Dont Tell a Soul
© Saban Films

Don’t Tell a Soul

Inhalt / Kritik

Dont Tell a Soul
„Don’t Tell a Soul“ // Deutschland-Start: 24. Januar 2022 (Sky Ticket)

Eigentlich war der Plan ganz einfach: Der 17-jährige Matt (Fionn Whitehead) und sein 14-jähriger Bruder Joey (Jack Dylan Grazer) wollen das Haus einer alten Frau einbrechen, während dieses gerade leer steht, und ihre Ersparnisse mitnehmen. Denn Geld können die beiden gut gebrauchen: Der Vater ist tot, die Mutter (Mena Suvari) arbeitslos und ebenfalls schwer krank. Irgendwie müssen sie sich ja finanzieren. Der Einbruch gelingt. Dummerweise werden sie beim Verlassen des Hauses aber von einem Wachmann (Rainn Wilson) entdeckt, der sie daraufhin durch den Wald verfolgt – bis er in einen Brunnen fällt, dessen Loch nicht zu sehen war. Während Matt erleichtert ist und nur noch nach Hause will, wird Joey bald von Gewissensbissen geplagt. Immer wieder kehrt er zu dem gefangenen Mann zurück, versorgt ihn mit Essen und anderen Utensilien. Dabei heißt es jedoch aufpassen, damit sein älterer Bruder nichts von der Sache mitbekommt …

Zwei Jungs ohne Perspektive

In den letzten Jahren hat es eine ganze Reihe von Filmen gegeben, die sich mit einem abgehängten Amerika befasst haben. Mit Leuten, die irgendwo im Nirgendwo der USA leben, wo es weder Arbeit noch Perspektive gibt, dafür jede Menge Alkohol und Drogen, mit denen die eigene Leere zumindest für einen Moment betäubt werden kann. Auch Don’t Tell a Soul spielt in diesem Kontext, wenn wir den Mikrokosmos Familie anschauen, bei dem rein gar nichts mehr stimmt. Der Vater taugte wohl nicht viel, ist inzwischen eh tot. Die Mutter ist mehr tot als lebendig, schafft es gerade mal so, vor sich hin zu vegetieren und sich Süßgetränke bringen zu lassen. Also müssen die Söhne irgendwie für sich selbst sorgen. Und da ehrliche Arbeit keine Option zu sein scheint, werden stattdessen wehrlose Senioren ausgeraubt.

Das wäre prinzipiell Stoff für ein Sozialdrama, wie man es immer wieder gesehen hat. Regisseur und Drehbuchautor Alex McAulay will dies aber mit einem Thriller verbinden, wenn der vermeintlich leicht Coup irgendwie so richtig schief geht. Das provoziert jedoch die Frage: Wie kann ein Film ein Thriller sein, wenn der vermeintliche Gegenspieler hilflos in einem Loch feststeckt, ohne reelle Chance, allein aus diesem wieder ehrauszukommen? Das Ergebnis ist etwas überraschend. Don’t Tell a Soul handelt gar nicht so sehr von dem Menschen da unten, sondern von den beiden Brüdern. Die Spannung der Geschichte besteht nicht darin, dass der Gefangene rauskommen und ihnen schaden könnte, sondern in dem Konflikt der Geschwister. Der wird schon deutlich, noch bevor es richtig losgeht. Später wird dieser zunehmend eskalieren.

Die Suche nach einer eigenen Rolle

Ob das Verhältnis schon immer so schlecht war, wird dabei nicht genau deutlich. McAulay sagt dazu nicht viel. Stärker interessiert ihn, wie das Unglück der Familie sich auf die zwei auswirkt. Wenn der Vater früh stirbt, kommt es traditionell oft dem ältesten Sohn zu, dessen Rolle auszufüllen. Matt gefällt sich auch irgendwie in der Vorstellung, für andere zu sorgen. Doch wo andere Filme davon erzählen, wie jemand über sich hinauswächst und zum Helden wird, da mutiert der Jugendliche zum despotischen Schurken. Das ist beeindruckend von Fionn Whitehead (Black Mirror: Bandersnatch, Roads) gespielt, den man bislang nicht aus solchen Rollen kannte. Seine Figur zeigt deutlich psychopathische Tendenzen, wenn es ihm nur bedingt um die Versorgung der Familie geht. Wichtiger ist ihm, eine Hierarchie zu etablieren mit ihm an der Spitze, obwohl ihm die notwendige innerliche Reife dafür fehlt.

Im Zentrum steht aber dessen jüngerer Bruder Joey. Auch er ist auf der Suche nach einem Platz für sich in dieser unbeständigen Welt. Er sehnt sich jedoch nicht nach Macht, sondern nach Anschluss. Schön dabei ist, wie McAulay ihn nicht als reinen Helden verklärt. Stattdessen verkörpert ihn Jack Dylan Grazer (Es, Shazam!) als einen Jungen, der in vielerlei Hinsicht noch ein Kind ist, was gerade in den gemeinsamen Szenen mit dem unglücksseligen zu kuriosen Momenten führt. Der Unbekannte wird für ihn zu dem Vaterersatz, der Matt eigentlich sein will. Das ist psychologisch spannend, wenn auch tieftraurig. Und manchmal etwas zäh: In den ersten zwei Dritteln von Don’t Tell a Soul kommt die Geschichte kaum voran, da sind schon recht viele Wiederholungen dabei.

Wendungsreiche Eskalation

Offensichtlich fiel das dem Nachwuchsfilmemacher, der hiermit sein Regiedebüt vorlegt, selbst auf. Zumindest ist es auffällig, wie der Thriller im letzten Drittel auf einmal die Intensität erhöht und zu etwas völlig anderem wird. Zwar baut Don’t Tell a Soul an der Stelle auf der zuvor besprochenen Beziehung innerhalb der Familie auf, ist insofern also schon die logische Fortsetzung. Dennoch: So ganz passen das bittere Familiendrama und die wendungsreiche Eskalation zum Schluss nicht zusammen. Das ist, als hätte jemand zwei verschiedene Geschichten irgendwie zusammenpuzzeln wollen. Interessant ist der Film aber und macht neugierig, wie McAulays zweite Regiearbeit A House on the Bayou ausfallen wird, die ebenfalls demnächst bei uns digital veröffentlicht wird.

Credits

OT: „Don’t Tell a Soul“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Alex McAulay
Drehbuch: Alex McAulay
Musik: Joseph Stephens
Kamera: Guillermo Garza
Besetzung: Jack Dylan Grazer, Fionn Whitehead, Mena Suvari, Rainn Wilson

Trailer

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Zwei minderjährige Brüder fliehen nach einem Raub vor einem Wachmann, der bei der Verfolgung in einen Brunnen stürzt. „Don’t Tell a Soul“ ist einerseits das Porträt einer kaputten Familie im abgehängten ländlichen Amerika, verbindet dies zum Ende hin mit einem wendungsreichen Thriller. So ganz passt das nicht alles zusammen, außerdem gibt es Schwierigkeiten mit der Balance. Interessant ist das Ergebnis aber durchaus.
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