August Diehl zählt zu den profiliertesten deutschen Theater- und Filmschauspielern. Schon in seiner ersten Filmrolle, dem Computerhacker Karl Koch in 23 – Nichts ist so wie es scheint (1998), geht er an Grenzen und lotet extreme physische und psychische Zustände aus. Das ist in fast allen seinen Rollen so geblieben und kennzeichnet auch seine neueste Arbeit. In Plan A – Was würdest du tun? spielt er den Holocaust-Überlebenden Max, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zur jüdischen Untergrundorganisation Nakam stößt. Deren Plan erscheint auf den ersten Blick monströs. Er fordert Rache für jeden der sechs Millionen ermordeten Juden. In mehreren deutschen Großstädten will Nakam das Trinkwasser vergiften und dadurch sechs Millionen Deutsche töten. Anlässlich des Kinostarts am 9. Dezember 2021 sprechen wir mit August Diehl über das Drehen mit zwei Regisseuren, seine Sicht auf Nakam und den schmalen Grat, auf dem der Film wandelt.

 

Kannten Sie den historisch verbürgten Plan A und die jüdische Untergrundorganisation Nakam, bevor Sie mit dem Film in Berührung kamen?

Ich habe erst davon gehört, als ich das Drehbuch las. Etwa in der Mitte des Buchs rief ich bei der Agentur an und fragte, ob das eine ausgedachte Geschichte sei. Aber es hat alles so stattgefunden. Es gab auch einen Spiegel-Artikel darüber. Doch in der Öffentlichkeit ist die Geschichte kaum bekannt, was ich eigentlich erstaunlich finde. Denn Nakam wollte das Geschichtsbewusstsein beeinflussen. Es sollte haften bleiben, dass Juden nicht wie Lämmer zur Schlachtbank geführt wurden, sondern sich auch gewehrt haben. Aber das ist nicht geschehen. Es gibt wenige Bücher darüber und die sind eher unbekannt.

Was schoss Ihnen als erstes durch den Kopf, als Sie zum ersten Mal von dem Plan hörten, das Trinkwasser für sechs Millionen Deutsche zu vergiften?

Zuerst dachte ich: ja natürlich. Schon im Alten Testament ist das Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ verwurzelt. Außerdem ist es eine ganz menschliche Reaktion. Wenn ein Verbrechen passiert, ist der erste Impuls, zurückzuschlagen. So heftig der Plan A ist, man kann ihn verstehen, ganz im Gegensatz zu den Verbrechen im Holocaust. Trotzdem bin ich froh, dass die Durchführung nicht geglückt ist. Unser Film wirft die Frage auf, ob es ansonsten den Staat Israel überhaupt hätte geben können. Der Grund, dass die jüdische Seite Plan A vereitelt hat, war die Zukunft des jüdischen Volkes mit dem Staat Israel. Die Juden selbst wollten nicht, dass Plan A passiert. Denn sonst hätten sie zwar ihre Vergangenheit gerächt, aber nicht ihre Zukunft gesichert. Dieses Spannungsfeld im Drehbuch hat mich sehr fasziniert, dass es zwei Ideen gibt, eine rückwärtsgewandte und eine vorwärtsgewandte. Beides widerspricht sich, man kann entweder das eine oder das andere haben.

Wie wurde die Rolle des Max an Sie herangetragen?

Auf dem traditionellen Weg über das Zuschicken des Drehbuchs mit der Anfrage, ob ich das spielen möchte. Anschließend gab es Treffen und Gespräche mit den beiden Regisseuren, die eigentlich nie abgerissen sind, auch über den Dreh hinweg. Ich fand es toll, dass israelische Regisseure dieses Thema aufgegriffen haben. Ein deutscher Regisseur, egal wer, hätte das zum jetzigen Zeitpunkt wohl nicht machen können, weil das Thema eben auch gefährlich ist. Dadurch, dass die Israelis selber die Geschichte erzählen, habe ich mich sehr sicher gefühlt.

Gab es von Ihrer Seite Bedenken, als Deutscher diese Rolle zu übernehmen? Dachten Sie, ein Israeli wäre die bessere Besetzung?

Der Grund, dass ich als Deutscher gefragt wurde, liegt in der wahren Geschichte. Man vermutet, dass es ein deutscher Jude war, der Nakam auffliegen ließ. Es ist ja kein Widerspruch, zugleich deutsch und Jude zu sein. Es waren ja Deutsche, die vernichtet wurden. Ganz viele von ihnen haben durch die Nazis erst rausgekriegt, dass sie jüdische Verwandte hatten. Das war das Perverse. Da hieß es, vor zwei Generationen war in deinem Stammbaum jüdisches Blut und deswegen wirst du jetzt verfolgt und ins KZ geworfen. Wir hatten uns überlegt, dass Max kein praktizierender Jude sein sollte, sondern genau so jemand, der über seinen Stammbaum gar nicht Bescheid wusste. Die Untergrundbewegung der Nakam ging von polnischen, ukrainischen, später von österreichischen und deutschen Juden aus. Da waren im Unterschied etwa zur jüdischen Brigade nur wenige dabei, die aus Israel nach Deutschland gekommen waren.

Wenn man Ihre Filmografie betrachtet, fällt auf, dass die Nazi-Zeit eine wichtige Rolle spielt. Ist das Zufall?

Das hat damit zu tun, dass das Thema in den letzten 15 Jahren stark aufgegriffen wurde, also in der Zeit, in der ich fürs Kino arbeite. Da bin ich in einige Projekte hineingerutscht, aber da gibt es von meiner Seite keinen Plan. Man bekommt gute Drehbücher und schlechte. Manchmal packen sie einen und man sagt zu. Aber ich habe auch einiges in dieser Richtung abgesagt, weil es mich nicht interessiert hat.

Wie haben Sie sich dem Stoff und der Figur genähert? Sie sagten schon, Sie hätten Bücher gelesen.

Ich habe viel gelesen und viele Gespräche mit den Regisseuren geführt, auch mit israelischen Juden aus der damaligen Generation. All das sind schrittweise Annäherungen an die Rolle des Max. Am meisten aber hat mich an ihm fasziniert, dass er ein ganz normaler Mensch ist. Er ist nicht militärisch trainiert und musste im Konzentrationslager nicht ganz so sehr hungern wie die anderen. Er kam irgendwie durch, aber was ihn verändert, ist das Schicksal seiner Frau und seines Sohnes. Als er hört, dass und wie die beiden zu Tode kamen, verliert er alles und hat nur noch ein Ziel, nämlich die Rache. Neben der Holocaust-Erfahrung ist es also auch eine persönliche Geschichte. Die Doppelung und das Spannungsverhältnis zwischen beiden Ebenen finde ich spannend.

Haben Sie sich auch mit Holocaust-Überlebenden unterhalten?

Ich habe das oft gemacht in meinem Leben, zum Beispiel schon mit Adolf Burger, den ich in dem Film Die Fälscher verkörpere. Schon lange setze ich mich mit diesem Teil der Geschichte auseinander, das war sehr hilfreich. Aber irgendwann fängt man an, den Film zu machen. Dann geht es um jede Szene, um den ganzen Aufbau. Wir haben lange an dem Drehbuch hin- und hergearbeitet.

Haben Sie für Ihre Rolle auch an Gewicht verloren? Oder ist das auf die Leistung der Maskenbildner zurückzuführen, dass Sie so abgemagert aussehen?

Ich habe sehr viel Gewicht verloren. Das war notwendig. Ich wollte es und es war zudem Bedingung.

Der Film wandelt auf einem schmalen Grat. Einerseits kann er Rache nicht gutheißen, schon gar nicht in diesem Ausmaß. Andererseits will er verstehen, was die Leute von Nakam antrieb. Er muss also genau den richtigen Ton treffen, vor allem Sie als Hauptfigur müssen das. Wie sind Sie mit dieser Verantwortung umgegangen?

Das muss im Vorfeld geschehen. Beim Film braucht man für jede Motivänderung einer Figur eine Szene. Die muss also geschrieben sein. Man kann das nicht einfach nur spielen. Daran haben wir sehr intensiv gearbeitet. Ich war da am Anfang auch penetrant, dass wir bestimmte Dinge, die mir nicht klar waren, im Drehbuch noch einmal verdeutlichen und eine Szene dafür schreiben. Insgesamt mochte ich sehr, dass meine Figur bis zum Schluss in der Schwebe bleibt. Man weiß nicht, ob Max wirklich zu Nakam gehörte oder ob er derjenige war, der den Plan letztlich auffliegen ließ. Für den Zuschauer sollte die Frage „was würdest du tun?“ wichtiger sein als die Antwort. Wie würde man sich als Einzelner verhalten in so einem Moment? Würde man nach dem Prinzip „Auge um Auge“ handeln, was ich vollkommen verstehen würde? Oder würde man die Rachegefühle überwinden und nach vorne schauen? Wenn der Film für den Zuschauer diese Frage aufwirft, dann ist er so gelungen, wie ich ihn mir vorgestellt habe.

Ihre Schilderung passt zu dem, was man über Sie lesen kann. Nämlich dass Sie ein Schauspieler sind, der gerne mitdenkt. Haben die Regisseure dafür Verständnis?

Bei einer tragenden Figur ist es mir wichtig, dass ich in eine ganzheitliche Arbeitsweise integriert werde. Denn das ist das Schöne beim Kino, dass man nicht nur dienstleistend irgendetwas abliefert, sondern gemeinsam den Film verwirklicht. Alle Regisseure haben das zugelassen, auch die mit den großen Namen. Denn auch der Regisseur will wissen, was man denkt, sonst wird seine Hauptfigur nicht glaubhaft. Gerade mit den Brüdern Doron und Yoav Paz war das sehr befriedigend. Es gab eine enge Zusammenarbeit und wir sind bis heute gut im Kontakt.

Wie ist es, mit zwei Regisseuren zu arbeiten?

Für mich war es das erste Mal und sehr lustig. Die Brüder Paz teilen sich die Arbeit nicht so auf wie etwa die Coen Brothers, wo der eine Regie führt und der andere Produktion macht. Sondern beide führen Regie am Set und beide streiten sich dort offen. Dadurch wird die Arbeit sehr ehrlich, manchmal auch anstrengend. Aber ich habe das sehr genossen.

Fällt es Ihnen leicht, nach Ende eines Drehtages wieder aus Ihrer Rolle herauszuschlüpfen? Oder bleiben Sie quasi über die ganze Drehzeit in Ihrem Charakter?

Über die Jahre habe ich mir angewöhnt, mich während eines Drehs auch an freien Tagen nicht so viel mit Leuten zu treffen, die außerhalb der Produktion stehen. Insofern bleibe ich in der Geschichte drin. Wenn ich frei habe, ruhe ich mich aus, weil das Ganze irgendwann physisch sehr anstrengend wird. Wenn der Dreh allerdings zu Ende ist, falle ich immer noch in ein tiefes Loch.

Sie arbeiten in letzter Zeit immer öfter auch in internationalen Produktionen. Wie wichtig ist es Ihnen, über den Tellerrand des deutschen Films hinauszuschauen?

Was ich an meinem Beruf so spannend finde, ist die Möglichkeit, die unterschiedlichsten Menschen zu treffen. Je mehr das auch aus anderen Kulturkreisen kommt, umso interessanter wird es. Das ist ein Vorteil beim Filmemachen, im Gegensatz etwa zum Theater. Ich empfinde diesen Reichtum an anders denkenden und aus anderen Kulturen stammenden Leuten als unbezahlbar. In diesem Sinne ist das internationale Drehen ein großes Geschenk. Aber ich arbeite immer noch gerne auch in Deutschland, hier trifft man ebenfalls interessante Menschen.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage des deutschen Films ein?

Uns allen hat Corona eine unglaubliche Klatsche gegeben. Aber manchmal geht man aus solchen Pausen gestärkt hervor. Für mich war Corona auch eine Besinnungszeit über meinen Beruf und das, was ich eigentlich will. Vermutlich geht es auch vielen anderen so. Daraus kann etwas Neues entstehen: Leute, die neu zusammenfinden und Dinge verfilmen, die ihnen persönlich wichtig sind. Vielleicht wird es nach Corona noch mal spannender. Ich hoffe das jedenfalls sehr.

Als Kind hat Sie Ihr Vater Hans Diehl, der auch Schauspieler ist, zu Proben mitgenommen. Und Sie waren begeistert, dass er als Erwachsener dasselbe tun durfte wie Sie als Kind, nämlich spielen, und auch noch Geld dafür kriegt. Empfinden Sie die Schauspielerei immer noch als den besten Beruf der Welt? Oder würden Sie gern auch einmal Regie führen?

Ich könnte mir vorstellen, dass das passiert und dass ich auch noch andere Sachen mache. Aber mein Beruf hat nie aufgehört, mir großen Spaß zu machen. Natürlich gibt es manchmal auch schwierige Phasen. Aber wenn der Regisseur „bitte“ sagt und ich ins Spielen komme, bin ich in meiner Welt und es geht mir sehr gut.

Fast alle Ihre Rollen sind ernste Charaktere. Warten Sie noch auf die richtige Komödie?

Am Theater habe ich sehr viel Komisches gespielt. Im Kino kommt bald Der Räuber Hotzenplotz heraus, so etwas hat man von mir auch noch nicht gesehen. Aber es stimmt schon, dass mich ernstere Rollen oft stärker ansprechen. Auch als Zuschauer gehe ich lieber in tragischere Filme als in Komödien. Prinzipiell bin ich gerne bei einer Komödie dabei. Aber der Gesamtstoff muss mich interessieren. Es kommt ganz aufs Drehbuch an. Komödien sind sehr schwer zu schreiben.

Zur Person
August Diehl wurde 1976 in West-Berlin geboren. Er stammt aus einer Künstlerfamilie. Sein Vater Hans Diehl ist ebenfalls Schauspieler, seine Mutter Kostümbildnerin. Der jüngere Bruder Jakob arbeitet als Musiker, Komponist und ebenfalls als Schauspieler. Nach dem Abitur absolvierte August Diehl die renommierte Schauspielschule Ernst Busch in Berlin. Seine Theaterkarriere begann er am Berliner Maxim-Gorki-Theater. Sie führte ihn an fast alle großen Häuser im deutschsprachigen Raum, unter anderem ans Wiener Burgtheater. Vor der Filmkamera stand er erstmals 1998 in Hans-Christian Schmids 23 – Nichts ist so wie es scheint. Seither ist August Diehl von deutschen und internationalen Sets nicht wegzudenken. Hohe Aufmerksamkeit und großes Kritikerlob erhielt unter anderem seine Verkörperung des Pfarrers und Nazi-Opfers Franz Jägerstätter in Terrence Malicks Ein verborgenes Leben (2019).



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