Squaring the Circle
Szenenbild aus Anton Corbijns "Squaring the Cirlce" (© Hipgnosis Ltd)

Anton Corbijn [Interview]

Anton Corbijn ist ein niederländischer Fotograf und Regisseur. Schon früh begleitete die Musikszene seine Arbeit, denn über viele Jahre lang prägte er durch Designs, Plattencover und Musikvideos maßgeblich das Image von Bands wie U2, Depeche Mode, Rolling Stones und Bon Jovi. Für sein Musikvideo zu Nirvanas Heart-Shaped Box wurde er 1994 mit dem MTV Music Award ausgezeichnet.

Seit 2007 ist Corbijn als Filmregisseur tätig, wobei ihn auch hier die Musikszene immer wieder begleitet. So beispielsweise bei seinem ersten Spielfilm Control über das Leben des britischen Sängers Ian Curtis, Frontmann der Band Joy Division. Er gewann für sein Regiedebüt international viele Preise, so unter anderem bei den British Independent Film Awards, den Filmfestspielen in Cannes 2007, dem Filmfest Hamburg und dem Film Festival Cologne. Auf diese Arbeit folgten die Projekte The American, A Most Wanted Man und Life.

In seinem ersten Dokumentarfilm Squaring the Circle beleuchtet Corbijn das Schaffen der britischen Grafikdesign-Agentur Hipgnosis, gegründet von Storm Thorgerson und Aubrey Powell. Von den 1960ern an bis hin in die 80er entwarfen sie und ihr Team Plattencover für Bands wie Pink Floyd, Peter Gabriel, Paul McCartney, 10cc und Led Zeppelin. Anlässlich des Kinostarts am 14. März 2024 spricht Anton Corbijn im Interview über die Genese des Projekts, die Verbindung von Musik und Kunst sowie die Generation Spotify.

Als ich Squaring the Circle schaute, hatte ich das Gefühl, dass dies ein Projekt war, was du schon sehr lange machen wolltest, auch wegen deiner Vergangenheit als Art Director für Bands wie Depeche Mode oder U2. Wie kamst du auf die Idee, die Geschichte von Hipgnosis zu erzählen?

Wäre Aubrey Powell nicht zu mit gekommen mit der Idee, hätte ich wohl nie daran gedacht, einen Film über Hipgnosis zu machen. Er meinte, ich sei der Einzige, der diese Geschichte erzählen könne, doch ich war anderer Meinung. Das änderte sich, als er mich in Amsterdam besuchte und mir all diese unglaublichen Anekdoten über ihn, Storm und Hipgnosis erzählte. Letztlich gab ich nach und begann mit den Vorbereitungen zu Squaring the Circle. Dabei half natürlich auch, dass ich großer Fan ihrer Plattencover bin.

Es ist für die Zuschauer faszinierend zu sehen, dass die beiden den Rock N Roll-Lebenstil lebten, ohne selbst Musiker oder in einer Band zu sein. Gibt es eine Geschichte Powells, die du als besonders interessant oder verrückt empfandest?

Ich muss ehrlich sein, ich kann mich leider an keine erinnern, die mir besonders in Erinnerung geblieben wäre. Alle waren auf ihre Art interessant oder verrückt, teils auch wahnsinnig. Diese Geschichten haben es aber auch alle in Squaring the Circle geschafft.

Noel Gallagher spricht in der Dokumentation darüber, wie er und sein Bruder als Jugendliche sich neue Platten kauften und auf ihrem Nachhauseweg andächtig die Cover bewunderten, bevor sie überhaupt nur einen Ton gehört hatten. Ist das auch deine Erfahrung mit Plattencovern?

Auf jeden Fall. Die Zeit, in der ich mir Platten kaufte, war eine ganz andere, speziell für Musik. Man konnte in einen Plattenladen gehen, sich eine LP aussuchen und war dann alleine mit dieser in einer kleinen Kammer, in der man über Kopfhörer endlich die Musik hören konnte. Die Hülle, oder vielmehr das Design, war so etwas wie eine Verbindung oder ein Portal zu der Musik, die man hörte.

Musiker wie Noel Gallagher und Peter Saville, der ebenfalls Plattencover designt, sind in Squaring the Circle vertreten, weil sie einer anderen Generation angehören. Durch sie erfährt man die Ebene der Menschen, die diese Erfahrung machten, von der ich gerade sprach, und deren Arbeit maßgeblich von den Werken Hipgnosis’ beeinflusst wurde.

Du hast gerade davon gesprochen, dass es eine Verbindung zwischen Kunst, in diesem Falle dem Plattencover, und der Musik gibt. Kannst du erklären, wie ein Cover die Themen und den Stil eines Albums oder gar einer Band einfangen, vielleicht sogar prägen kann?

Genau genommen kann man das Cover als Marketing-Tool ansehen. Damals war es sehr wichtig, denn in den meisten Fällen hatten nur wenige die Musik auf dem Album gehört. Man musste sich also schon etwas einfallen lassen, damit man Menschen ansprach oder faszinieren konnte, damit sie sich wiederum auf die Musik und die Band einlassen würden. Das Cover war demnach sehr wichtig.

Die Arbeit von Agenturen wie Hipgnosis ist interessant, weil sie sich wirklich mit der Musik und ihren verschiedenen Aspekten auseinander gesetzt haben. Oftmals – und das hört man auch in Squaring the Circle – sagten die Künstler dann, dass sie über ihre Musik noch nie nachgedacht hätten. Ihre Interpretation unterschied sich sehr von dem, was Powell, Thorgerson und ihre Mitarbeiter darin gesehen haben. Bei über 200 Albumcovern, die Hipgnosis von den 60ern bis zu den 80ern entworfen hat, ist sicherlich das ein oder andere dabei, dass einen Musiker oder eine Band die Augen geöffnet hat, was ihre Musik bedeutet und was sie ausmacht. Das kommt selten vor, aber es ist sehr besonders, wenn es passiert.

Squaring the Circle ist eine erste Dokumentation und unterscheidet sich in ästhetischer Hinsicht von vielen anderen. Kannst du etwas zur Ästhetik deines Filmes sagen?

In erster Linie wollte ich einen Film machen, den ich mir gerne ansehen möchte. Vom Prinzip her gingen ich und mein Team so vor, wie man es wohl denken würde bei einem Dokumentarfilm. Wir nahmen sehr viele Interviews auf und hatten eine Idee, wie wir den Beginn und das Ende haben wollte. Letztlich kamen wir auch nicht darum herum, auf Archivmaterial zurückzugreifen, wobei man viele der Aufnahmen von beispielsweise Led Zeppelin oder Pink Floyd schon viele Male in anderen Kontexten gesehen hat. Etwas zu finden, was noch niemand kennt oder noch nicht so bekannt ist, war eine große Herausforderung.

Eine weitere wichtige Entscheidung war es, den Film in Schwarz-Weiß zu drehen. Nur die Albumcovern sollten in Farbe sein, damit sie für den Zuschauer ein echter Blickfang sein würden.

In deinem Film geht es auch darum, dass die Wichtigkeit eines Albumcovers im Zeitalter von Spotify und Co. sehr nachgelassen hat. Wie kam es dazu?

Das hat sehr viel damit zu tun, dass sich das Format von Musik verändert hat. Heutzutage ist Musik für viele nur noch eine Datei, der ein kleines, stempelgroßes Bild angehängt ist, was dann das Albumcover ist. Die Tatsache, dass Musik nicht mehr den Wert hat, den sie damals, als Hignosis noch Cover machte, hat leider zur Folge, dass auch die Wichtigkeit eines Albumcovers abgenommen hat.

Wenn man jemandem erklären möchte, was die Kunst hinter einem Plattencover ist, was wären für dich Beispiele, anhand derer man dies gut illustrieren könnte?

Ich glaube, Atom Heart Mother von Pink Floyd wäre ein gutes Beispiel, weil es nur ein Bild ist und weder der Name des Albums noch der Name der Band irgendwo zu sehen ist. Das ist auch heute noch sehr radikal. Sticky Fingers von den Rolling Stones ist ein weiteres Beispiel, auch wenn es nicht von Hipgnosis ist. Rubber Soul von The Beatles ist auch interessant wegen seiner Simplizität. Jede Zusammenarbeit zwischen Hipgnosis und Peter Gabriel ist faszinierend auf ihre Art und Weise.

Ich persönlich mag das handgezeichnete Cover von The Original Soundtrack von 10cc sehr.

Ich hatte das Album als Teenager und mochte es sehr. Die Hintergrundgeschichte zu dem Cover, die man in Squaring the Circle hören kann, ist auch sehr interessant. Ich mag auch, wie der Künstler, der das Cover entworfen hat, diese Geschichte erzählt.

Was würdest du dir wünschen, dass der Zuschauer von Squaring the Circle mitnimmt von der Dokumentation?

In erster Linie natürlich eine gewisse Form der Wertschätzung für diese Kunstform. Das wäre wunderbar.

Vielen Dank für das nette Gespräch.



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