Maya 2018
© Les Films Pelleas/Hélène Louvart/Carole Bethuel/Wolfgang Borrs

Maya

Inhalt / Kritik

Maya 2018
„Maya“ // Deutschland-Start: 10. Januar 2022 (arte)

Mehrere Monate war der französische Reporter Gabriel Dahan (Roman Kolinka) in Gefangenschaft in Syrien gewesen, wo er zuvor vom Krieg berichtet hatte. Nun ist er zurück, zusammen mit einem Kollegen, der ebenfalls ein Gefangener der Islamisten war. Doch wirklich vorbei ist die Geschichte für den Mann Anfang 30 damit nicht. Noch immer wird er von seinen Erinnerungen verfolgt, schafft es einfach nicht, zu einem normalen Leben überzugehen. Und so beschließt er, erst einmal nach Indien zu gehen, wo sein Patenonkel Monty (Pathy Aiyar) und seine entfremdete Mutter (Johanna ter Steege) leben und wo er auch selbst als Kind gelebt hat. Dort will er erst einmal zu sich kommen, sich ein bisschen sammeln, bis es wieder weiter geht irgendwie. Doch es ist Maya (Aarshi Banerjee), die deutlich jüngere Tochter Montys, die ihn wieder zurück ins Leben holt …

Eine überfällige Reise

Gerade erst lief bei uns Bergman Island im Kino, eine kunstvolle Verneigung vor dem gleichnamigen Ausnahmeregisseur Ingmar Bergman und zugleich metagewitzte Geschlechterfrage. Da ist es doch schön, dass nun auch Maya bei uns zu sehen ist, der vorangegangene Film von Mia Hansen-Løve. Schließlich war diesem, im Gegensatz zu den sonstigen Werken von der französischen Regisseurin und Drehbuchautorin, keine wirkliche Kinoauswertung vergönnt. Und auch bei den Festivals war der Titel auf unerklärliche Weise weitestgehend abwesend. Das mag damit zusammenhängen, dass hier mal keine Berühmtheit vor der Kamera stand. Hauptdarsteller Roman Kolinka, mit dem die Künstlerin mehrfach zusammengearbeitet hat, kann zwar auf eine illustre Ahnengalerie zurückblicken – unter anderem als Sohn von Marie Trintignant und Enkel von Jean-Louis Trintignant. Ein Star ist er hingegen kaum.

Qualitativ hat das Drama aber durchaus einiges zu bieten, sofern man sich darauf einlassen kann. Schwierig ist dabei, dass Hansen-Løve nicht wirklich klarmacht, worum es ihr in dem Film eigentlich geht. So denkt man anfangs, Maya würde sich vorrangig mit dem Thema Krieg und den Erfahrungen auseinandersetzen, die Gabriel dort gesammelt hat. Der will das aber gar nicht, flieht nicht nur vor einer Beschäftigung mit dem Erlebten, sondern flieht gleich ganz aus dem Land. Das ist ein bisschen so wie in Drift Away letztes Jahr. Damals war es ein Polizist, der nach einer traumatischen Erfahrung erst einmal weg wollte und auf dem Meer die Ruhe suchte. Gabriel sucht hingegen schon die Nähe zu Menschen, bekannten wie unbekannten. Darunter befindet sich seine Mutter, zu der er kein wirkliches Verhältnis hat und wo vieles unausgesprochen blieb, selbst Jahrzehnte später.

Die tägliche Flucht zweier Menschen

Aber auch sie ist nur ein Element unter vielen, verschwindet so schnell, wie sie gekommen ist. Deutlich einprägsamer ist da schon Maya, die dem Film seinen Titel gibt. Sie ist um einiges  jünger als er, wobei die Angaben zu dem Alter schwanken. Denn auch sie ist nicht ganz greifbar. Anders als man vielleicht denken könnte, verkörpert sie nicht das Ursprüngliche und Natürliche, was dem Protagonisten wieder den Weg weist. Sie ist selbst auf der Suche, war eine Zeit lang im Ausland, bevor sie wieder in der Heimat gelandet ist. Wenn die beiden durch das Land streifen, Orte entdecken, dann bedeutet das auch, dass da zwei nicht so ganz wissen, wo sie eigentlich hin wollen. Bei Gabriel ist das noch stärker ausgefallen, will er sich doch nicht so ganz einlassen. Er ist ein Mann des Flüchtigen, der gern beobachtet, dem es aber schwer fällt, tatsächlich Teil des Geschehens zu werden.

Dieses Flüchtige überträgt sich auf den Film, der beiläufig vieles einmal anschneidet. Was ist die Rolle eines Reporters, speziell im Krieg? Sind astronomische Lösegeldforderungen gerechtfertigt, die effizienter in Entwicklungshilfe investiert werden könnten? Auch Punkte wie Gentrifizierung und das Erbe des Kolonialismus finden ihren Weg in die Sinnsuche. Sie finden aber keine Antwort. Das Drama, das auf dem Toronto International Film Festival 2018 Premiere feierte, ist ähnlich wie der Film aufs Beobachten spezialisiert, weniger auf eine Aussage. Er gibt uns Einblicke in das Leben und das Land und die Leute, die immer Momentaufnahmen bleiben. Manchmal bauen die aufeinander auf und stellen eine Form der Entwicklung dar. Oft auch nicht.

Zwischen nachdenklich und verträumt

Das mag man als Manko empfinden, da Maya viele der Möglichkeiten, die durchaus interessanten Themen weiter zu vertiefen, ignoriert. Hansen-Løve hat keinen Film gedreht, nach dem man viel über die Welt gelernt hat. Und doch ist das Drama nicht nichtssagend. Vielmehr ist das zwischen nachdenklich und verträumt schwankende Werk ein Anlass, um selbst einmal innezuhalten, zu beobachten, etwas zu verinnerlichen. So unkonkret und unausgesprochen vieles ist, selbst die sich anbahnende Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren rückt nie so wirklich in den Mittelpunkt: Da steckt schon einiges drin, bei dem es sich lohnt, es aufzuheben und von mehreren Seiten zu begutachten. Als Bonus gibt es wunderbare Aufnahmen der bekannten französischen Kamerafrau Hélène Louvart (Niemals selten manchmal immer, Frau im Dunkeln), in denen man sich gern selbst verliert, wieder und wieder.

Credits

OT: „Maya“
Land: Frankreich, Deutschland
Jahr: 2018
Regie: Mia Hansen-Løve
Drehbuch: Mia Hansen-Løve
Musik: Raphaël Hamburger
Kamera: Hélène Louvart
Besetzung: Roman Kolinka, Aarshi Banerjee, Alex Descas, Pathy Aiyar, Suzan Anbeh, Judith Chemla, Johanna ter Steege

Bilder

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„Maya“ begleitet einen jungen französischen Reporter, der nach einer traumatischen Gefangenschaft in Syrien erst einmal nach Indien fährt, um sich dort zu sammeln. Der Film spricht während dieser Sinnsuche viele Themen an, ohne sie jemals wirklich zu konkretisieren oder eine Antwort zu geben. Das wird einigen nicht genug sein. Und doch hat das zwischen nachdenklich und verträumt schwankende Drama viel zu bieten, wenn man sich auf diese Suche einzulassen versteht.
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