See How They Run
© 20th Century Studios

See How They Run

See How They Run
„See How They Run“ // Deutschland-Start: 27. Oktober 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

1953, London: Die ganze Stadt ist im Krimifieber, alle wollen sie das Theaterstück „Die Mausefalle“ von Agatha Christie sehen. 100 Aufführungen hat der Dauerbrenner inzwischen hinter sich, jetzt soll sogar ein Kinofilm produziert werden, um von der enormen Popularität des Stücks profitieren zu können. Ein Regisseur wurde bereits gefunden, der US-Amerikaner Leo Köpernick (Adrien Brody) soll den Stoff auf die große Leinwand bringen. Doch dann stirbt er während der großen Feier, womit der Film erst einmal auf Eis liegt. Inspektor Stoppard (Sam Rockwell) und die übereifrige Constable Stalker (Saoirse Ronan) werden mit der Aufgabe betreut, den Mörder oder die Mörderin zu finden. Einfach ist das nicht, denn eigentlich konnte den Verstorbenen niemand ausstehen. So stritt er sich mehrfach mit Mervyn Cocker-Norris (David Oyelowo), der das Drehbuch des Films schreiben soll. Mit Richard Attenborough (Harris Dickinson), Hauptdarsteller des Theaterstücks, liefert er sich während der Feier sogar eine handfeste Prügelei …

Ein Phänomen und der Meta-Mord

Kaum ein Name dürfte stärker mit Krimibüchern verbunden sein als der von Agatha Christie. Sie schrieb Dutzende von Romanen und Kurzgeschichten, schuf mit Hercule Poirot und Miss Marple zwei der bekanntesten Schnüffelnasen überhaupt, Und dann gab’s keines mehr ist mit mehr als 100 Millionen verkauften Exemplaren der bis heute erfolgreichste Kriminalroman aller Zeiten. Dieser wurde auch, wie zahlreiche andere Geschichten von ihr, verfilmt, viele Male sogar. Und doch, das vielleicht größte Phänomen in der langen Karriere der Autorin war und ist Die Mausefalle. Obwohl die anfänglichen Kritiken nicht überragend waren, strömten die Menschen in die Vorstellungen. Von 1952 bis 2020 wurde es ununterbrochen aufgeführt, kein anderes Theaterstück kam jemals auch nur in die Nähe solcher Zahlen. Wäre da nicht die Corona-Pandemie, welches die Zwangsschließung aller Theater bedeutete, der Run hätte noch immer kein Ende gefunden.

Im Gegensatz zu anderen bekannten Werken Christies wurde dieses jedoch nie verfilmt, zumindest nicht im Westen. Aber dafür gibt es jetzt ja See How They Run. Der Film ist dabei keine direkte Adaption. Nur kurze Momente einer Bühnenaufführung sind darin zu sehen. Stattdessen gibt es hier einen „echten“ Mordfall zu lösen, der zwar mit Die Mausefalle zusammenhängt, aber nicht dem Stück selbst entnommen ist. Dabei ließ es sich Drehbuchautor Mark Chappell aber nicht nehmen, die Geschichte als Kommentar über das Krimigenre an sich zu nutzen. So beginnt der Film damit, dass Köpernick seine Verachtung für den klassischen Whodunit-Krimi zum Ausdruck bringt, die immer wieder nach demselben Prinzip laufen sollen. Kenne man einen, kenne man sie alle. Wenn der Mörder des Regisseurs gesucht wird, dann ist das daher immer mal wieder mit Meta-Elementen verbunden.

Spielfreudig und selbstironisch

Natürlich, Krimikomödien hat es immer mal wieder gegeben, darunter solche, die das Genre durch den Kakao ziehen. Manche werden hier vielleicht an Eine Leiche zum Dessert denken, das sich über Genrekonventionen lustig machte und dabei auch gleich Poirot und Marple veralberte. Aber auch Murder by the Book bietet sich als Vergleich an: In dem wenig bekannten TV-Film begegnet Agatha Christie dem zum Leben erwachten Hercule Poirot, der sie daran hindern will, ihn im Roman sterben zu lassen. See How They Run geht zwar nicht ganz so weit wie diese beiden, sondern ist primär immer noch ein „richtiger“ Krimi. Meta-Elemente gibt es aber auch hier, dazu interessante Gedanken darüber, welche Verantwortung Autoren und Autorinnen tragen, die mit grausigen Geschichten die Menschen unterhalten wollen und damit jede Menge Geld machen.

Diese gelegentlichen Ausflüge sind aber ebenso wie die diversen Anspielungen nur Details. Selbst wer nicht so sehr in der Materie drinsteckt oder auch darüber nachdenken möchte, kann hiermit seinen Spaß haben. Das liegt gerade auch an den überzeichneten Figuren und einem spielfreudigen Ensemble, das sich die schrägen Charaktere zu eigen macht. Da muss oft gar nicht viel passieren, damit man hier gut unterhalten wird. Es reicht, die Leute aufeinanderprallen zu lassen und mit Kontrasten zu spielen, etwa zwischen dem stoischen Stoppard und der etwas zu enthusiastischen Stalker oder auch dem polternden Regisseur und dem verkünstelten Drehbuchautor. Das reicht dann zwar nicht, um aus See How They Run eine vergleichbare Sensation zu machen wie das Stück. Wer aber klassische Krimis mag, für den ist das von Tom George oft verspielt und selbstironisch inszenierte sowie schön ausgestattete Rätsel auf jeden Fall einen Blick wert.

Credits

OT: „See How They Run“
Land: UK
Jahr: 2022
Regie: Tom George
Drehbuch: Mark Chappell
Musik: Daniel Pemberton
Kamera: Jamie D. Ramsay
Besetzung: Sam Rockwell, Saoirse Ronan, Adrien Brody, Ruth Wilson, Reece Shearsmith, Harris Dickinson, David Oyelowo, Pippa Bennett-Warner, Charlie Cooper

Bilder

Trailer

Interview

Wer mehr über See How They Run erfahren möchte: Wir hatten die Gelegenheit, Regisseur Tom George über die Arbeit an der Krimikomödie zu interviewen, und haben ihn unter anderem zu seinen Erfahrungen, Herausforderungen und den Druck befragt, mit so vielen berühmten Leuten zu drehen.

Tom George [Interview]

Special

Wer nach der Serie weiteren Stoff der Queen of Crime braucht: In unserem Special zu Agatha Christie erzählen wir euch von den Adaptionen ihrer Bücher, Dutzende von Kritiken inklusive.

Agatha Christie [Special]

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See How They Run
fazit
„See How They Run“ erzählt, wie im Umfeld von Agatha Christies legendärem Stück „Die Mausefalle“ ein tatsächlicher Mord geschieht. Die Krimikomödie erinnert dabei an diverse andere Meta-Werke, ist dabei aber stärker an einer konventionellen Unterhaltung interessiert. Das macht gerade Krimifans Spaß, die sich an vielen Meta-Kommentaren und Anspielungen erfreuen. Aber auch das spielfreudige Star-Ensemble, welches sich die überzogenen Figuren zu eigen macht, rechtfertigen einen Blick.
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