Das weiße Haus am Rhein TV Fernsehen Das Erste ARD Mediathek DVD
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Das Weiße Haus am Rhein

Das weiße Haus am Rhein TV Fernsehen Das Erste ARD Mediathek DVD
„Das Weiße Haus am Rhein“ // Deutschland-Start: 3. Oktober 2022 (Das Erste) // 18. November 2022 (DVD)

Inhalt / Kritik

Der Erste Weltkrieg ist vorbei, doch der gerade zurückgekehrte Soldat Emil Dreesen (Jonathan Berlin) kann die Erinnerungen und Erfahrungen nicht hinter sich lassen, zu groß ist das Trauma. Dabei erfordert das von seinem Vater Fritz (Benjamin Sadler) geleitete Familienhotel seine ganze Aufmerksamkeit. So haben sich in dem Rheinhotel Dreesen die französischen Besatzer niedergelassen, sehr zum Ärger von Fritz, der sie lieber gestern als morgen loswerden will. Doch Emil sieht in der Situation vor allem eine Chance. Er will das Hotel auch für andere Menschen öffnen und das Angebot modernisieren. Während sein Vater und seine Mutter Maria (Katharina Schüttler) den Ideen ihres Sohnes skeptisch gegenüberstehen, findet er in seiner Schwester Ulla (Pauline Rénevier) und seiner Großmutter Adelheid (Nicole Heesters) Unterstützerinnen. Dabei ist die Zukunft des Hotels nicht seine eigene Sorge, denn Emil wird von seiner Vergangenheit heimgesucht …

Ein Hotel als Spiegel der Gesellschaft

Deutsche Filme und Serien über den Zweiten Weltkrieg bzw. das Dritte Reich gibt es natürlich ohne Ende. Kaum ein Land hat in der Hinsicht schließlich eine vergleichbar stark ausgeprägte Erinnerungskultur. Deutlich seltener sind schon solche zum Ersten Weltkrieg, auch wenn derzeit mit der Neuverfilmung Im Westen nichts Neues sogar eine im Kino läuft. Was dabei fast völlig zu kurz kommt, sind Werke, die sich mit der Zeit dazwischen befassen und schildern, wie das eine zum anderen führen konnte. Mit dem ARD-Zweiteiler Das Weiße Haus am Rhein wird nun ein solches rares Werk im Fernsehen gezeigt, rund ein Jahr nachdem es beim Filmfest Hamburg und anderen Festivals gelaufen ist.

Dass ausgerechnet der Tag der Einheit als Sendetermin ausgewählt wurde, ist dabei kein Zufall. Zwar spielt die Geschichte überwiegend in den 1920ern und 1930ern, also lange bevor überhaupt jemand an eine Teilung Deutschlands denken konnte – von einer Wiedervereinigung ganz zu schweigen. Und doch wird die Geschichte des Familienhotels in Das Weiße Haus am Rhein zu einem Spiegel des deutschen Schicksals im 20. Jahrhundert. Ende des 19. Jahrhunderts errichtet existiert das bei Bonn gelegene Hotel noch immer. Zahlreiche berühmte Menschen kehrten dort ein, darunter Charles Chaplin und Greta Garbo. Aber auch Adolf Hitler und später die alliierten Truppen schlugen dort ihre Lager auf. Viel Prominenz also auf engem Raum und damit verbunden auch ein stetiger Wandel.

Zwischen Tradition und Moderne

Das ist als Schauplatz natürlich spannend. Zwar macht Das Weiße Haus am Rhein nicht diese großen Namen zu den Hauptfiguren, sondern eine „einfache“ Hotel-Familie. Doch diese funktioniert ebenfalls gut, um die Entwicklungen und Verwerfungen der damaligen Zeit zu verkörpern. Genauer werden die Dreesens zu einem Symbol für ein Land, das nach dem Schrecken des Ersten Weltkriegs wieder zu sich finden will. Während ein Teil der Familie dafür auf den Status Quo setzt, wird Emil zum Vertreter eines jungen modernen Deutschlands, das sich neuen Ideen öffnet und Gräben abbauen will. Auf wessen Seite das Publikum zu stehen hat, ist daher nicht sonderlich schwer zu erraten. Der junge Ex-Soldat ist nicht nur die Hauptfigur der Geschichte, sondern auch Identifikationsfigur und Sympathieträger, setzt sich beispielsweise auch für die Belegschaft ein.

Das ist anfangs ein bisschen langweilig, weil die Figuren dann doch zu schematisch bleiben. Das Weiße Haus am Rhein macht es sich mit der Einteilung ziemlich einfach und reduziert die meisten Figuren auf eine Charaktereigenschaft oder eine Funktion. Daran kann auch das talentierte Ensemble wenig ändern: Wenn Katharina Schüttler etwa die überhebliche und konservative Ehefrau spielt, dann ist das so einseitig, als wäre sie als Karikatur konzipiert wurden. Immerhin: Nicole Heesters, Tochter der Unterhaltungslegende Johannes Heesters, hat mir ihrer Darbietung der Matriarchin sichtlich Spaß und funktioniert gut als Kontrast zum starren Ehepaar.

Die Suche nach der richtigen Antwort

Tatsächlich interessant wird Das Weiße Haus am Rhein aber erst im weiteren Verlauf, wenn die harten Grenzen zu verschwimmen beginnen. Emil, dessen Anpassungsfähigkeit nach dem Kriegsschrecken dem Hotel zu neuem und dringend benötigtem Schwung verhilft, sieht sich den Nationalsozialisten gegenüber. Gab es zuvor noch einen relativ einfach zu überschauenden Wettstreit zwischen Tradition und Moderne, nimmt der Überlebenskampf des Hotels dann eine neue Dimension an. Das geht mit einigen Denkanstößen für das Publikum einher, etwa darüber wo Flexibilität zu Opportunismus wird. Wie weit darf ich gehen, um etwas zu schützen, das mir wichtig ist? Zu welchen Opfern bin ich bereit? Eine eindeutige Antwort wird bei dem schön anzusehenden Zweiteiler nicht mitgeliefert. Zudem endet er ein bisschen mittendrin. Aber vielleicht folgt dem Ganzen ja noch eine Fortsetzung. Weitere Geschichten gäbe es auf jeden Fall zu erzählen.

Credits

OT: „Das Weiße Haus am Rhein“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Thorsten M. Schmidt
Drehbuch: Dirk Kämper
Musik: Michael Klaukien
Kamera: Felix Cramer
Besetzung: Jonathan Berlin, Benjamin Sadler, Katharina Schüttler, Pauline Rénevier, Nicole Heesters, Henriette Confurius, Jesse Albert, Paul Faßnacht, Jean-Yves Berteloot, David Berton

Bilder

Trailer

Interview

Wer mehr über die Arbeit an dem Zweiteiler erfahren möchte: Wir haben uns mit Hauptdarsteller Jonathan Berlin im Interview zu Das Weiße Haus am Rhein über bleibende Traumata und schwierige Grenzen unterhalten.

Jonathan Berlin [Interview]

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Das Weiße Haus am Rhein
fazit
„Das Weiße Haus am Rhein“ nimmt das seit dem 19. Jahrhundert bestehende Rheinhotel Dreesen als Spiegel für die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert zwischen den Weltkriegen. Die anfänglich etwas einseitige Figurenzeichnung macht den Einstieg etwas schwer. Später wird es aber interessanter, wenn der Überlebenskampf mit schwierigen Fragen einhergeht.
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