In seinem Dokumentarfilm Morgen gehört uns stellt uns Gilles de Maistre eine Reihe von Kindern vor, die sich auf der ganzen Welt zu wohltätigen Zwecken einsetzen. Sie kämpfen beispielsweise gegen Umweltverschmutzung oder für mehr Kinderrechte oder helfen auch Obdachlosen. Zum Kinostart am 15. Juli 2021 haben wir uns mit dem französischen Regisseur in unserem Interview über die Vorbereitungen zum Film unterhalten, aber auch was wir selbst von diesen Kindern lernen können.

Wie und wann bist du auf die Idee für deinen Film gekommen?

Das war ein langwieriger Prozess. In meiner Arbeit als Dokumentarfilmer habe ich immer wieder Kinder getroffen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in schwierigen Verhältnissen leben. Und ich habe dabei immer darüber nachgedacht, ob ich ihnen nicht helfen könnte, indem ich ihre Geschichten erzähle. Dabei ist das eine Utopie. Wenn die Menschen diese Geschichten hören, sind sie vielleicht für einen Moment bewegt, kehren dann aber doch zurück zu ihrem eigenen Leben und ihren eigenen Problemen. Ein Kind, das in Äthiopien an Hunger stirbt, ist einfach sehr weit weg. Da fehlt der persönliche Bezug. Das war für mich schon sehr enttäuschend. Gleichzeitig konnte ich beobachten, wie immer mehr Kinder die Sache selbst in die Hand nahmen. Sie wollten nicht länger darauf warten, dass ihnen jemand hilft, sondern selbst einen Wandel herbeiführen. Das war für mich so inspirierend, dass ich unbedingt einen Film über Kinder drehen wollte, die sich auf irgendeine Weise einsetzen und etwas verändern wollen. Und das nicht nur bei uns im Westen, sondern überall, auch in Dritte-Welt-Ländern.

Die Auswahl an Kindern muss doch aber riesig gewesen. Wie hast du die aus deinem Film gefunden? Und weshalb hast du gerade diese genommen?

Es gab tatsächlich jede Menge solcher Geschichten, die du im Internet oder auch in Zeitungsartikeln finden konntest. Wir haben also erst einmal ein Jahr damit verbracht, nach eben solchen Geschichten zu suchen. Und was die Auswahl am Ende angeht: Mir war es wichtig, dass es Geschichten sind, die mir selbst zu Herzen gehen. Das war das wichtigste Kriterium. Außerdem wollten wir eine möglichst große Bandbreite zeigen. Das bedeutet, dass wir Jungen und Mädchen haben wollten, dass die aus der ganzen Welt kommen und dass wir verschiedene Problemfelder abdecken, also zum Beispiel Umweltschutz, Bildung und Kinderarbeit. Danach habe ich mich mit den Kindern getroffen.

Wie viel Zeit ging dann für den Dreh drauf? Da die Kinder eben aus allen Teilen der Welt kommen, dürfte da nicht viel Zeit pro Kind drin gewesen sein.

Das war ganz unterschiedlich. Mit manchen habe ich zwei Wochen verbracht. Manchmal bin ich auch mehrfach hingefahren. Bei José hatten wir beispielsweise drei solcher Treffen. Für mich stand von Anfang an fest, dass ich bei jeder Geschichte die Zeit mitbringen würde, die es eben braucht. Bei einigen ging es schneller, weil sie sich von Anfang an wohl gefühlt haben vor der Kamera. Andere brauchten dafür mehr Zeit. Da ich immer allein mit meiner Kamera unterwegs war, war das kein Problem. Ich konnte ganz einfach darauf reagieren, wie es vor Ort lief. Und natürlich war es bei manchen Geschichten auch schwieriger überhaupt zu filmen, vor allem bei den Minen in Bolivien. Dort konnte ich nur undercover filmen, weil dort natürlich niemand will, dass Außenstehende das zu sehen bekommen.

Wie lange war die Drehzeit dann insgesamt am Ende?

Das dürfte so ein Jahr gewesen sein.

Demain est à nous Morgen gehört uns

Einer von vielen kleinen Helfern in „Morgen gehört uns“: Arthur verkauft Bilder, um für die Obdachlosen seiner Stadt zu sammeln (© Neue Visionen Filmverleih)

Einige der Projekte, welche die Kinder sich ausgedacht haben, scheinen ganz einfach zu sein. Warum tun sich die Erwachsenen schwer mit solchen einfachen Lösungen?

So einfach ist das gar nicht. Der Vorteil ist nur, dass Kinder sich über die möglichen Schwierigkeiten nicht so viel Gedanken machen und einfach loslegen. Deswegen haben wir zum Ende des Films auch diesen Satz: „Sie wussten nicht, dass es unmöglich ist, und haben es deshalb getan.“ Erwachsene sind zu schnell eingeschüchtert von den Hindernissen und sind dann überzeugt, dass sie es eh nicht schaffen können. Kinder sind da zielstrebiger und machen einfach. Das heißt nicht, dass sie nicht auch kämpfen müssen, wenn es dann konkret wird. Sie lassen sich nur im Vorfeld nicht davon abschrecken. Ein weiterer Unterschied ist, dass Erwachsene solche Probleme gern in einem großen Kontext sehen. Für sie geht es darum, den Hunger als solchen zu bekämpfen. Kinder sehen einen einzelnen hungrigen Menschen und wollen diesem helfen. Damit wirst du das große Problem natürlich nicht aus der Welt schaffen. Kinder haben nicht den Anspruch, die ganze Welt zu retten. Aber wenn genug zusammenkommen, die alle im Kleinen etwas beitragen, dann kannst du das Problem zumindest kleiner machen. Denn das ist der Punkt des Films: Jeder kann etwas dazu beitragen. Die Kinder, indem sie Leuten vor Ort helfen. Ich, indem ich darüber einen Film drehe. Du, indem du einen Artikel darüber schreibst. Die Leute, die sich den Film ansehen. Wenn alle ein bisschen was tun, dann ist eine Menge getan. Und das lehren uns die Kinder.

Sind Kinder heute engagierter als früher?

Ja, das finde ich schon. Das ist eine richtige Welle. Die Kinder sind nicht nur an der Welt interessiert, sondern melden sich auch zu Wort und entwickeln eigene Ideen, wie sie die Welt verändern können. Gerade das Thema Umweltschutz spielt bei ihnen eine große Rolle. Und das finde ich toll.

Dein Film hat bei mir gemischte Gefühle hinterlassen. Auf der einen Seite tat es gut zu sehen, wie die Kinder etwas erreichen. Gleichzeitig war es deprimierend, dass sie überhaupt tätig werden müssen, weil das eigentlich nicht ihre Aufgabe wäre. Welche Reaktion erhoffst du dir vom Publikum?

In Frankreich lief der Film ja schon und hatte eine Reihe von Premieren. Deswegen weiß ich zumindest, wie die Leute da reagiert haben. Für mich waren vor allem die Reaktionen von Kindern toll, die sich durch den Film inspiriert fühlen, selbst etwas zu unternehmen. Wir hatten zum Beispiel eine Premiere in Südfrankreich, bei der tausend Kinder zwischen sieben und zwölf Jahre dabei waren. Und der Mann vom Kino erzählte uns, dass er einige Tage später gesehen hat, wie Kinder auf der Straße Obdachlosen etwas zu essen gegeben haben.

Und die Erwachsenen? Denkst du, dass auch sie sich inspiriert fühlen?

Das hoffe ich! Die Aussage des Films soll ja sein, dass jeder etwas beitragen kann. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Das können Kinder sein oder Erwachsene, vielleicht auch ganz Alte. Niemand erwartet von dir, dass du alleine die Welt rettest. Aber selbst so etwas Einfaches wie ein Lächeln, das du einem Obdachlosen schenkst, kann einen Unterschied machen.

Haben die Kinder dich selbst auch inspiriert?

Sicher. Sie beeinflussen mich zum Beispiel in meinen Filmen. In Mia und der weiße Löwe erzähle ich von einem Mädchen, das sich für einen kleinen Löwen einsetzt. Das geht auf meine Erfahrungen mit den Kindern zurück.

An einer Stelle in Morgen gehört uns sagt ein Kind, dass es einen festen Tag im Jahr geben sollte, an dem ein Kind Präsident ist und alles entscheiden dürfte. Wenn du für einen Tag Präsident sein dürftest, was würdest du tun?

Ein Tag ist natürlich nicht genug, um wirklich viel zu erreichen. Die Leute unterschätzen oft auch, was es bedeutet Präsident zu sein. Wie viel Arbeit das ist und wie viele Hindernisse man dabei hat. Klar würde ich gern den Klimawandel stoppen, den Hunger bekämpfen und alle Kriege beenden. Aber diese großen Ideen brauchen Zeit. Sie brauchen auch mehr als nur einen Menschen, der sie umsetzt.

Und was steht bei dir als nächstes an, wenn du schon kein Präsident bist? Woran arbeitest du?

Ich arbeite an vielen Projekten. Mein nächster Film wird Der Wolf und der Löwe sein, der noch dieses Jahr startet. Ein Abenteuerfilm mit vielen Gefühlen um das Verhältnis zwischen einem Wolf und einem Löwen. Außerdem habe ich fürs französische Fernsehen eine Komödienserie in Afrika gedreht über eine verrückte Familie in einer Rettungsstation.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Gilles de Maistre wurde am 8. Mai 1960 in Boulogne-Billancourt, Frankreich geboren. Er studierte Philosophie und schloss 1985 sein Studium am Centre de Formation des Journalistes ab, wo er im Anschluss an sein Studium eine Ausbildung zum Fotojournalisten absolvierte. In seinen Dokumentarfilmen und Reportagen weist der Regisseur auf Missstände hin und spricht beispielsweise über Kriege, Hungersnöte, Obdachlosigkeit, Gewalt oder Naturkatastrophen.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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