A Pure PlaceSam Louwyck spielt in A Pure Place (Kinostart: 25. November 2021) die Rolle des mysteriösen Fust, der auf einer kleinen griechischen Insel lebt und dort eine Sekte leitet, deren oberstes Ziel die eigene Reinheit ist. Zu diesem Zweck sammelt er überall verlorene Kinder ein, die mit ihm auf der Insel leben und für ihn eine spezielle Seife herstellen. Doch diese Hierarchie droht zu kippen, als er zwei Geschwister bei sich aufnimmt und dabei nur eines davon zu den Auserwählten an die Oberfläche darf. Wir trafen den belgischen Schauspieler bei der Premiere auf dem Filmfest München 2021 und befragten ihn zu der Besessenheit mit Reinheit, einfache Antworten in einer schwierigen Welt und wie seine eigene Sekte aussehen würde.

 

Warum hattest du Interesse daran, A Pure Place zu drehen?

Es war für mich eine gute Gelegenheit, mal einen Sektenführer zu spielen. So etwas wird dir schließlich nicht sehr oft angeboten. Wir konnten hier eine Figur entwerfen, die sehr nuanciert ist und gleichzeitig interessant genug, um ein Publikum zu fesseln. Als ich dann Nikias getroffen habe, wusste ich, dass wir sehr gut miteinander klarkommen würden und gemeinsam etwas erschaffen könnten. Das habe ich instinktiv gespürt. Ich treffe meine Rollenwahl oft sehr instinktiv.

Und was kam am Ende eures Schöpfungsprozesses heraus? Was für ein Mensch ist Fust?

Für mich ist er ein traumatisierter Mensch, der seine Erfahrungen nie verarbeitet hat. Und das Problem mit einem Trauma ist, dass es exponentiell wächst. Wenn du nur etwas zu lange wartest, um ein traumatisiertes Kind zu behandeln, dann gerät es außer Kontrolle.

Warum entstand daraus diese Besessenheit mit Reinheit?

Ich denke, dass jeder, der Zweifel hat oder mit etwas nicht klarkommt, ein solches obsessives Bedürfnis nach Reinheit entwickeln kann. Es ist ein Versuch, all das irgendwie wegzumachen, was in dir nicht stimmt. Das Problem ist nur, dass die Ursache tief im Inneren ist. Da kannst du außen soviel herumrubbeln, wie du willst, du wirst dadurch nichts ändern. Du hast auch in ganz vielen Religionen irgendwelche Säuberungsrituale, durch die du zu einem reinen Menschen werden sollst. Das hat nicht unbedingt mit einer körperlichen Hygiene zu tun, dass du zum Beispiel bei Krankheiten weniger ansteckend bist. Das Ziel ist, dass du dadurch auch mental rein wirst.

Denkst du, dass Religionen tatsächlich in der Lage sind, dich mental rein zu machen?

Ich denke, dass das eine sehr individuelle Entscheidung ist. Für mich persönlich kommt das eher nicht in Frage. Ich bin ein sehr wissbegieriger Mensch, der alles Mögliche einmal kennenlernen will. Und ich hätte immer Angst, dass ich zu viel verpasse, wenn ich mich einer einzigen Religion verschreibe. Da ist es für mich interessanter, verschiedene Religionen kennenzulernen und zu schauen, was diese in mir auslösen und welche verschiedenen Ansätze sie haben. Ich reise auch viel und habe dabei zahlreiche Menschen der unterschiedlichsten Religionen kennengelernt. Ich hatte also schon gut Kontakt in der Hinsicht.

In A Pure Place erzählt ihr nicht von einer dieser Religionen, sondern zeigt eine ganz eigene Sekte. Es gibt da draußen die unglaublichsten Sekten, die zum Teil richtig bizarre Geschichten erzählen. Warum glauben die Menschen an solche Geschichten?

Weil sie einfache Antworten geben. Wenn du mit einem komplexen Problem zu kämpfen hast und keine Lösung dafür findest, entwickelst du schnell das Gefühl, eingesperrt zu sein oder festzustecken. In einer Sekte sagen sie dir: Es gibt hier ein paar Regeln, solange ihr die erfüllt, wird alles gut und du musst dir nie wieder Sorgen machen. Das ist schon sehr verführerisch. Du fühlst dich einfach gut damit, wenn du dir keine Sorgen mehr machen musst.

Aber es geht ja nicht jedem gut damit. In A Pure Place gibt es welche, die davon profitieren. Denen am unteren Ende bringt der Glaube herzlich wenig.

Das stimmt. Aber das hast du bei all diesen Sekten. Da gibt es immer jemanden an der Spitze, das Top-Management, die eigentlichen Nutznießer. Die geben dir zwar vielleicht das Gefühl, dass du auserwählt wurdest. Die Unterschicht hat aber nicht wirklich etwas davon. Das ist auch das Gefährliche an solchen Gruppen: Da mag am Anfang noch eine gute Absicht gestanden haben, aber über kurz oder lang wird da etwas draus, das nur am eigenen Nutzen interessiert ist. Sobald Menschen irgendwie Macht bekommen, läuft es darauf hinaus, dass sie zu Monstern werden. Nicht unbedingt weil sie es wollen, sondern weil Menschen einfach nicht dazu gemacht sind, über so viel Macht zu verfügen. Macht bringt immer das Schlechteste in uns hervor.

Und wie lässt sich verhindern, dass Menschen eine solche Macht missbrauchen? Muss die Macht geteilt werden?

Du kannst zum Beispiel den Intellektuellen eine größere Stimme geben. Das Problem ist nur: Das erste, was Leute an der Macht gerne tun, ist, diese Intellektuellen auszuschalten, damit sie ihnen nicht gefährlich werden können.

Was braucht es, um überhaupt in diese Position zu kommen? Was braucht der Führer einer Sekte?

Charisma. Er muss es außerdem schaffen, eine Form der Neugierde zu erzeugen. Ein Geheimnis, das die Menschen interessiert. Und Hoffnung, damit die Menschen von etwas träumen können. Außerdem muss er sehr auf Details achten, gerade auch wenn es darum geht, eigene Schwächen zu kaschieren.

Und wie war das für dich, diese Figur zu spielen? War es schwierig?

Schwierig eigentlich nicht. Aber ich musste selbst sehr auf Details achten, um ihn spielen zu können. Außerdem musst du bei einer solchen Figur Sorge dafür tragen, dass du nicht in ihr verlorengehst. Zu diesem Zweck umgebe ich mich gern mit Menschen, die überhaupt kein Interesse an meinem Beruf haben. Das hilft mir dabei, auf dem Boden zu bleiben. Während du eine Figur spielst, wird sie ein Teil von dir. Danach, wenn du fertig bist, kannst du sie wieder vertreiben. Aber eben erst danach. Vorher musst du sie in dir aufnehmen, das ist unvermeidlich.

Geht das überhaupt, nach einer so intensiven Erfahrung alles wieder loszuwerden? Bleibt nach diesem Vertreiben etwas von dieser Figur in dir zurück?

Ich versuche das, indem ich mich im Anschluss in völlig andere Situationen begebe. Ich muss völlig abschalten, und sei es indem ich mich betrinke. Wenn dann trotzdem etwas zurückbleibt, unterhalte ich mich viel mit anderen Menschen und höre ihnen zu. Das hilft mir ebenfalls dabei, nicht zu sehr verlorenzugehen. Das ist mir auch sehr wichtig: Wir haben viele große Talente verloren, die sich zu sehr in etwas hineingesteigert haben und nicht mehr den Weg herausgefunden haben. Ich habe schon die Ambition, in meiner Arbeit Kunst zu schaffen. Aber ich muss mir nicht unbedingt das Ohr deswegen abschneiden.

Sekten haben oft eine Geschichte zu erzählen oder ein bestimmtes Thema, das sie in den Mittelpunkt rücken. Bei A Pure Place war es die Reinheit. Wenn du eine wirkliche Sekte gründen und leiten müsstest, was wäre dein Thema?

Das ist jetzt eine wirklich schwierige Frage, über die ich noch nachdenken müsste. Ich denke aber, bei mir würde es um das Thema Informationen gehen. Mir ist es sehr wichtig, andere Leute zu informieren. Heute noch mehr als früher, weil die Informationen oft gefiltert oder geändert werden. Die Leute wollen oft auch gar nicht wirklich alle Informationen, weil sie nicht darüber nachdenken wollen. Es reicht ihnen, wenn ihnen das schon vorgegeben ist und sie das Gefühl haben, alles zu wissen. Das würde ich gern ändern, wenn das in meiner Macht stünde. Ich würde dafür sorgen, dass den Menschen alle Informationen zur Verfügung stehen, ganz objektiv, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können. Ich weiß aber nicht, ob das wirklich unter Sekte fallen würde. Genauso weiß ich nicht, ob das Ergebnis unbedingt gut wäre. Am Anfang sicherlich. Aber wer weiß schon, was die Menschen mit diesen Informationen und diesem Wissen anfangen würden?

Aber woher weißt du, dass eine Information objektiv ist? In den letzten Jahren haben wir alle möglichen Variationen von Fakten gesehen, die jeweils den Anspruch haben, absolut zu sein …

Indem du weiß, woher diese Information kommt und auch wie du selbst geprägt wurdest. Du musst wissen, was dir mitgegeben wurde, um das ausschließen zu können. Was deine eigenen Filter sind und wie sie dich beeinflussen. Um objektiv zu sein, musst du erst einmal wissen, wer du selbst bist. Hast du das erreicht, kannst du dich mit anderen austauschen. Auch das hilft dir dabei, dir mancher Sachen bewusst zu werden. Zu 100 Prozent wirst du natürlich nie objektiv sein, das können wir Menschen gar nicht. Aber wir können uns gemeinsam einer Objektivität annähern.

Und wie kannst du dabei als Schauspieler eine Rolle spielen? Was willst du als Schauspieler erreichen?

Ich will etwas mit den anderen teilen. Ich will etwas in ihnen auslösen, über Gefühle, die wir erzeugen. Kunst kann Menschen bewegen und sie dazu bringen, sich mit etwas auseinanderzusetzen. Wenn jemand durch einen Film von mir etwas gespürt hat, habe ich mein Ziel erreicht.

Vielen Dank für das Gespräch!



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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