Markus Binder (Musik) und Jessica Hausner (Regie) bei der Deutschland-Premiere von "Club Zero" beim Filmfest München 2023 (© Filmfest München / Bojan Ritan)

Jessica Hausner [Interview 2024]

In Club Zero (Kinostart 28. März 2024) lernen wir die Lehrerin Frau Novak (Mia Wasikowska) kennen, die in einem Elite-Internat unterrichtet und den Schülern und Schülerinnen einen ganz besonderen Club nahelegt. In diesem geht es darum, bewusster zu essen. Und weniger, sehr viel weniger. Das Ziel: Irgendwann einmal völlig ohne Nahrung auszukommen. Doch wie kommt man auf eine solche Idee? Wir haben Regisseurin und Drehbuchautorin Jessica Hausner bei der Deutschland-Premiere des ungewöhnliches Genremixes beim Filmfest München 2023 getroffen und ihr diese und viele weitere Fragen gestellt.

Könnten Sie uns mehr über die Entstehung des Films verraten? Wie sind Sie auf Club Zero gekommen?

Ich wollte eine Geschichte über Manipulation machen. Und darüber, wie Menschen in ihrer eigenen Welt gefangen sein können. Wenn Frau Novak in Club Zero davon überzeugt ist, ohne Nahrung leben zu können, dann ist das für uns eine absurde Idee. Aber für sie ist es wahr und wirklich, weswegen sie das im besten Wissen und Gewissen an die Kinder weitervermittelt. Für mich war das eine Möglichkeit zu zeigen, wie man als Mensch von einer Idee überzeugt sein kann und auch andere davon überzeugen kann, sodass diese dann auch daran glauben – und sei die Idee noch so absurd. Der Mechanismus einer solchen Manipulation hat mich dabei interessiert.

Manipulation hätte bei vielen Themen funktioniert. Warum haben Sie sich ausgerechnet für das Thema Essen entschieden?

Essen ist insgesamt ein wahnsinnig spannendes Thema. Essen ist zum einen immer typisch für eine Gesellschaft. Die Art und Weise, wie Essen zubereitet, aber auch gemeinsam zu sich genommen wird, das sind oft soziale Rituale, denen man sich kaum entziehen kann. Zum anderen ist Essen etwas sehr Intimes, weil man dies in den eigenen Körper hineintut. Daher etwas sehr Existenzielles. Bei Castings bitte ich die Schauspieler und Schauspielerinnen immer, dass sie etwas vor der Kamera essen sollen, weil du beim Essen nicht lügen kannst. Das gilt auch fürs Tanzen, was ich ebenfalls gern ins Casting einbaue. Bei beidem siehst du etwas Unleugbares bei einer Person. Und das interessiert mich.

Zu Beginn des Films verraten die jungen Menschen, warum sie bei diesem bewussten Essen mitmachen wollen. Da sind einige sehr positive Absichten dabei. Die wollen sich nicht zu Tode hungern, sondern etwas bewirken. Erst mit der Zeit wandelt sich das in einem schleichenden Prozess. Ab wann wird aus dem Positiven etwas Negativen?

Genau, das ist ein schleichender Prozess. Und das ist eben auch das Gefährliche daran. Bei vielen Verschwörungserzählungen findest du am Anfang etwas, das durchaus nachvollziehbar ist. Argumente, die überzeugend sind. Auch die Motivationen sind oft nachvollziehbar. Da ist die Angst vor einer sich verändernden Welt. Sorge vor Armut oder Krieg. Von dort aus ist ein schleichender Prozess bis zu dem Punkt, an dem du dich so sehr in eine Ideologie hineinmanövriert hast, dass du nicht mehr herauskommst. Die wenigsten Leute sind von Anfang an radikal. Sie werden es erst mit der Zeit. Im Film ist es auch so, dass diese Radikalisierung die beteiligten Personen auch politisiert. Eine der Figuren macht ihren Hungerstreik zu einem politischen Statement.

Ist man als Mensch, der etwas Positives tun will, anfälliger für solche Ideologien, als es Menschen sind, die nur selbstsüchtig sind?

Das weiß ich nicht. Ich habe mich im Vorfeld natürlich auch gefragt, was Menschen anfälliger macht, beispielsweise für Sekten, und habe entsprechend recherchiert. Ich denke es sind am Ende vor allem Ängste und Sorgen. Eine Hautärztin hat mir einmal eine sündhaft teure Hautcreme verkauft, nachdem sie mir gesagt hatte, dass ich mit meiner hellen Haut sonst ein großes Risiko für Hautkrebs hätte. Ein ganzes Jahr lang habe ich diese Creme genommen, weil ich Angst hatte, bis mir ein anderer Hautarzt gesagt hat, dass es auch eine Creme für 2,50 Euro tut. Wenn du Angst hast, bist du empfänglich für Lösungsvorschläge, selbst wenn die von außen bescheuert klingen. Das liegt einfach in unserer Natur.

Im Film geht es überwiegend um junge Menschen, die Teil der Bewegung werden. Wie groß ist bei jungen Menschen der Einfluss der Eltern, dass sie nicht solche Ängste entwickeln?

Das kann man so nicht verallgemeinern. Es gibt ja auch Ängste, die gerechtfertigt sind. Wenn junge Menschen heute Angst vor dem Klimawandel haben, dann kannst du gegen diese Ängste nicht viel machen, außer gegen den Klimawandel zu kämpfen. Natürlich kannst du als Eltern versuchen, deinen Kindern diese Angst auszureden. Aber damit tust du ja nichts gegen die Ursache. Da sollte man lieber die Ängste als Anlass nehmen, um umweltpolitisch aktiv zu werden.

Wenn man sich online ein bisschen umschaut, werden Menschen, die die Welt verbessern wollen, oft hart beschimpft. Da gibt es einige, die die Grünen als Sekte bezeichnen. Die schleichende Radikalisierung Ihrer Figuren, die zunächst etwas Gutes tun wollten, könnte von manchen als Kritik gegenüber Weltverbesserern verstanden werden. Hatten Sie je die Befürchtung, dass Sie von den Falschen Applaus bekommen könnten?

Ich muss immer damit rechnen, falsch verstanden zu werden. Ich mache keine Filme für eine bestimmte Gruppe. Meine Filme sitzen immer zwischen allen Stühlen, weswegen ich immer aus allen Lagern Applaus und Kritik bekomme. Manche schätzen den Interpretationsspielraum, den meine Filme bieten, für andere wird genau dieser ein Manko sein. Die Sicht auf die Welt, die ich in meinen Filmen einnehme, ist dadurch geprägt, dass ich keine Pauschalurteile abliefere. Mir sind auch manche radikalen Positionen zuwider. Und doch kann ich vielleicht die Motivation dahinter verstehen. Die Dinge sind dann eben nicht so einfach, wenn du genauer hinschaust. Du kannst da nicht immer eindeutig sagen, was gut ist und was schlecht ist. Und im Fall von Club Zero tut es auch weh zu erkennen, dass keine Seite die Wahrheit für sich verbucht hat.

Wenn es so schwierig ist, definitive Antworten zu finden, empfinden Sie dann eine gesellschaftliche Verantwortung als Filmemacherin, wenn Sie solche Themen anschneiden?

Ja, das tue ich und sie besteht genau darin zu erzählen, dass die Welt komplex ist. Wenn wir das anerkennen könnten und verstehen, könnten wir uns ein Schutzschild gegen Radikalisierungen aufbauen. Ein intellektuelles Schutzschild. Es gibt keine einfachen Lösungen. In dem Moment, in dem jemand eine einfache Lösung anbietet, ist sie wahrscheinlich schon falsch.

Viele der Jugendlichen, die Sie in Ihrem Film vorstellen, kommen aus wohlhabenderen Familien. War damit eine bestimmte Aussage verbunden?

Mir ging es mehr darum, dass heute die Eltern kaum noch Zeit für ihre Kinder haben. Das gilt nicht nur für wohlhabende Eltern, sondern auch für Eltern aus der Mittelschicht oder der Unterschicht. Deswegen habe ich bewusst auch einen Jungen eingeführt, der aus ärmlichen Verhältnissen stammt, weil ich nicht einfach ein Statement über reiche verwöhnte Kinder machen wollte. Der Junge geht genauso in die Falle. Das Internatsetting ermöglichte es mir, auf den Punkt zu bringen, wie Kinder sich selbst überlassen werden. Mit Geld hatte das dann weniger zu tun.

Sie meinten vorhin, dass Ihre Filme zwischen den Stühlen sitzen. Das zeigt sich auch an den Schwierigkeiten, Club Zero in ein bestimmtes Genre einzuordnen. Man liest da alles Mögliche von Komödie über Satire bis zu Drama und Thriller. Manche Szenen haben auch etwas Horrormäßiges an sich. Wie würden Sie Ihren Film beschreiben?

Genre ist das Gegenteil von dem, was ich mache. Ich nutze manchmal Genre, um zu sagen: So einfach ist das nicht. Die Prämisse von meinem Film Little Joe – Glück ist ein Geschäft war eine Art Genreidee. Oder auch mein früherer Film Hotel. Ein Horrorfilm, der in einem Hotel spielt, das ist ein Genreklassiker. Aber ich nutze das nur als Ausgangssituation, um dann die Erwartungshaltung an einen solchen Genrefilm nicht zu erfüllen. Ich will mit meinen Filmen irritieren und ein Labyrinth schaffen, das die Widersprüchlichkeit der Welt spiegelt. Deswegen verstehe ich, wenn jemand Schwierigkeiten hat, die Filme einzuordnen. Ich wüsste selbst nicht, was ich da ankreuzen soll.

In Ihrem letzten Film Little Joe setzten Sie sich mit dem Thema Glück auseinander. Bei Club Zero empfinden die Jugendlichen auch Glück bei dem, was sie tun, selbst wenn sie sich selbst damit schaden. Kann man da als Außenstehender sagen: „Nein, es ist kein Glück, was ihr da empfindet“?

Das ist genau die Frage, die der Film berührt. Es ist schmerzhaft das anzuerkennen. Wir wollen alle Demokratie und dass der Klimawandel gestoppt wird. Wir wollen auch alle keinen Krieg. Und doch gibt auch Menschen, die das genaue Gegenteil wollen und es auch durchsetzen. Es nützt nichts zu glauben, dass man selbst recht hat. Das glauben die anderen auch! Deswegen wollte ich keinen Film machen, bei dem die, die an Verschwörungstheorien glauben, von vornherein Außenseiter oder Idioten sind. Das wäre zu einfach. Das ist viel schwerer zu ertragen, dass gerade die engagierten, klugen jungen Menschen hier beginnen, sich zu radikalisieren. Ich habe einmal einen Dokumentarfilm gesehen, der mit ein Grund für Club Zero war. In den 70er Jahren gab es so etwas wie ein Deprogramming, um Jugendliche aus Sekten zu holen. In dem Film wurde ein Mann vorgestellt, der das gemacht hat und die Jugendlichen davon überzeugen wollte, dass ihre Überzeugungen (also die der Sekte) falsch sind. Die Argumente, die er in den Gesprächen benutzt hat, waren allerdings wenig zielführend, denn was die Sekte den Jugendlichen bietet, ist nicht wissenschaftliche Erkenntnis sondern religiöse Zugehörigkeit. Dagegen sind rationale Argumente machtlos.

Letzte Frage: nächste Projekte. Woran arbeiten Sie?

Ich denke, dass mein nächster Film wieder von einem Menschen handeln wird, der versucht, Gutes zu tun. Ein tumber Tor, eine reine Seele. Vielleicht eine Art Fortsetzung von Miss Novak, die auch glaubt, etwas Gutes zu tun, bevor die Sache nach hinten losgeht. Mich interessiert dieses Thema einfach. Genaueres kann ich noch nicht sagen, aber es wird bestimmt wieder kontrovers.

Vielen Dank für das Gespräch!

Jessica Hausner
© Evelyn Rois

Zur Person
Jessica Hausner wurde am 6. Oktober 1972 in Wien geboren. Sie studierte an der Filmakademie Wien und gründete 1999 eine eigene Filmproduktionsfirma. Nach mehreren Kurzfilmen erlangte sie 2001 mit dem Jugenddrama Lovely Rita Beachtung. Seither war sie regelmäßig bei bedeutenden Filmfesten zu Gast, zuletzt 2023 mit Club Zero, das in Cannes im Wettbewerb gezeigt wurde.



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