Inhalt / Kritik

„The Nest – Alles zu haben ist nie genug“ // Deutschland-Start: 8. Juli 2021 (Kino) // 12. November 2021 (DVD/Blu-ray)

Als Unternehmer hat sich Rory O’Hara (Jude Law) eigentlich ein ganz schönes Leben aufgebaut, es fehlt ihm und seiner Familie an nichts. Und doch reicht ihm das alles nicht. Frustriert über die vielen Beschränkungen, die er in den USA zu beachten hat, beschließt er deshalb, die amerikanische Vorstadt hinter sich zu lassen und zurück in die britische Heimat zu ziehen. Denn dort sollen die Möglichkeiten deutlich größer sein, mit dem Handel richtig viel Geld zu verdienen. Ganz glücklich ist seine Familie über die Entscheidung nicht. Schließlich müssen seine Ehefrau Allison (Carrie Coon) und die beiden Kinder Sam (Oona Roche) und Ben (Charlie Shotwell) alles hinter sich lassen und noch einmal komplett von vorne anfangen. Für Rory geht dafür zunächst ein Traum in Erfüllung, als er sich ein großes Landhaus kauft und ein Leben im Luxus führt. Doch bald schon häufen sich die Probleme, die Geschäfte laufen nicht so, das Geld wird knapp …

Der schwierige zweite Schritt

Manchmal dauert es eben länger. Obwohl sein Debütfilm Martha Marcy May Marlene sehr gute Kritiken erhielt, passabel an den Kinokassen abschnitt und mit einem prominenteren Ensemble für sich Werbung machen konnte, dauerte es im Anschluss recht lange, bis es ein neues Lebenszeichen von Sean Durkin gab. Genauer lagen ziemlich genau neun Jahre zwischen seinem Erstling und dem zweiten Spielfilm The Nest – Alles zu haben ist nie genug. Lediglich die Miniserie Southcliffe findet sich zwischen den beiden Werken des gebürtigen Kanadiers, der in England aufgewachsen ist, bevor er mit seiner Familie in die USA zog, wo er schließlich auch Film studierte.

Diese häufigen Ortwechsel spiegeln sich zum Teil auch in The Nest wieder. Obwohl der Titel eigentlich Geborgenheit impliziert, einen Ort, an dem man umsorgt und sicher ist, könnte das Ergebnis kaum gegenteiliger sein. Gerade zu Beginn betont Durkin das Gefühl der Entwurzelung, wenn Rory seine Familie dazu nötigt, alles hinter sich zu lassen und woanders neu anzufangen. Erschwerend kommt hinzu, dass das neue Domizil der O’Haras so weit entfernt von allen anderen ist, dass alle ein wenig isoliert leben. Freundschaften schließen, neue Leute kennenlernen? Das ist hier nicht möglich, das Landgut wird schnell zu einem Gefängnis für Allison und die Kinder, aus dem sie kaum ausbrechen können.

Eine unheimliche Gier

Tatsächlich arbeitet Durkin auch sehr stark mit Genreanleihen. Ein abgelegenes Landhaus mitten im Nirgendwo, das ist eigentlich schon Horrormaterial. Das wusste man auch bei The Nest, welches das Zuhause als so unheimlich inszeniert, dass man bei jedem Schritt das Gefühl hat, irgendeinem Gespenst hinter der nächsten Ecke zu begegnen. Der Film belässt es aber bei der düsteren Atmosphäre, anstatt wirklich diese Bedrohung konkret werden zu lassen. Um Gespenster geht es hier auch gar nicht, zumindest nicht im eigentlichen Sinn. Stattdessen steht eine Familie im Mittelpunkt, die langsam auseinanderbricht. Bei dem Versuch, alles größer, besser und imposanter zu machen übersieht Rory ausgerechnet das Fundament, auf dem alles gebaut ist. Wie fragil das alles ist, das merkt man als Publikum schon. Der Protagonist will dies aber nicht wahrhaben.

Warum er sich dermaßen verzockt und blind ist für das, was da geschieht, das bleibt lange ein Geheimnis. So richtig ausformuliert wird es auch nie: The Nest gewährt erst spät kleinere Einblicke in das Vorleben von Rory, welches Anhaltspunkte gibt, wie es so weit kommen konnte. Diese zeigen dann eine andere, tragischere Seite des Mannes, der in seinem Wahn alle in den Ruin treibt. Da mag er sich noch so sehr als Macher und erfahrener Lebemann inszenieren, der Film lässt keinen Zweifel daran, dass das letztendlich alles heiße Luft ist. Sein Talent besteht weniger darin, fachliches Wissen fundiert anzuwenden, als vielmehr mit seinem Charme andere zu blenden und irgendetwas aufzuschwatzen, selbst wenn es gegen ihr Interesse ist.

Atmosphärisch und schauspielerisch stark

Sympathisch ist das natürlich weniger. Tatsächlich wird während des Films kaum klar, was Allison denn nun in ihrem Mann sah und ob bzw. wie er sich im Laufe der Zeit gewandelt hat. Das Drama, welches auf dem Sundance Film Festival 2020 Premiere feierte, bleibt da schon eher an der Oberfläche, befasst sich mehr mit dem ist-Zustand, anstatt Erklärungen hierfür zu liefern. Doch selbst wenn da zum Schluss einige Fragen offen bleiben, atmosphärisch und schauspielerisch ist The Nest – Alles zu haben ist nie genug sehr stark. Der Film ist ein schlüssiges Porträt einer 80er-Jahre Goldgräberstimmung und gibt dem Publikum von heute gleichzeitig einiges mit auf den Weg, worüber es sich nachzudenken lohnt. Gerade auch in Zeiten, in denen wieder die Ellbogen ausgepackt werden und alles dafür getan wird, dass die Schere zwischen Arm und Reich möglichst groß wird, darf hier diskutiert werden, welchen Wert das alles hat. Was wir vom Leben erwarten können und dürfen und wo in dem Streben nach mehr eine Grenze erreicht wird.

Credits

OT: „The Nest“
Land: UK, Kanada
Jahr: 2020
Regie: Sean Durkin
Drehbuch: Sean Durkin
Musik: Richard Reed Parry
Kamera: Mátyás Erdély
Besetzung: Jude Law, Carrie Coon, Charlie Shotwell, Oona Roche, Adeel Akhtar

Bilder

Trailer

Interview

Wie kam er auf die Idee zum Film? Und kann Geld überhaupt glücklich machen? Diese und weitere Fragen haben wir Regisseur und Drehbuchautor Sean Durkin in unserem Interview zu The Nest gestellt.

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The Nest – Alles zu haben ist nie genug
In „The Nest – Alles zu haben ist nie genug“ kehrt ein Engländer mit seiner Familie in die Heimat zurück, um endlich das ganz große Geld zu machen, verliert dabei aber zunehmend die Kontrolle. Der Film spielt dabei mit Genreanleihen, ist aber in erster Linie ein sehr düsteres Drama um eine auseinanderbrechende Familie. Das stellt mehr Fragen, anstatt Antworten zu geben, überzeugt aber atmosphärisch und schauspielerisch.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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