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Toubab

„Toubab“ // Deutschland-Start: 23. September 2021 (Kino)

Was hatte sich Babtou (Farba Dieng) nicht auf den Tag gefreut: endlich raus aus dem Knast, wieder frei sein und mit den Kumpels abhängen! Doch diese Freude hält nicht lang, als die Willkommensfeier komplett aus dem Ruder läuft und er sich in Handschellen auf der Polizei wiederfindet. Doch es kommt noch schlimmer, denn aufgrund seiner wiederholten Straftaten soll er in den Senegal abgeschoben werden, dem Land seiner Eltern. Dass der in Deutschland geborene junge Mann dieses Land nicht kennt, interessiert dabei niemanden. Seine einzige Option ist, jemanden zu heiraten und so ein Bleiberecht in Deutschland zu erwirken. Was sich in seinem Kopf so leicht anhörte, stellt sich aber bald als ziemliches Problem heraus: Es hagelt von den auserwählten Frauen einen Korb nach dem anderen. Also bleibt nur Plan B, er nimmt seinen besten Freund Dennis (Julius Nitschkoff) zum Mann, der gerade dabei ist Vater zu werden …

Aus dem eigenen Land vertrieben

Das Thema Flüchtlinge und wie mit ihnen umzugehen ist, wurde zuletzt dank des Chaos-Rückzugs aus Afghanistan wieder zu einem relevanten Thema. Da ist es fast schon eine Provokation, zu diesem Zeitpunkt eine Komödie ins Kino zu bringen, bei dem sich ein Mann ein Aufenthaltsrecht in Deutschland ermogeln will. Gleichzeitig zeigt Toubab aber auch die Absurdität solcher Diskussionen, wenn hier jemand in seine „Heimat“ abgeschoben werden soll, die er nur vom Hörensagen her kennt. In Deutschland geboren, in Deutschland zur Schule gegangen, in Deutschland aufgewachsen – aber eben doch kein echter Deutscher. Nicht wenn es nach den Behörden geht, die im Zweifelsfall den Buchstaben des Gesetzes höher schätzen als den gesunden Menschenverstand.

Doch Toubab will gar kein richtiger Beitrag zu dem Thema sein, was denn die kulturelle Identität eines Menschen ausmacht. Hier geht es zunächst einmal darum, mit der Situation Spaß zu haben. Die Geschichte an sich erinnert dabei stark an den französischen Kollegen Heirate mich, Alter!. In seinem Regiedebüt erzählte der aus diversen Komödien bekannte Tarek Boudali (30 Days Left), wie ein marokkanischer Student seinen besten Freund heiratet, um der Ausweisung zuvorzukommen, und dabei von einem hartnäckigen Inspektor verfolgt wird. Schließlich muss ausgeschlossen werden, dass es sich um eine reine Scheinehe handelt. Vor allem bei zwei Männern wird man als aufrechter Beamte schon mal ein wenig misstrauisch, ob das auch alles seine Richtigkeit hat.

Erst albern, später schön

Wo besagte Komödie aber schnell in die Klamaukrichtung geht, da hat Toubab etwas anderes vor. Sicher, es gibt sie, die peinlichen Momente am Anfang, wenn zwei harte Kerle auf einmal so tun müssen, als wären sie schwul. Vor allem, wenn sie weiterhin auch was mit Frauen haben wollen. Da fällt dann auch schon mal das eine oder andere unpassende Wort. Der Film droht zu einer dieser latent homophoben Prollkomödien zu werden, bei denen Homosexualität vor allem der Belustigung dienen soll. Ein Mann, der einen anderen küsst? Ist ja lustig! Doch diese recht groben Anfänge, die sich auf Klischees verlassen, sind eben nur der Startpunkt für eine Entwicklung, welche die beiden Protagonisten durchmachen. Eine innere Reise, die der äußeren vorangeht.

Die vielleicht schönste Szene des Films platziert Regisseur und Co-Autor Florian Dietrich recht kurz nach der vorgetäuschten Hochzeit. Babtou und Dennis lassen sich dazu überreden, noch einmal abends feiern zu gehen – auch weil Babtou scharf auf seine Nachbarin Yara (Seyneb Saleh) ist, die das Ganze initiiert. Dafür nimmt er dann auch in Kauf, in einen Club der LGBT-Szene zu gehen und sich entsprechend umstylen zu müssen. Was für die beiden anfangs noch ungewohnt ist, wird für beide zu einer befreienden Erfahrung. Sie genießen den Abend und die Körperlichkeit mit anderen Männern nicht, weil sie schwul sind oder es sein wollen. Sondern weil sie es sein dürfen: Zumindest einen Abend lang dürfen sie einfach nur sein, losgelöst von Erwartungen, die andere und sie selbst an sie haben.

Liebeserklärung an das Leben und die Freundschaft

Am Ende ist Toubab dann auch ein Appell für mehr Offenheit gegenüber anderen, sei es im sexuellen oder kulturellen Bereich. Ohne erhobenen Zeigefinger setzt sich Dietrich für ein buntes, vielfältiges und selbstbestimmtes Leben ein, das sich nicht willkürlichen Normen und Regeln zu unterwerfen hat. Gleichzeitig ist der Film eine schöne Liebeserklärung an die Freundschaft, wenn hier zwei Grenzen überschreiten, sich gegenseitig stützen und sich dabei selbst auch neu kennenlernen. Das ist trotz des einen oder anderen Klischees sehenswert und sympathisch, gerade auch des Duos wegen. Das Zusammenspiel von Farba Dieng und Julius Nitschkoff (Die Geschwister) funktioniert, sie entwickeln auch als mitreißend unbeholfenes Nicht-Paar die notwendige Chemie, um mit ihnen durch dick und dünn gehen zu wollen.

Credits

OT: „Toubab“
Land: Deutschland, Senegal
Jahr: 2020
Regie: Florian Dietrich
Drehbuch: Florian Dietrich, Arne Dechow
Musik: Jacob Vetter
Kamera: Max Preiss
Besetzung: Farba Dieng, Julius Nitschkoff, Seyneb Saleh, Nina Gummich

Bilder

Trailer

Interview

Was bedeutet für ihn Freundschaft? Und was lässt sich gegen Homophobie tun? Diese und weitere Fragen haben wir Hauptdarsteller Julius Nitschkoff in unserem Interview zu Toubab gestellt.

Julius Nitschkoff [Interview]

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
First Steps Awards 2020 Bester Film Nominierung
Götz George Nachwuchspreis Farba Dieng, Julius Nitschkoff Nominierung

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4/5 - (9 votes)
Toubab
Zwei Männer tun so, als wären sie ein Paar, damit einer von ihnen nicht abgeschoben wird. Das Szenario von „Toubab“ klingt nach einer eher billigen Klamotte, wird mit der Zeit aber zu einem sympathischen Appell für mehr Offenheit und schönen Liebeserklärung an die Freundschaft, die gerade auch durch das mitreißend unbeholfene Nicht-Paar überzeugt.
7von 10
Leserwertung: (9 Votes)
6.4

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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