Alle reden übers Wetter
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Alle reden übers Wetter

„Alle reden übers Wetter“ // Deutschland-Start: 15. September 2022 (Kino) // 17. März 2023 (DVD)

Inhalt / Kritik

Clara (Anne Schäfer) hat ein Ziel vor Augen: die Doktorarbeit. Dafür nimmt sie auch den Druck in Kauf, den ihre autoritäre Professorin Margot (Judith Hofmann) ausübt. Das Privatleben muss in dieser Phase etwas leiden. So trifft sie sich zwar immer mal wieder mit dem Studenten Max (Marcel Kohler). Mehr als eine Affäre ist da aber nicht drin. Als sie in ihre Heimat in der ostdeutschen Provinz fährt, anlässlich des 60. Geburtstages ihrer Mutter Inge (Anne-Kathrin Gummich), wird ihr mal wieder bewusst, wie wenig sie mit all dem anfangen kann. Sie will mehr, will die wissenschaftliche Laufbahn, in der sie sich selbst entfalten kann – was immer wieder zu Konflikten mit ihrer Mutter, aber auch sich selbst führt …

Zurück in der Heimat

Es gehört zu den in Filmen immer wieder gern verwendeten Motiven: Ein Mensch, der seine ländliche Heimat verlassen hat, um woanders ein eigenes Leben zu führen, kehrt noch einmal zurück und muss sich dabei mit sich selbst auseinandersetzen. Oft sind es traurige Anlässe, wenn wie in Manchester by the Sea ein Todesfall ansteht. Manchmal braucht der Protagonist bzw. die Protagonistin eine Auszeit nach einer persönlichen Krise. Oder es steht irgendein feierlicher Anlass an. Grand Jeté hat dies vor Kurzem getan, um im Anschluss von der befremdlichen Annäherung Mutter und Sohn zu erzählen. Und auch bei Alle reden übers Wetter gibt es einen Grund zum Feiern, wenn die Mutter der Hauptfigur Geburtstag hat und Letztere deshalb, wenn auch etwas unwillig, zurückkehrt.

Anders als bei vielen dieser Filme, wo ein Erkenntnisprozess oder auch eine Form der Auseinandersetzung stattfindet, erzählt Alle reden übers Wetter nicht von einer Entwicklung. Vielmehr nutzt Regisseurin und Co-Autorin Annika Pinske, die nach mehreren Kurzfilmen wie Homework hier ihr Langfilmdebüt gibt, diese Konfrontation mit der Heimat, um verschiedene Lebensentwürfe gegenüberzustellen. Auch das ist nicht wirklich neu. Culture-Clash-Komödien rund um Menschen, die in der Provinz landen, gibt es ohne Ende. Pinske verzichtet jedoch darauf, sich allzu eindeutig darauf festzulegen, welche dieser Welten denn die „bessere“ ist. So haben beide ihre Vorteile. Vor allem aber haben sie beide ihre Nachteile.

Zwischen zwei Welten

Bei der Welt der Wissenschaft, welche Clara für sich als Ideal festgelegt hat, muss man nicht einmal auf irgendwelche Risse hinweisen. Die sind auch so deutlich genug. Voller Selbstbeweihräucherung und Verachtung wird die Zunft der denkenden Elite zu einem Jahrmarkt der Eitelkeiten. So kann sich die Doktorandin dort zwar intellektuell austauschen und ausprobieren, wirkt gleichzeitig jedoch verloren. Nur sieht es in der Heimat, die in der zweiten Hälfte von Alle reden übers Wetter im Mittelpunkt steht, nicht wirklich besser aus. Im Gegensatz zum universitären Haifischbecken ist dort der Zusammenhalt zwar deutlich stärker. Man kennt sich, trifft sich, besäuft sich. Doch das Verlässlich-Gemütliche ist immer auch ein Gefängnis, gerade für jemanden wie Clara, die sich darin nicht selbst finden konnte.

Zum Teil macht sich der Film, der auf der Berlinale 2022 Weltpremiere hatte, über die Eigenheiten dieser beiden Welten lustig und scheut dabei auch nicht vor Klischees und Stereotypen zurück. Da gibt es immer wieder humorvolle Momente, welche für Auflockerung sorgen. Doch Alle reden übers Wetter ist eben auch tragisch. Gerade weil die Provinz und die Universität nicht die Antwort geben, welche Clara offensichtlich sucht, bleibt hier das Gefühl der Orientierungslosigkeit. Es ist nicht einmal klar, ob es überhaupt eine Antwort geben kann für diese Intellektuelle, die mit Ende dreißig noch immer nicht ganz im Leben angekommen ist. Das hat auch etwas Tröstliches an sich, wenn der Film sie dafür nicht verurteilt und damit dem Publikum sagt, dass das inmitten des Wahnsinns schon wieder irgendwie normal ist.

Credits

OT: „Alle reden übers Wetter“
Land: Deutschland
Jahr: 2022
Regie: Annika Pinske
Drehbuch: Annika Pinske, Johannes Flachmeyer
Kamera: Ben Bernhard
Besetzung: Anne Schäfer, Anne-Kathrin Gummich, Judith Hofmann, Marcel Kohler, Max Riemelt, Emma Frieda Brüggler, Thomas Bading, Sandra Hüller

Bilder

Trailer

Filmfeste

Berlinale 2022

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Alle reden übers Wetter
Fazit
„Alle reden übers Wetter“ begleitet eine Doktorandin, die in ihre provinzielle Heimat zurückkehrt und sich mit ihren Wurzeln beschäftigen muss. Der Film zeigt dabei, wie beide Welten ihre Macken haben, gern auch mit überspitzten Stereotypen. Das ist gleichzeitig tragisch und tröstlich, wenn am Ende die definitiven Antworten ausbleiben und vielleicht sogar ausbleiben müssen.
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