In seinem Film The Nest – Alles zu haben ist nie genug erzählt Sean Durkin von dem Unternehmer Rory O’Hara (Jude Law), der mit seiner Familie aus den USA in seine alte Heimat England zieht, sich dort ein riesiges Anwesen kauft und von einem Leben im Luxus träumt. Doch darunter leidet bald die Ehe mit Allison (Carrie Coon) und das Familienleben. Wir haben uns zum Kinostart am 8. Juli 2021 mit dem Regisseur und Drehbuchautor über sein Werk, den amerikanischen Traum und die Suche nach einem Zuhause unterhalten.

Könntest du uns ein wenig über den Hintergrund des Films erzählen? Wie und wann bist du auf die Idee für The Nest gekommen?

Ich habe selbst in England als Kind gelebt, bevor ich mit meiner Familie in die USA gezogen bin. Mehr als zwanzig Jahre war ich nicht mehr dort, bis man mich fragte, ob ich nicht eine Serie dort drehen wollte. Wieder in England zu sein, war eine sehr intensive Erfahrung für mich, weil ich dadurch erst merkte, dass das für mich immer noch meine Heimat ist. In Folge habe ich viel darüber nachgedacht und auch über die Zeit, die ich dort verbracht habe. Da kam ich auf die Idee, einen Film darüber zu drehen, wie eine Familie in ein anderes Land zieht und was dies mit ihr macht. Diese Idee wuchs dann immer weiter und verschob dabei den Fokus auf das Ehepaar, die Entfremdung zwischen den beiden und wie sie miteinander kommunizieren oder auch nicht kommunizieren.

Und warum spielt der Film in den 1980ern? Das Thema an sich ist ja zeitlos.

Das stimmt. Das war mein persönlicher Bezug, weil ich selbst in den 80ern und frühen 90ern in England war. Von dem Startpunkt aus überlegte ich, wann genau die Geschichte spielen sollte. Mir war klar, dass die Ambitionen von Rory im Mittelpunkt der Familiendynamik stehen sollte. Außerdem wollte ich, dass die Geschichte irgendwo in der Welt der Finanzen angesiedelt ist. Dadurch fiel die Entscheidung auf das Jahr 1986, als England seine Märkte völlig deregulierte und auch viele Amerikaner nach England kamen, um dort zu handeln. Das war für mich der perfekte Zeitpunkt, um einen Engländer, der selbst in den USA gelebt hat, in seine Heimat zurückkehrt, um dort den amerikanischen Traum zu leben. Das war ein Thema, das mich schon immer interessiert hat: der amerikanische Traum und wie dieser in die ganze Welt exportiert wurde.

Glaubst du selbst an den amerikanischen Traum?

Auf keinen Fall! Ich bin fest davon überzeugt, dass der auf einer falschen Vorstellung basiert.

Rory kommt ursprünglich aus ärmlichen Verhältnissen, worunter er sehr gelitten hat. Aber auch als er dann an Geld kommt, ist er nicht wirklich glücklich. Glaubst du, dass es zwischen den beiden Extremen den Punkt gibt, an dem man genug Geld hat und damit zufrieden ist?

Das ist natürlich eine sehr persönliche Frage, bei der jeder eine andere Antwort geben wird. Ich glaube grundsätzlich aber schon an die Wichtigkeit einer Balance. Rory kämpft so hart dafür, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und jemand anderes zu werden, weiß dabei aber selbst nicht so genau, wer er eigentlich ist. Er ist jemand, der wirklich zwischen diesen beiden Extremen gefangen ist und diese Balance noch nicht gefunden hat. Der Film handelt deshalb auch davon, wie die Familie nach eben dieser Balance sucht und nach einer Möglichkeit, mit ihrem Leben glücklich zu sein.

Rory sagt an einer Stelle, dass er ein Leben im Luxus verdient hat, weil er eine Scheißkindheit hatte. Nun kann aber nicht jeder, der eine solche Kindheit hatte, ein Leben im Luxus führen. Verdient überhaupt jemand ein Leben im Luxus?

Das ist jetzt aber eine ziemlich komplexe Frage. Nein, es fühlt sich für mich nicht richtig an, wenn einzelne Menschen so viel mehr Geld haben als der Rest. Wobei Rory natürlich diesen Satz sagt, als er gerade völlig durchdreht. Rory wurde die Idee verkauft, dass er glücklich sein wird, wenn er erst einmal Geld und ein großes Haus hat. Und der Film zeigt auf, dass das so nicht stimmt. Du kannst all den Reichtum der Welt ansammeln. Eine Garantie für ein gutes Leben ist das aber nicht.

Um sich seinen Traum zu erfüllen, kauft Rory ein riesiges Anwesen, das einerseits sehr eindrucksvoll ist, aber auch irgendwie unheimlich. An manchen Stellen meint man sogar, sich einen Horrorfilm anzuschauen. Warum hast du das derart düster gestaltet, anstatt ein geradliniges Drama zu drehen?

Ich habe grundsätzlich ein Faible fürs Genrekino. Das konntest du auch schon in meinem ersten Film Martha Marcy May Marlene sehen, bei dem eine junge Frau vor einem Kult flüchtet. Als ich dafür recherchierte, wurde mir bewusst, dass der psychologische Zustand eines solchen Menschen vergleichbar zu dem ist, was Figuren in psychologischen Thrillern durchmachen, mit der Paranoia und all dem. Und so ähnlich ist es auch in The Nest. Dieses Haus ist das Symbol für Rorys Träume und Ambitionen. Dabei ist es völlig unpraktisch und das Gegenteil von dem gemütlichen Zuhause, das sie noch in Amerika hatten. Dieser Umzug bedeutet auch für die Figuren eine große Umstellung. Sie müssen von vorne anfangen, sind isoliert von allem. So wie es auch in Haunted House Horrorfilmen der Fall ist, wenn sich die Figuren an einem abgelegenen Ort dem Schrecken stellen müssen. Das Haus repräsentiert deshalb, was in der Familie vor sich geht. Zum Teil kommt eine solche Horroratmosphäre aber auch schon durch das Setting: Alte englische Häuser sind von Natur aus etwas unheimlich. Das Haus, in dem wir gedreht haben, ist 700 Jahre alt und macht ständig so seltsame Geräusche. Da kommt diese Stimmung fast schon von selbst.

Wie lange habt ihr gesucht, bis ihr die passende Location hattet?

Das war wirklich nicht ganz einfach. Wir haben drei, vier Monate lang sehr intensiv gesucht. Wir wussten, dass es in der Nähe von London sein sollte und hatten auch Vorstellungen davon, wie es auszusehen hatte. Wir wollten ein Haus, mit dem er angeben konnte, obwohl es viel zu groß für die Familie ist. Gleichzeitig durfte es nicht zu groß sein. Wir haben uns auch Häuser angesehen, die eigentlich schon kleine Schlösser waren. Das wäre für uns aber schon wieder übertrieben gewesen. Und so haben wir dann alles abgeklappert, was irgendwie in diese Richtung ging.

Und wie sieht es mit der Besetzung aus? Bei einem Film, der so stark auf die Figuren fokussiert ist, muss die natürlich sitzen.

Das stimmt. Tatsächlich war es aber gar nicht so schwierig. Ich kannte Carrie Coon schon ein wenig, weil ich sie mehrfach getroffen hatte. Sie hat diese wundervolle bodenständige Energie, ist dabei aber wandelbar. Und das brauchte ich für diese Rolle, weshalb sie dafür perfekt war. Jude wiederum ist ein so warmherziger und tiefgründiger Mensch. Außerdem war klar, dass Rory Charme haben musste, damit er andere von seinen Plänen überzeugen kann.

Kommen wir zum Titel. Warum The Nest? Es fühlt sich ja nicht wirklich nach einem an.

Interessant. Inwiefern?

Ein Nest sollte eigentlich etwas Beschützendes haben. Und in dem Haus und auch in der Familie habe ich mich nicht sonderlich beschützt gefühlt. Im Gegenteil.

Stimmt. Das war es auch, was ich in meinem Film ausdrücken wollte. Ich wollte das Konzept eines Zuhauses untersuchen und was es ausmacht. Wir sehen in dem Film zwei verschiedene Häuser, erst das in den USA, dann das in England. Und beide stehen für verschiedene Ideen davon, was ein Zuhause sein kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Sean Durkin wurde am 9. Dezember 1981 in Kanada geboren. Er wuchs anschließend in England auf, bevor er mit seiner Familie in die USA zog. Er studierte an der New York University Tisch School of the Arts und machte dort 2005 seinen Abschluss. Sein Kurzfilm Martha wurde 2010 in der Sektion Quinzaine des Réalisateurs beim Cannes Filmfestival als bester Kurzfilm ausgezeichnet. 2011 gab er sein Spielfilmdebüt mit dem Thrillerdrama Martha Marcy May Marlene, welches beim Sundance Film Festival Premiere feierte.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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