The 355
© Leonine

The 355

Inhalt / Kritik

The 355
„The 355“ // Deutschland-Start: 6. Januar 2022 (Kino) // 8. April 2022 (DVD/Blu-ray)

CIA-Agentin Mace (Jessica Chastain) und ihr Partner Nick (Sebastian Stan) sind in Paris, um eine Festplatte zu beschaffen, auf der sich Code befindet, der sämtliche elektronische Infrastruktur ausschalten und die Welt ins Chaos stürzen kann. Der vereinbarte Deal mit einem kolumbianischen Polizisten (Edgar Ramírez) geht aber gehörig schief, sodass sich Mace gezwungen sieht, eigenhändig die Festplatte wiederzubeschaffen. Auf ihrer Mission, die sie über die ganze Welt führt, muss sie neue Bündnisse schließen und alte wiedererwecken, um einen möglichen Dritten Weltkrieg zu verhindern.

Generischer Plot, solide Action

The 355 will sich tonal zwischen Bond und Bourne einordnen. Und inszenatorisch ist auch schnell zu erkennen, wer hier die Vorbilder sind. Die Inszenierung ist nämlich teilweise wirklich gut gelungen. Gerade im zweiten Drittel sind einige Actionszenen, die sich zwar nicht ganz auf Bourne-Level bewegen, es aber schaffen, gekonnt viele Schnitte einzusetzen, ohne sie zu einem wahllosen Schnittmassaker verkommen zu lassen. Anzumerken ist dennoch, dass gerade am Anfang des Films vieles wie gewollt, aber nicht gekonnt aussieht. Es entsteht ein seltsames Gemisch aus desorientierenden Wackelkamera-Szenen und Szenen, vor allem Verfolgungssequenzen, die seltsam behäbig, fast wie auf Schienen wirken, sodass man die zwei Extreme misslungener Dynamik vorfindet. Trotzdem überwiegt die solide Action und es gibt einige Szenen, die wirklich Spaß machen.

Entgegengesetzt wird diesen Szenen eine lachhafte Story, die im Mittelteil höchstens zweckmäßig und am Anfang und Ende wirklich schlecht ist. Gerade die Exposition ist furchtbar chaotisch und schafft es keine der Figuren vernünftig einzuführen. The 355 „behilft“ sich im Laufe des Films damit, das mit einem Übermaß an Expositionsdialogen nachzuholen. Ständig wird ausgesprochen, was sich eigentlich zu denken ist, was teilweise zu grauenvollen Dialogen führt. Doch nicht nur die Dialoge sind lachhaft, sondern auch die Darstellung der eigentlichen Gefahr Cyberterrorismus. Hacking und die grundsätzliche Bedienung von Software erfüllt sämtliche Klischees, was in Kombination mit Figuren, die stets mit willkürlichen IT-Begriffen um sich werfen, während sie sich mit dem Code befassen, nur schwer zu ertragen ist.

Emanzipation der Frau, nicht aber von China

Interessant zu beobachten ist bei einem Film, der von internationalen Nachrichtendiensten handelt, immer die politische Seite eines solchen Films. Im Falle von The 355 gibt es drei wesentliche Dinge anzusprechen.

Zum einen ist da die Darstellung von Cyberterrorismus bzw. die grundsätzliche Aussage über Gefahren für die internationale Sicherheit. Denn der Film wird sehr explizit, wenn es um die Darstellung einer Entpolitisierung von Gefahrenquellen im Vergleich zu früheren Zeiten geht. Jessica Chastain, die auch Produzentin des Films ist, hat selbst in einem Interview gesagt, viele Spionage- und Agentenfilme seien zu nationalistisch. Man wolle dies mit dem Film ändern. So sind Privatpersonen, die sich nur für Macht und Geld interessieren und keine ideologischen oder kulturellen Bestrebungen haben, im Film verantwortlich. Dieses Element ist zwar etwas simpel dargestellt, aber tendenziell lassen sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ähnliche Beobachtungen in der Realität machen.

Es lebe der autoritäre Osten!

Interessant ist dieser Aspekt des Films in Kombination mit einem weiteren. So wird vermehrt auch der Sinn von einem Agentenleben und auch die Funktionalität ganzer Nachrichtendienste, vor allem der CIA, infrage gestellt, da diese zu instabil und anfällig für Korruption, etc. seien. Bemerkenswert ist der Kontrast, den China dabei darstellt. An dieser Stelle sei erwähnt, dass The 355 eindeutig den chinesischen Filmmarkt im Sinn hat. So spielt der Film eine ganze Weile in Shanghai, ist mit Fan Bingbing prominent besetzt und auch von einer chinesischen Produktionsgesellschaft mitfinanziert. Es ist also nicht verwunderlich, dass China positiv dargestellt wird. Zwar versucht der Film bewusst einem Ansprechen der chinesischen Regierung aus dem Weg zu gehen, allerdings werden die schönen Seiten chinesischer Kultur und die Funktionalität des Geheimdienstes und der Polizei klar in den Fokus gerückt. Somit spricht der Film es zwar nicht an, impliziert aber eindeutige Kompetenzvorteile des autoritären chinesischen Systems gegenüber dem eher liberalen westlichen.

Zuletzt ist noch die feministische Seite des Films anzusprechen. Gerade in der ersten Hälfte sind spannende Beobachtungen über Vorurteile, die systematische Benachteiligung von Frauen und den Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen zu machen. Die Beziehung der Figuren von Jessica Chastain und Sebastian Stan sind dabei besonders interessant. Leider entwertet der Film diese cleveren und subtilen Beobachtungen in der zweiten Hälfte vermehrt, indem viele dieser Dinge von den Figuren angesprochen und mit One-Linern abgefertigt werden. Das könnte man durchaus als Emanzipationsgeste verstehen, wirkt aber aufgrund des chaotischen Aufbaus des Films und der Figuren sowie des schlechten Writings meist ziemlich unplatziert und eher so, als wolle man unbedingt noch die Problematiken ansprechen, damit sie entweder jede Person auf dem Silbertablett serviert bekommt und auch ja nicht über die gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge nachdenken muss oder schlimmer, weil die Involvierten selber nicht verstanden haben, inwieweit die Thematik bereits in vermeintlich unpolitischen Szenen angesprochen wurde.

Credits

OT: „The 355“
Land: USA
Jahr: 2022
Regie: Simon Kinberg
Drehbuch: Simon Kinberg, Theresa Rebeck
Musik: Junkie XL
Kamera: Tim Maurice-Jones
Besetzung: Jessica Chastain, Lupita Nyong’o, Diane Krüger, Penélope Cruz, Fan Bingbing, Sebastian Stan, Edgar Ramírez

Bilder

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The 355
Fazit
"The 355" hat seinen Plot stark der Action untergeordert, der darunter entsprechend zu leiden hat. Zwar ist die Action weitestgehend solide, aber letztlich nicht gut genug, um wirklich darüber hinwegzutrösten. Zu schlecht sind die endlosen Expositionsdialoge geschrieben, die auch sämtliche Subtilität oder Vielschichtigkeit einer feministischen Aussage erstumpfen und entwerten. Dazu kommen Einbuße, um sich dem chinesischen Markt anzupassen, sodass "The 355" leider ein unterdurchschnittlicher Actionfilm ist.
Leserwertung21 Bewertungen
5.2
4
von 10