Vortex
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Vortex
„Vortex“ // Deutschland-Start: 28. April 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Seit Jahrzehnten schon ist der Filmjournalist (Dario Argento) glücklich verheiratet. Doch zuletzt macht ihm seine Frau (Françoise Lebrun) Sorgen: Immer wieder ist sie völlig verwirrt, weiß nicht mehr, wo sie hin will oder auch wo sie gerade ist. Mit ihrer zunehmenden Demenz ist sie auch zunehmend in der eigenen Wohnung verloren. Sie in ein Heim zu geben, kommt für ihren Mann jedoch nicht in Frage. Er selbst hat auch nicht vor, die vertraute Wohnung zu verlassen, obwohl seine eigene Gesundheit ebenfalls mehr und mehr abnimmt. Dann und wann kommt noch der gemeinsame Sohn (Alex Lutz) vorbei, um nach dem Rechten zu schauen. Die ganz große Hilfe ist er aber auch nicht, da er mit seinem eigenen Leben mehr als genug eigene Probleme hat …

Der Schrecken des Alltags

Wenn Gaspar Noé einen neuen Film dreht, macht man sich vorher besser auf einiges gefasst. Schließlich hat uns der große französische Provokateur so unvergessliche Werke wie das Skandaldrama Irreversibel oder auch den Tanzalptraum Climax beschert. Das weckt schon gewisse Erwartungen. Wenn dann auch noch Dario Argento die Hauptrolle spielt, die legendäre Giallo-Ikone und Regisseur von Suspiria und Vier Fliegen auf grauem Samt, dann scheint eigentlich die Situation klar: Da kommt ein besonderer Horrortitel auf uns zu! Doch das stimmt nur zum Teil. Vortex beschäftigt sich zwar durchaus mit grausamen Erfahrungen, die einem schlaflose Nächte bereiten können. Aber eben auf eine Weise, die vermutlich kaum jemand hat vorher sehen können.

Genauer beschreibt Noé, der auch das Drehbuch verfasst hat, wie zwei ältere Menschen ihren Lebensabend verbringen. Der wirkt anfänglich noch recht idyllisch, wenn wir die zwei auf ihrem Balkon beobachten, wie sie den Moment genießen. Es wird der letzte Moment in dem immerhin 140 Minuten langen Drama sein, welches noch das Gefühl von Glück vermittelt. Im Anschluss befasst sich Vortex zunächst mit dem geistigen Verfall der Protagonistin. Dass sie bei ihren Streifzügen völlig orientierungslos ist, wird dabei nicht auf Anhieb klar. Erst die heftige Reaktion ihres Mannes verrät, dass da etwas nicht in Ordnung ist. Nach dem Prinzip geht der Filmemacher auch im weiteren Verlauf vor. Viele Informationen werden erst mit der Zeit geliefert, manche Kontexte nur nach und nach klar. Mit Mystery hat dies jedoch nichts zu tun, selbst wenn man das zwischendurch mal meinen könnte. Vielmehr präsentiert er uns einen Ausschnitt aus dem Leben, ohne ihn groß kommentieren zu wollen.

Geteiltes Leid ist doppeltes Leid

Die Vergleiche zu Michael Hanekes Liebe drängen sich an der Stelle natürlich auf. Beide Filme erzählen von einem alten Ehepaar, das seinem Ende zugeht, erzählen von verfallenden Körpern und dem Kampf um Würde. Sie machen dabei auch nicht unbedingt Hoffnung. Während in den letzten Jahren viele Filme von den schönen Aspekten des Alterns berichteten und Mut machten, diese Phase des Lebens zu genießen, da wird es bei Vortex von Minute zu Minute schlimmer. Noé zwingt uns, auf das Unvermeidliche zu warten, macht uns zu Sterbebegleitern und Sterbebegleiterinnen wider Willen. Dabei verzichtet er auf große Momente, betont vielmehr die Alltäglichkeit dieses Vorgangs. Es ist gerade das Unspektakuläre, was den Film zu einem schwer erträglichen Film machen.

Während das Drama inhaltlich das ungeschminkte Dokumentarische anstrebt, ist es formal experimenteller. Genauer greift Noé wie schon das letzte Mal bei Lux Æterna auf Splitscreens zurück, um zeitgleiche Ereignisse zu zeigen. Das ist bei der besagten frühen Szene, wenn der Mann in der Wohnung zurückbleibt, während die Frau umherirrt, durch die verschiedenen Schauplätze gerechtfertigt. Ansonsten spielt Vortex meist am selben Ort, der Wohnung. Teilweise werden sogar dieselben Szenen in den beiden Bildschirmen gezeigt, nur aus leicht versetzter Perspektive. Das ist zunächst weniger plausibel als bei Geschichten, die an verschiedenen Orten spielen. Und doch hat diese Wahl der Mittel einen beachtlichen Effekt: Noé veranschaulicht, wie zwei Menschen, die sich ein Zuhause teilen, doch voneinander getrennt sein können, so als wären sie nur beim Leben des jeweils anderen zu Besuch.

Die Anonymität des Lebens

Das Gefühl der Entfremdung wird durch den Verzicht auf Namen noch weiter verstärkt. Weder das Paar noch der Sohn erhalten einen, bleiben bis zum bitteren Ende anonym. Das sorgt zusammen mit dem angesprochenen Kontextmangel dafür, dass man immer ein wenig auf Distanz bleibt. Das Drama, welches bei den Filmfestspielen von Cannes 2021 Premiere feierte, erhält dadurch aber auch eine unheimliche Universalität. Die Geschichte des Paares mag individuell gewesen sein und bietet doch sehr viel Identifikationsfläche für das Publikum, ob es diese nun will oder nicht. Schon früher gingen bei Noé das Menschliche und der Horror Hand in Hand. Bei Vortex hat er die Genrebestandteile nun konsequent entsorgt und lässt uns mit den Resten allein. Das mag dann weniger faszinierend sein als einige seiner früheren Werke, geht einem dafür aber mit diesem Spiel aus Ferne und Unmittelbarkeit umso näher.

Credits

OT: „Vortex“
Land: Frankreich, Belgien, Monaco
Jahr: 2021
Regie: Gaspar Noé
Drehbuch: Gaspar Noé
Kamera: Benoît Debie
Besetzung: Dario Argento, Françoise Lebrun, Alex Lutz

Bilder

Trailer

Interview

Wer mehr über den Film erfahren möchte: Wir hatten die Gelegenheit, uns im Interview mit dem kontroversen Regisseur Gaspar Noé über sein Drama Vortex und den Umgang mit dem Tod zu unterhalten.

Gaspar Noé [Interview]

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Vortex
Fazit
Mit „Vortex“ geht der französische Provokateur Gaspar Noé einen anderen Weg, wenn er uns 140 Minuten lang beim Sterben eines alten Paares zusehen lässt. Das ist gleichzeitig dokumentarisch und experimentell, wenn die kontinuierlichen Splitscreens die Trennung der zwei aufzeigen. Die Mischung aus Distanz und Unmittelbarkeit lässt einen erschüttert zurück, auch wenn eigentlich nichts Besonderes geschieht.
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