhin dafür, dass sie und die anderen sich so zeigen dürfen, wie sie es möchten …
Kampf für private Rechte
Früher dürften die meisten gedacht haben, dass Gesellschaften sich fast zwangsweise so entwickeln, dass sie immer offener und liberaler werden. Inzwischen ist klar, das ist ein Irrtum. In manchen Fällen geschieht die Gegenbewegung sehr spontan, wenn reaktionäre Leute die Macht ergreifen, siehe Iran oder Afghanistan. In den westlichen Ländern geschieht vieles davon eher schleichend, wenn auf einmal alte Geschlechterbilder zurückkehren oder die Akzeptanz für alternative Lebensmodelle abnimmt. Papicha – Der Traum von Freiheit erzählt von einem solchen schleichenden Prozess anhand des Beispiels Algerien, das in den 1990ern einen Aufwind von Islamisten miterlebte, der später zu blutigen Auseinandersetzungen führte.
Die algerische Regisseurin und Co-Autorin Mounia Meddour erzählt in ihrem ersten Spielfilm von diesem Wandel und wählt dafür die Perspektive einer jungen Frau. Diese ist eigentlich gar nicht politisch, fällt nicht durch Pläne auf, die Gesellschaft zu verändern. Sie lebt eher im Privaten. Nur wird eben dieses Private bedroht, weshalb sie sich kämpferisch gibt, um das Leben fortzuführen, das sie für sich entdeckt hat. Papicha – Der Traum von Freiheit ist dann auch ein Drama, das stark von Konflikten geprägt ist. Und in deren Zentrum steht Nedjma, eine lebenshungrige und konfrontative junge Frau, die nicht so einfach vor anderen kuscht. Wenn sie ein Mann aus ihrem Umfeld in die Schranken verweisen will, geht sie zum Gegenangriff über. Angst hat sie keine, sie legt sich mit vielen an, um ihren Kopf durchzusetzen und ihre Freiheit zu verteidigen.
Mitreißend und vielversprechend
Das ist mitreißend von Lyna Khoudri gespielt, die 2020 für diese Darbietung einen César als beste Nachwuchsschauspielerin erhielt und später in großen Produktionen wie The French Dispatch und Die drei Musketiere: D’Artagnan zu sehen war. Wie ein Wirbelwind fegt die selbst in den 1990ern in Algerien geborene Schauspielerin durch die Gegend und macht aus ihrem Widerstand ein Event, das in der angesprochenen Modenschau ihren Höhepunkt findet. Daneben verblasst ein wenig das übrige Ensemble, auch weil die Figuren nicht dieselbe Aufmerksamkeit erhalten. Das von eigenen Erfahrungen von Meddour geprägte Papicha – Der Traum von Freiheit hätte in der Hinsicht vielleicht noch ein wenig mehr tun dürfen.
Dafür ist das Drama, das 2019 in der Sektion Un Certain Regard von Cannes Weltpremiere feierte, an anderen Stellen zu übereifrig. Anstatt sich weiterhin auf die Protagonistin zu konzentrieren und zu zeigen, wie sich ihr Leben verändert, geschieht dann auf einmal ganz viel. Die Situation eskaliert ausgiebig, alles gerät außer Kontrolle und wird richtig groß. Ob es das alles unbedingt gebraucht hätte, darüber lässt sich streiten. Ein wenig verliert der Film da schon seinen Fokus. Insgesamt ist Papicha – Der Traum von Freiheit aber ein sehenswertes Werk geworden, welches vor wie hinter der Kamera vielversprechende Talente vereint und in Zeiten gesellschaftlicher Rückschritte durchaus inspirierend sein kann.
OT: „Papicha“
Land: Frankreich, Algerien, Belgien
Jahr: 2019
Regie: Mounia Meddour
Drehbuch: Mounia Meddour, Fadette Drouard
Musik: Robin Coudert
Kamera: Léo Lefèvre
Besetzung: Lyna Khoudri, Shirine Boutella, Amira Hilda Douaouda, Yasin Houicha
Cannes 2019
Französische Filmtage Tübingen Stuttgart 2019
Französische Filmwoche 2019
Französische Filmwoche 2020
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