Inhalt / Kritik

„Falling“ // Deutschland-Start: 12. August 2021 (Kino)

Es kann so nicht mehr weitergehen, da sind sich John Petersen (Viggo Mortensen) und seine Schwester Sarah (Laura Linney) einig. Zu sehr hat ihr an Demenz erkrankter Vater Willis (Lance Henriksen) in der letzten Zeit abgebaut, als dass er weiterhin allein auf seiner Farm leben könnte. Und so soll der alte Herr erst einmal bei John, seinem Ehemann Eric (Terry Chen) und der gemeinsamen Adoptivtochter Mónica (Gabby Velis) unterkommen. Einfach ist das Zusammenleben jedoch nicht, da Willis sich von niemandem etwas sagen lassen will und er keine Gelegenheit ungenutzt lässt, anderen das Leben schwer zu machen. Während John versucht, das Beste aus der Situation zu machen, kehren seine Gedanken immer wieder zu seiner schwierigen Kindheit zurück, die von der Wut seines Vaters (damals: Sverrir Gudnason) geprägt war …

Auf zu neuen Ufern

Als Schauspieler hat Viggo Mortensen nahezu alles erreicht. Er war als Hauptdarsteller der Der Herr der Ringe Trilogie Teil eines filmischen Ereignisses. Mehrfach war er für die großen Filmpreise der Welt nominiert, darunter den Oscar und den Golden Globe, zuletzt für das Rassismus-Wohlfühldrama Green Book – Eine besondere Freundschaft. Was bleibt einem da noch? Richtig: einmal selbst Regie führen. Wie so viele anderer seiner Kollegen und Kolleginnen wollte er sich an einer Aufgabe versuchen, die er bislang nur als Beobachter kannte. Und damit seine Vision auch ja von niemand anderen beeinträchtigt wird, inszenierte er Falling nicht nur. Er schrieb auch das Drehbuch, übernahm die Hauptrolle, produzierte den Film. Ach ja, die Musik stammt ebenfalls von ihm, wennschon, dennschon.

Das hört sich nach einem ziemlichen Egotrip an. Stattdessen ist die Geschichte um einen Mann, der sich um seinen demenzkranken Vater kümmern will, aber eine erstaunlich sperrige Angelegenheit. Das liegt vor allem an dem besagten Vater selbst. Falling macht keinen Hehl daraus, dass der Mann keine einzige liebenswürdige Eigenschaft in sich hat. Er ist frauenfeindlich, homophob, auch vor rassistischen Äußerungen macht er nicht Halt. Sein einziger Lebenszweck scheint darin zu bestehen, seinen Hass gegenüber der Menschheit zum Ausdruck zu bringen. Klar, verbitterte alte Männer gibt es in Filmen zuhauf. Oft läuft das dann auf eine tränenreich-manipulative Annäherung hinaus, meist unter Zuhilfenahme eines Kindes, welches die gute Seite hinter der zerknitterten Fassade hervorruft.

Konsequent unsympathischer Tyrann

Doch auch wenn mit Mónica eine Figur da ist, die dazu prädestiniert zu sein scheint, diese Aufgabe zu übernehmen, Mortensen begnügt sich nicht damit. Trotz vereinzelter Momente, in denen Falling in diese Richtung abzudriften droht, der Großvater bleibt unnahbar und feindselig. Mehr noch: Das Drama, das auf dem Sundance Film Festival 2020 Weltpremiere feierte, tut alles dafür, Willis irgendwie noch unsympathischer zu machen. So besteht der Film nur zur Hälfte aus den Szenen, in denen die Familie irgendwie mit dem schwierigen Senior fertig zu werden versucht. Die andere Hälfte sind Flashbacks, welche das Aufwachsen von John und Sarah zeigt, von der frühen Kindheit bis zu ihrer Zeit als Jugendliche. Denn schon damals war Willis ein unangenehmer Mensch, dessen Willen sich alle unterzuordnen hatten.

Das dürfte bei nicht wenigen im Publikum Frust und Unverständnis wecken. Warum sollte man sich selbst so jemandem aussetzen? Warum sollte man sich um jemanden kümmern, der sich nie um dich gekümmert und dich selbst jetzt noch beschimpft? Die Antwort ist gar nicht so einfach. Falling erzählt von komplexen, auch widersprüchlichen Gefühlen. Erzählt von einer dysfunktionalen Familie, bei der viele Wunden unbehandelt blieben. Grade die Szene, in der alle zu einem gemeinsamen Essen im Garten zusammenkommen, verdeutlicht, wie weit die Schatten der Vergangenheit reichen. Viele Jahrzehnte sind vergangen, die Gesellschaft hat sich zum Teil stark gewandelt. Und doch sind sie alle Kinder der Vergangenheit, selbst wenn sie diese zu vergessen versuchen.

Familie in all ihren Facetten

Das bedeutet zwangsläufig, dass der Film nicht gerade durch eine Entwicklung seiner Figuren glänzt. Von Willis ist nicht viel zu erwarten. Bei den Kindern gibt es einen zu großen Sprung vom Teenagerdasein zu den Erwachsenen, wie sie in der Geschichte gezeigt werden. Allenfalls die Frage, wie sich das Leben auf der Farm veränderte, sorgt noch für eine gewisse Dynamik. Ansonsten wiederholt sich da schon viel im Laufe des Films. Sehenswert ist Falling dennoch, wie hier nach und nach Zusammenhänge deutlich werden. Wie hier auch der Mut aufgebracht wird, familiäre Verbindungen als etwas aufzuzeigen, das sich einer klaren Kategorisierung entzieht. Hier geht es nicht darum, alles zu feiern und traditionelle Werte zu bestätigen, sondern irgendwie das Beste aus der Situation zu machen.

Credits

OT: „Falling“
Land: Dänemark, UK, Kanada
Jahr: 2020
Regie: Viggo Mortensen
Drehbuch: Viggo Mortensen
Musik: Viggo Mortensen
Kamera: Marcel Zyskind
Besetzung: Viggo Mortensen, Lance Henriksen, Sverrir Gudnason, Laura Linney, Hannah Gross, Terry Chen, Bracken Burns, Gabby Velis

Bilder

Trailer

Interview

Wie war es, das erste Mal Regie zu führen und dabei gleichzeitig die Hauptrolle zu übernehmen? Und welche Erinnerung ist ihm besonders wichtig? Diese und weitere Fragen haben wie Viggo Mortensen in unserem Interview zu Falling gestellt.

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Europäischer Filmpreis 2020 Bester Darsteller Viggo Mortensen Nominierung

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4.3/5 - (3 votes)
Falling
„Falling“ erzählt von einem Mann, der sich um seinen demenzkranken Vater kümmern möchte, obwohl er sein ganzes Leben lang ein schwieriges Verhältnis zu ihm hatte. Richtig viel Entwicklung gibt es innerhalb der Geschichte nicht, trotz der intensiven Rückblicke. Doch das Drama überzeugt gerade dadurch, dass es sich der einfachen Wohlfühlwege verweigert und eine Familie in all ihrer hässlichen und widersprüchlichen Komplexität zeigt.
7von 10
Leserwertung: (1 Judge)
8.6

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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