Evolution 2021
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Evolution (2021)

Inhalt / Kritik

Evolution 2021
„Evolution“ // Deutschland-Start: 25. August 2022 (Kino)

Nach dem viel beachteten Familiendrama Pieces of a Woman widmet sich das Filmemacher-Duo um Drehbuchautorin Kata Weber und Kornél Mundruczó einer weiteren, besonderen Familiengeschichte. In Evolution wird in drei Akten das Leben einer jüdischen Familie thematisiert. Dabei startet der Film mit der Befreiung eines Vernichtungslagers durch sowjetische Truppen, während im zweiten Akt ein Dialog zwischen der letzten unmittelbaren Shoah-Überlebenden Eva (Lilli Monori) und ihrer Tochter Léna (Annamaria Lang) im Vordergrund steht. Im abschließenden dritten Akt werfen Weber und Mundruczó einen Blick auf das gegenwärtige Leben von Jonas (Goya Rego), dem jugendlichen Sohn ebenjener Tochter in Berlin und diskutieren, inwieweit das Trauma der Großmutter über Generation an Kind und Enkelkind weitergegeben wurden.

Klaustrophobischer Einblick in ein Vernichtungslager

Ob und wie eine filmische Darstellung des Holocausts möglich sein kann, ist in den letzten 75 Jahren ausführlich diskutiert worden. Von einer Banalisierung oder entwürdigenden Darstellung jüdischen Leids ist Evolution im ersten Akt glücklicherweise jedoch weit entfernt. Nichtsdestotrotz beginnt der Film in der Gaskammer eines Vernichtungslagers. Kameramann Yorick Le Saux erzeugt durch seinen vollständigen Verzicht auf Schnitte eine klaustrophobische Atmosphäre. Der Fokus der visuell beeindruckenden liegt ganz auf den verzweifelten Blicken der Protagonisten, die dramatische musikalische Untermalung von Dascha Dauenhauer lässt den Eindruck entstehen, man würde einen Horrorfilm sehen. Der nur fünfzehnminütige erste Akt wird so zu einem Paradebeispiel für immersives Kino, ohne zu überwältigen.

Auch der zweite Akt des Filmes erzeugt den Anschein, vollständig ohne Schnitt gedreht zu sein. Nachdem im ersten Akt fast kein Wort gewechselt wurde, befinden sich nun Mutter Eva, mittlerweile im Seniorenalter und ihre erwachsene Tochter Léna in einem regen Dialog. Als Léna ihrer Mutter schließlich eröffnet, dass sie die ihre jüdische Geburtsurkunde sucht, um ihren Sohn endlich auf einer jüdischen Schule anmelden zu können, beginnt zwischen den beiden Frauen eine kontroverse Diskussion. Beide Protagonistinnen haben zwar keine unmittelbaren Erinnerung an die Shoah, allerdings klare Vorstellungen davon, wie sie das Familienleben geprägt hat. Die Frage, ob es richtig gewesen sei, ihre jüdische Identität auch im Nachkriegseuropa verstecken, das Auskommen mit dem alltäglichen Antisemitismus in der Sowjetunion, der auf dem Papier geleugnet wurde und die Angewohnheiten der Familie, die sich aus den unzählbaren traumatischen Erfahrungen entwickelt haben sind der Gegenstand des intensiven Streitgesprächs zwischen Mutter und Tochter. Kontroversen und Konflikten geht das Drehbuch dabei nicht aus dem Weg. Der Dialog ist dabei so eng getaktet und intensiv, das beiden Protagonistinnen kaum die Zeit zum Atmen bleibt. Dennoch meistern Monori und Lang ihre Aufgaben mit Bravour und liefern aufwühlende, emotionale Perfomances ab.

Liebe in Zeiten des Antisemitismus

Mit der visuellen Intensität des ersten Akts und der inhaltlichen Stärke des zweiten Akts kann der abschließende Teil des Films leider nicht mithalten. Es geht um die Gegenwart von Lénas jugendlichem Sohn Jonas in Berlin, der aufgrund seines Jüdischseins von seinen Mitschülern Gewalt und Ausgrenzung erfährt. Ohne das Jonas oder Léna jemals in Israel gewesen wären, äußert die Schule gar Verständnis für den israelbezogenen Antisemitismus seiner Mitschüler und verortet das Problem im Nahen Osten. Eine genauere Auseinandersetzung mit den Erscheinungsformen des modernen Antisemitismus und eine ausführliche Betrachtung der Lebensrealität von jüdischen Menschen in Deutschland, unabhängig davon, ob sie praktizieren oder nicht, wird im dritten Teil nicht vorgenommen. Der Film entscheidet sich dafür, eine Liebesgeschichte zu erzählen, die mit dem inhaltlichen Fokus der ersten zwei Akte bricht. Die beiden jugendlichen Schauspieler können das stellenweise sehr hölzerne Drehbuch jedoch nicht mit Emotionen füllen.

Die Fragen nach europäischer jüdischer Identität, generationenübergreifendem Trauma und gegenwärtigem modernen Antisemitismus, die im Film aufgeworfen werden, sind weit umfassend und in den letzten Jahrzehnten in verschiedenster Form kontrovers diskutiert worden. Katja Webers und Kornel Mundruczós Evolution, der bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes seine Premiere feierte, ist ein wichtiger, zeitgemäßer Beitrag zu dieser Debatte.

Credits

OT: „Evolution“
Land: Deutschland, Ungarn
Jahr: 2021
Regie: Kornél Mundruczó
Drehbuch:  Kata Weber
Musik: Dascha Dauenhauer
Kamera: Yorick Le Saux
Besetzung: Annamária Lang, Lilli Monori, Goya Rego

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Evolution (2021)
fazit
Evolution ist ein ambitioniertes Drama. Jeder der drei Akte des Films könnte ohne Probleme in Spielfilmlänge realisiert werden, und doch ist die Spielzeit des Generationendramas mit etwa anderthalb Stunden knapp bemessen. Trotzdem scheint es in den ersten beiden Akten nicht so, als würde aus der dargestellten Familiengeschichte etwas ausgelassen werden. Dafür sorgen im ersten Akt beeindruckende Kamerabilder, während im zweiten Akt das emotional aufwühlende Drehbuch und die starke schauspielerische Umsetzung von Annamária Lang und Lilli Monori überzeugen. Mit der dramatischen Effektivität der ersten beiden Akte kann der abschließende, dritte Akt leider nicht mithalten. Dennoch handelt es sich bei Evolution um einen wichtigen und besonderen Beitrag zur Auseinandersetzung mit jüdischem Leben in Europa in der Gegenwart und Vergangenheit.
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