Zeiten des Umbruchs Armageddon Time
© Universal Pictures

Zeiten des Umbruchs

„Zeiten des Umbruchs“ // Deutschland-Start: 24. November 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

„We may be the generation that sees Armageddon.“ Mit Aussagen wie dieser leitet Ronald Reagan im Zuge seiner Kandidatur als US-Präsident im Jahr 1980 ein neues gesellschaftliches Klima in den USA ein.  Die Auswirkungen dieses Wandels spürt auch der elfjährige Paul (Banks Repeta), als ihm seine Eltern auf einmal sagen, es sei jetzt Zeit, erwachsen zu werden, damit er später viel Geld verdienen könne. Doch das Erwachsenwerden fällt dem kreativen Tagträumer mächtig schwer. Denn er möchte lieber Künstler werden und Zeit mit seinem Freund Johnny (Jaylin Webb) verbringen. Es kommt zu Reibereien zwischen Paul und seinen Eltern, bei denen auch Pauls Großvater Aaron (Anthony Hopkins), der eigentlich einen sehr guten Draht zu Paul hat, nur bedingt vermitteln kann.

Eine ganz besondere Perspektive

Wie der Titel schon vermuten lässt, geht es in Zeiten des Umbruchs weniger um einen sonderlich komplexen Plot, als den Zeitgeist des Jahres 1980 in den USA abzubilden. Entsprechend passiert im Laufe des Films gleichwohl sehr wenig und sehr viel. Denn das, was Regisseur und Autor James Gray (Ad Astra – Zu den Sternen) in diesem autobiografisch geprägten Film gelingt, ist eine zugleich simple, aber unfassbar vielschichtige Darstellung von Alltag. Natürlich ist dieser zwar subjektiv. Paul bleibt der in der Vorstadt in bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsene Enkel von jüdisch-ukrainischen Immigrant*innen. Das, was ihm geschieht, ist nicht auf alle Gleichaltrigen zu übertragen. Allerdings schafft es der Film wirklich gut, die Strukturen von Rassismus, Klassizismus und letztlich dem Beginn des Neoliberalismus zu zeigen.

Und dass das gelingt, mag auf den ersten Blick etwas irritieren. Denn der Film wirkt hin und wieder etwas nostalgisch verklärt und fordert nicht in einer drastischen und abstrakten Allegorie das Aufbrechen sämtlicher Gesellschaftsstrukturen. Stattdessen bleibt er die ganze Zeit bei seiner Hauptfigur Paul, einem 11-jährigen Jungen, der natürlich nicht sämtliche Gesellschaftsstrukturen einreißen möchte, da er diese überhaupt nicht versteht. Er versteht nicht, warum seine Eltern möchten, dass er aufhört, Zeit mit seinem schwarzen Freund zu verbringen. Warum sie möchten, dass er erwachsen wird und hart arbeitet, warum der Militarismus zu der Zeit doch nicht so cool ist, wie er ihn findet. Er möchte zwar Künstler werden und kreativ arbeiten, hat aber trotzdem den Anspruch, damit reich und berühmt zu werden. Aber genau diese ungefilterte, unreflektierte Sichtweise zeigt eben besser als alles andere, wie diese Gesellschaftsstrukturen funktionieren. Denn wir Zuschauenden erleben so unmittelbar, wie sie diese rohe Sichtweise prägen und verändern.

Und genau das macht Zeiten des Wandels so besonders, wenn man ihn mit anderen Coming-of-Age-Filmen vergleicht. Er hat zwar einerseits viele Merkmale, die auch andere Coming-of-Age-Filme haben. Er hat lustige Momente, tragische Momente, spannende Momente, die man in ähnlicher Form auch in anderen Filmen sehen kann. Das soll nicht heißen, dass Zeiten des Umbruchs nicht unterhaltsam ist, aber er ist auch so viel mehr als das. Indem er zeigt, wie seine heranwachsende Figur durch die Gesellschaftsstrukturen geformt wird, letztlich welche Auswirkungen diese haben, schafft er es, diese Strukturen beeindruckend abzubilden.

Die Struktur des Neoliberalismus

Natürlich ist Paul aber nicht der einzige Faktor, der für dieses umfassende Bild sorgt, sondern ebenso die Figuren, die auf ihn einwirken. Dabei sind die meisten dieser Figuren ziemlich ambivalent gehalten, da ihre fragwürdigen Eigenschaften oftmals nur als Anpassungen an den Neoliberalismus zu verstehen sind. Am stärksten trifft diese Ambivalenz wohl auf Pauls Eltern zu, die gerade hinsichtlich autoritärer Erziehung immer wieder durchaus verwerfliche Dinge tun, diese aber damit rechtfertigen, Paul müsse auf ein hartes, ungerechtes Leben vorbereitet werden. Dabei werden gerade Antisemitismus und die grundsätzlichen Schwierigkeiten von Migrant*innen angesprochen. Pauls Eltern haben verstanden, dass es keine Chancengleichheit und keine soziale Sicherheit gibt, dass alle anderen Menschen als Konkurrenz betrachtet werden müssen. Das, was man ihnen also vorwerfen kann und muss, ist letztlich also nur, dass sie sich diesem System beugen.

Spannend ist auch, wie treffend sich darin der Niedergang der Gewerkschaften und des kollektivistischen Gedankens im Neoliberalismus erkennen lässt. Denn Pauls Eltern erkennen entweder nicht, dass die Lösung ihrer Situation im Zusammenschluss mit anderen läge oder haben die Hoffnung auf einen Erfolg daran aufgegeben. Deshalb ist auch die zunächst etwas trivial und kitschig klingende Aussage von Pauls Großvater Aaron „Sei ein Mensch.“ so zentral. Denn das Resultat der Missachtung dieser Aussage ist etwas, dass wir gerade heute mehr denn je erleben. Wir sehen, dass dieses Fehlen von Kollektivismus versucht wird, durch banale Identitätspolitik wie beispielsweise mittels Nationalismus zu kompensieren. Wir erkennen aber dennoch nicht, dass wir als globalisierte soziale Gemeinschaft gegenseitig auf uns angewiesen sind.  Erkennen nicht, dass wir alle Menschen sind, die auf demselben Planeten leben.

Etwas zielloser Appell an die Menschlichkeit

Trotzdem ist Aaron natürlich nicht so allwissend, wie Paul ihn wahrnimmt und der Film ihn somit zu einem gewissen Teil auch darstellt. Denn auch Aaron als Immigrant kann sich nicht von seinem eigenen American Dream, dem Wunsch, etwas Eigenes aufzubauen, lösen. Auch Aaron ist letztlich Individualist. Im Endeffekt kritisiert er Reagan vor allem wegen seines Konservativismus und weniger wegen seines Neoliberalismus bzw. erkennt deren Zusammenhang nicht. Interessanterweise ist darin zwar zu sehen, dass libertärer Liberalismus auch nicht die Alternative zu konservativem Liberalismus sein kann, der Film hebt das aber nicht hervor, da er zu unkritisch mit Aaron umgeht. Und daraus resultiert letztlich, dass der so zentrale Appell an die Menschlichkeit doch etwas gehaltlos ist und quasi im Vakuum steht. Denn wenn eine Forderung nach Menschlichkeit nicht eine Forderung nach dem Besinnen auf die kollektive Abhängigkeit voneinander impliziert, was soll Menschlichkeit dann eigentlich bedeuten?

Credits

OT: „Armageddon Time“
Land: USA, Brasilien
Jahr: 2022
Regie: James Gray
Drehbuch: James Gray
Musik: Christopher Spelman
Kamera: Darius Khondji
Besetzung: Banks Repeta, Jeremy Strong, Anne Hathaway, Jaylin Webb, Anthony Hopkins, Teddy Coluca, Tovah Feldshuh

Bilder

Trailer

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.

https://widget.justwatch.com/justwatch_widget.js



(Anzeige)

Zeiten des Umbruchs
fazit
„Zeiten des Umbruchs“ ist ein sehr besonderer Film, der es schafft, ein beeindruckend weitsichtiges Bild von den Anfängen und Strukturen des Neoliberalismus zu Beginn der 1980er zu zeichnen. Das gelingt ihm in erster Linie durch seine tolle Erzählperspektive, der Sichtweise eines elfjährigen Jungen. Trotzdem ist „Zeiten des Umbruchs“ nicht fehlerfrei, so räumt er der Figur des Aaron etwas zu viel Gewicht zu und untergräbt seine vorherigen Beobachtungen ein Stück weit.
Leserwertung0 Bewertungen
0
8
von 10