(„Amour“ directed by Michael Haneke, 2012)

Liebe„Es ist schön.“

„Was?“

„Das Leben. So lang.“

Geradezu beiläufig sagt sie diesen Satz, während ihre Finger über die vergilbten Fotos des Familienalbums gleiten. Lang ist ihr Leben zu dem Zeitpunkt, ja, über 80 ist Anne (Emmanuelle Riva) bereits. Ein glückliches Leben war es, an der Seite ihres ergebenen Mannes George (Jean-Louis Trintignant). Bis ins hohe Alter sind die beiden körperlich wie geistig fit, aktiv, besuchen etwa Konzerte von Annes ehemaligem Klavierschüler Alexandre (dargestellt durch den bekannten Pianisten Alexandre Tharaud).

Aber so richtig schön ist es nicht mehr, seit ein Schlaganfall und eine missglückte Operation Anne zugesetzt haben. Halbseitig gelähmt ist sie seither, muss im Rollstuhl sitzen, braucht selbst beim Anziehen und dem Schneiden ihres Essens Hilfe. George gibt sich zwar sichtlich Mühe, ihr alles abzunehmen, kümmert sich aufopferungsvoll um sie, will sie vom Wert ihres Lebens überzeugen. Schließlich ist Anne seine Seelenverwandte, die Frau, mit der er sein ganzes Leben geteilt hat und nicht bereit, sie aufzugeben.

Doch für die stolze, unabhängige Frau ist die Hilflosigkeit eine Qual; ein überaus gesunder Geist, gefangen in einem Körper, der ihr nicht mehr gehorcht. Ihr nicht mehr gehört. Vor allem, als sie einen zweiten Schlaganfall erleidet und sie als Folge komplett ans Bett gefesselt ist und kaum noch sprechen kann, verzweifelt sie an ihrem Schicksal. Noch immer versucht George, ihr beizustehen, doch auch seine Kräfte schwinden und in ihm macht sich Verbitterung breit. Zunehmend muss er sich selbst fragen, wann der Zeitpunkt gekommen ist, seine große Liebe gehenzulassen.

Ein französischsprachiger Film, der für den besten Film, Regie, Hauptdarstellerin und Drehbuch nominiert ist, das hat sicherlich Seltenheitswert. Fast schon ein Märchen, so wie The Artist letztes Jahr. Aber Liebe hat wenig mit dem Vorjahresgewinner gemein. Eine Frau, die auf einmal Windeln tragen muss und nur noch „Hilfe“ schreit, weil sie nicht mehr sprechen kann – märchenhaft ist das nicht. Und ein „und wenn sie nicht gestorben sind“, gibt es auch nicht. Denn gleich zu Beginn sehen wir die Leiche von Anne. Der Film erzählt also die letzten Wochen aus ihrem Leben und zwingt uns, mit ihrem Leid und unserer eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen.

Insofern verwundert es auch nicht, dass der Film letztendlich bei den großen Preisen leer ausging, sich in den großen Kategorien Argo geschlagen geben musste, Life of Pi, Silver Linings und auch Django Unchained. Allesamt Filme, die an den amerikanischen Kinokassen mindestens zwanzig Mal so viel eingespielt haben. Nur der Trostpreis als bester nicht-englischsprachiger Film sprang für Regisseur Michael Haneke raus.Liebe Szene

Immerhin, Emanuelle Riva darf sich damit rühmen, mit 85 Jahren die älteste je für einen Oscar nominierte Hauptdarstellerin zu sein. Sie ist es auch, die zusammen mit Jean-Louis Trintignant dem Film Leben einhaucht, ihn für Außenstehende spürbar macht. Denn gerade eine derart unspektakuläre Geschichte – die letzten Wochen eines alten Ehepaares – braucht es Schauspieler, die einem das Geschehen nahe bringen. Was den beiden ohne wenn und aber gelingt, in vielen rührenden und teils äußerst schmerzvollen Szenen. Zusammen spielen die beiden französischen Altstars überzeugend ein Paar, das sich tatsächlich liebt, bis dass der Tod sie scheidet. Große Gesten sind da fehl am Platz, es sind sogar gerade die ungeschönten, lebensnahen Situationen, die einem die Kehle zuschnüren.

Ebenso schonungs- und schnörkellos fällt auch die Inszenierung des Österreichers Haneke aus. Nach dem Auftakt des Filmes spielt die gesamte Handlung in der geräumigen, eher spärlichen Pariser Wohnung des Paares. Nur vereinzelt tauchen weitere Figuren auf, etwa die Tochter der beiden (Isabelle Huppert) oder die Pflegerinnen. Ansonsten ist das Paar und damit auch der Zuschauer in den ewig gelichen Räumen gefangen. Auch musikalisch gibt es kein Entkommen, Haneke verzichtet völlig auf gefällige Hintergrundbeschallung. Selbst die Dialoge fallen mitunter spärlich aus. So kommt es durchaus vor, dass über längere Zeit nichts gesagt wird und wir nur die Stille der Wohnung hören, die niemand mehr füllen kann.

Schön ist das nicht, streng genommen vielleicht nicht einmal unterhaltsam. Aber ungemein wirkungsvoll und intensiv, denn Liebe zeigt so auf ungeschminkte Weise nicht nur das Ende eines Menschen, sondern auch die hässliche Zeit davor und wie sich diese auf den Partner auswirkt. Haneke und seinen beiden Schauspielern ist damit ein leiser, aufwühlender Film gelungen, über den Kampf um Würde, wenn der eigene Körper sie einem verwehrt. Darüber, wie es ist, wenn ein geliebter Mensch vor den eigenen Augen langsam im Nichts verschwindet. Und darüber, was von einem übrig bleibt, nachdem das Familienalbum geschlossen wurde.

Liebe ist seit dem 22. Februar auf DVD und Blu-ray erhältlich

Liebe
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Liebe
Ob Funny Games oder Das weiße Band – sonderlich behutsam ist Michael Haneke mit seinem Publikum nie umgegangen. Auch Liebe verlangt seinen Zuschauern einiges ab, nähert er sich doch den heiklen Themen Schlaganfall und Tod, ohne sich auf Kitsch oder falscher Romantik auszuruhen. Dass diese Rechnung aufgeht, verdankt er seinen beiden Hauptdarstellern, die mit sparsamem aber sehr effektiven Spiel die bewegende Geschichte eines alten Ehepaares erzählen.
8von 10

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