Green Book

„Green Book“ // Deutschland-Start: 31. Januar 2019 (Kino)

Wenn er sich nicht gerade mit Hotdog-Wettessen ein bisschen was hinzuverdient, hält sich der Italo-Amerikaner Tony Lip (Viggo Mortensen) mit seiner Arbeit als Sicherheitsmann in einem Club über Wasser. Doch der ist jetzt erst einmal eine ganze Weile geschlossen, wegen Renovierungsarbeiten. Da erhält er ein ungewöhnliches Jobangebot: Der Pianist Dr. Don Shirley (Mahershala Ali) plant eine Tournee im tiefsten Süden der USA, was für einen Schwarzen im Jahr 1962 ein erhebliches Risiko bedeutet. Tony soll ihn dabei begleiten, als Fahrer für ihn arbeiten und jeden Ärger von ihm fernhalten. Richtig verlockend klingt das zunächst nicht, denn das bedeutet Monate von seiner Familie getrennt zu sein. Am Ende lässt sich der einfache Arbeiter dann aber doch darauf ein und begibt sich auf die Reise seines Lebens.

Dass ausgerechnet Peter Farrelly, dessen Namen man bislang mit Blödelkomödien wie Verrückt nach Mary, Dumm und dümmer oder auch Movie 43 in Verbindung brachte, einmal einen der bedeutenderen Titel der Award Season drehen würde, das hätte sich bis vor Kurzem wohl kaum einer träumen lassen. Und doch wird Green Book gerade von Filmpreis zu Filmpreis weitergereicht. Drei Golden Globes konnte die Geschichte einer besonderen Freundschaft abräumen, darunter den besten Film in der Kategorie „Komödie/Musical“. Mit insgesamt fünf Nominierungen gehört sie auch zu den wichtigeren Titeln der kommenden Oscar-Verleihung.

Eine Geschichte ist zum Umschreiben da
Glücklich sind aber nicht alle darüber, allen voran die Nachkommen des echten Don Shirley. Denn was im Film und im deutschen Titel als Freundschaft verkauft wird, war im wahren Leben gar keine. Und auch sonst nahm sich Farrelly, der nicht nur Regie führte, sondern auch am Drehbuch mitarbeitete, jede Menge Freiheiten heraus. So verharmlost er hier ein wenig das Wagnis, das es damals bedeutete, als Schwarzer im Süden unterwegs zu sein. Das Thema Rassismus wird durchaus angesprochen, etwa beim titelgebenden Buch, das seinerzeit darüber informierte, in welchen Restaurants auch Schwarze bedient wurden. Es wird auch den einen oder anderen unangenehmen Vorfall geben. Allzu viel will Green Book , das auf dem Toronto International Film Festival 2018 debütierte, dann aber doch niemandem zumuten, nicht den Figuren, nicht dem Publikum.

Letzten Endes hatte Farrelly kein Interesse an einem harten Rassismus-Drama. Er möchte lieber unterhalten. Das tut er zum einen, indem er immer wieder humorvolle Momente einbaut, die sich vor allem aus dem starken Kontrast ergeben. Shirley ist ein selbstverliebter Snob, der seine Wohnung mit allerhand Tand vollstopft, darunter einen Thron. Tony ist hingegen ein simpler Arbeiter, der keinen längeren Satz herausbringt und sich gern mal etwas unflätig verhält. Beides macht irgendwo Spaß, da Viggo Mortensen (Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück) und Mahershala Ali (Moonlight) mit viel Spielfreude zur Sache gehen und sich offensichtlich nicht daran stören, dass das Drehbuch ihnen nur Karikaturen anbietet. Zumindest anfangs ist das alles so grob gezeichnet, dass das mit realen Menschen nicht mehr viel zu tun hat.

Die übliche Reise
Später werden sich die Fronten natürlich aufweichen, die beiden so unterschiedlichen Männer sich annähern. Green Book mag von einer ungewöhnlichen Geschichte erzählen, die sich vor über 50 Jahren zugetragen hat. Denn ein Schwarzer mit einem weißen Chauffeur, das war schon eine Ausnahmeerscheinung. Der Film selbst ist aber alles andere als ungewöhnlich, folgt auf seiner Reise den üblichen Feel-Good-Buddy-Movie-Stationen. Am Ende haben sich alle lieb, alle haben ein bisschen was hinzugelernt, die Welt ist zu einem besseren Ort geworden, weil gezeigt wird: Ohne Rassismus ist es doch viel schöner! Lasst uns alle Freunde sein!

Das mag man nun naiv nennen, berechnend, mutlos, vielleicht sogar zynisch, wie Hollywood Klischees und White-Savior-Szenario benutzt, um sich wieder kräftig selbst auf die Schulter zu klopfen, dabei jedem Risiko aus dem Weg geht. Man kann es aber auch einfach schön, warmherzig und inspirierend finden. Green Book ist ein durch und durch netter Film, mal unterhaltsam, mal rührend, der dazu aufmuntert, sich nicht von ersten Eindrücken oder Differenzen leiten zu lassen. Was auch im Jahr 2019 von akuter Relevanz ist. Ein Film, der einen von einer besseren Welt träumen lässt, selbst wenn diese nicht viel mit dem zu tun hat, was uns im alltäglichen Leben so umgibt.

Green Book – Eine besondere Freundschaft
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Green Book – Eine besondere Freundschaft
Für die einen ist es ein rührender Film über eine Freundschaft, die keine Gräben kennt, und ein Plädoyer für Toleranz. Für die anderen eine zynische Selbstbeweihräucherung, die eine reale Geschichte für Feel-Good-Konventionen missbraucht. Wer sich damit abfinden kann, dass „Green Book“ berechenbar, mutlos und historisch verfälschend ist, kann hier aber tatsächlich Spaß haben und sich das Herz wärmen lassen, gerade auch dank der beiden spielfreudigen Hauptdarsteller.
7von 10

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