Bekannt wurde Barry Sonnenfeld durch seine Komödien Die Addams Family und Men in Black. In seiner neuen Serien Schmigadoon! erzählt er von einem Paar, das in einem Musical gefangen ist und erst wieder herausfindet, wenn es die wahre Liebe gefunden hat. Zum Start am 16. Juli 2021 auf Apple TV+ haben wir uns mit dem Regisseur in unserem Interview über sein Verhältnis zu Musicals, die Herausforderungen beim Dreh und seine eigene Vorstellung wahrer Liebe unterhalten.

Wie bist du zu Schmigadoon! gekommen?

Meine Agentur hat mir das Drehbuch geschickt. Das habe ich selbst dann an drei Leute geschickt: dem Szenenbildner Bo Welch, mit dem ich immer zusammenarbeite und der auch Schmigadoon gemacht hat, meiner Frau sowie Rose Lam, die Produzentin, mit der ich arbeite. Und alle drei liebten das Drehbuch. Ich selbst habe zuerst nicht so wirklich Zugang dazu gefunden. Ich fand das zwar lustig, hatte aber meine Zweifel, ob ich wirklich bei einem Musical Regie führen sollte. Aber sie sagten mir alle, dass ich das tun sollte und wir viel Spaß haben würden. Also habe ich zugesagt, auch weil ich wieder mit diesen Leuten arbeiten wollte.

Verlässt du dich immer auf die Meinung anderer bei der Entscheidung, was du tun sollst?

Ziemlich, ja. (lacht) Und bislang hat das ganz gut für mich funktioniert.

Und wie genau haben sie dich am Ende überzeugt? Was hat dich an der Serie interessiert?

Ich fand das Drehbuch wie gesagt lustig. Außerdem war zu dem Zeitpunkt bereits klar, dass Cecily Strong die Hauptrolle spielen würde. Und ich liebte ihre Auftritte bei Saturday Night Live. Sie ist großartig, wenn es darum geht, Figuren zu kreieren. Lorne Michaels, den ich immer bewundert habe, war einer der Produzenten. Also haben wir ein Zoom Meeting gemacht mit Cinco Paul, der die Serie entwickelt hat, und Andrew Singer, der bei Broadway Video arbeitet. Ich habe sie von Anfang an gewarnt, dass ich kein Fan von Broadway Musicals bin. Dass ich kein Fan bin von Carousel, Seven Brides for Seven Brothers oder Oklahoma. Dass ich eigentlich der Falsche für diese Aufgabe bin. Aber je mehr wir darüber geredet haben, umso reizvoller erschien mir die Sache. Und am Ende war ich überzeugt.

Also hast du deine Meinung zu Musicals geändert?

Ich würde mir jedes Musical anschauen, das ich selbst inszeniert habe. (lacht)

Bekannt bist du vor allem für deine vielen Komödien. Schmigadoon ist zwar auch eine Komödie, aber eben als Musical. Wie war diese Erfahrung für dich im Vergleich zu dem, was du bislang gedreht hast?

Um ehrlich zu sein, war die Erfahrung nicht groß anders. Was mich bei Stoffen immer interessiert: Ist da eine Welt, die irgendwie anders ist? Ich liebe es, Welten zu erschaffen, sei es bei Men in Black, Addams Family, Eine Reihe betrüblicher Ereignisse oder Pushing Daisies. Welten, die ganz eigen sind. Und in Schmigadoon hatte ich die Möglichkeit dazu. Wir sehen darin eine Welt irgendwo im mittleren Westen, in der alle singen und tanzen. Ich wusste also, dass ich viel stilisieren könnte, großartige Sets und eine einzigartige Tonalität haben würde. Doch auch wenn hier alle singen und tanzen, konnten wir eine Welt zeigen, die noch irgendwie realistisch wirkt. Denn die Themen, die wir in der Serie ansprechen, sind ja sehr real. Und das ist gar nicht so leicht, diese Balance aus Stilisierung und Realismus. Die Herausforderung war, beim Publikum das Gefühl zu erwecken, dass es sich um echte Menschen handelt. Zum Glück konnte ich mit einem Ensemble arbeiten, dass diese Balance auch glaubhaft verkörpern konnte und sowohl auf der Bühne wie auch vor der Kamera zu Hause ist. Dadurch war das alles erstaunlich einfach. Wir haben nie das Budget oder irgendwelche Fristen überzogen. Wir sind sogar einen Tag früher fertig geworden, trotz Covid.

Auch wenn Musicals oft als eher altmodisch angesehen werden, gibt es noch immer zahlreiche Fans. Worin liegt deiner Meinung nach der Reiz solcher Musicals?

Gute Musicals brauchen zunächst einfach gute Lieder. Lieder, die jeder sofort irgendwie mitsummen kann. Ich konnte bei Schmigadoon nächtelang nicht schlafen, weil ich ständig unsere Lieder gesummt habe. Gute Lieder und gute Performances sind also ein Muss. Was dich aber wirklich zu den Musicals zurückbringt, ist die Geschichte. Das sind die Gefühle, welche die Figuren in dir auslösen. Und ich glaube, das haben wir in Schmigadoon. Es ist uns auch gelungen, die Lieder wirklich in die Geschichte zu integrieren, damit es nicht so wirkt, als würde sie immer aufhören, sobald jemand anfängt zu singen. Das ist anders als bei Filmen, die Action, Abenteuer und Komödie verbinden. Denn das ist immer ein Widerspruch in sich, weil das nicht zusammenpasst. Die Action macht die Komödie kaputt. Gleichzeitig glaubst du Actionszenen nicht, wenn zwischendrin jemand Witze macht. Wenn jemand in der Lage ist Witze zu machen, während auf ihn geschossen wird, dann scheint die Gefahr nicht besonders groß zu sein.

Jetzt, da du einige Zeit in Schmigadoon verbracht hast: Denkst du, dass das ein guter Ort zum Leben ist?

Schmigadoon ist ein sehr sicherer Ort. Außerdem scheint es dort keine Bienen oder Moskitos zu geben. Dafür ist die Wäscherei offensichtlich sehr gut, da die Kleidung der Leute immer absolut makellos aussieht. Ein Problem für mich wäre, dass es dort kein Internet gibt. Ansonsten ist es aber ein netter Ort voll liebenswürdiger Menschen.

Die Serie handelt davon, in einem Musical im Stil von früher gefangen zu sein. Wenn du dir einen Film oder ein Genre aussuchen könntest, in dem gefangen wärst, welches wäre das?

Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben ist mein persönlicher Lieblingsfilm, auch wenn es kein guter Film ist, um darin gefangen zu sein. Die Frage ist für mich schwer zu beantworten, da ich eigentlich ganz glücklich bin mit der Realität, in der ich lebe, auch wenn ich zugeben muss, dass ich ein wenig besorgt bin, was die Zukunft angeht.

Viele Musicals spielen in einem historischen Setting. Denkst du, dass ein Musical auch in einem gegenwärtigen Setting funktionieren könnte?

Ich habe In the Heights bislang noch nicht gesehen und kann deshalb nicht sagen, ob das dort geglückt ist. Ich bin selbst in den Heights aufgewachsen und hätte schon Interesse daran, mir das anzusehen, wenn es kein Musical wäre. Rent hat glaube ich auch ein gegenwärtiges Setting. Vermutlich geht das also schon. Ein Vorteil dieser historischen Settings ist aber, dass du die Künstlichkeit von allem leichter akzeptierst. Du nimmst etwas Unrealistisches schneller an, wenn es in einer Welt stattfindet, die nicht deiner Realität entspricht.

Wie schwierig war es für dich, die richtige Besetzung zu finden? Du hast schon gemeint, dass Cecily bereits gesetzt war. Aber wie war das bei den anderen?

Wir haben eine Liste mit den Leuten erstellt, die für uns in Frage kamen. Einige haben abgesagt, weil sie kein Interesse hatten oder anderweitig beschäftigt. Manche wollten auch nicht in Quarantäne und zwei Wochen in einem Hotelzimmer sitzen, das sie wegen der Corona-Bestimmungen nicht hätten verlassen dürfen. Auf der anderen Seite gibt es Schauspieler und Schauspielerinnen, bei denen suchst du nach einer passenden Rolle, weil du sie unbedingt haben willst. Kristin Chenoweth ist eine solche Schauspielerin. Ich habe mit ihr damals bei dem Robin Williams Film Die Chaoscamper gearbeitet. Sie war bei Pushing Daisies dabei. Chenoweth war deshalb eine einfache Wahl für mich. Keegan-Michael Key war eine großartige Idee, auch wenn er etwas später als die anderen dazu kam. Insgesamt bin ich sehr glücklich mit den Leuten, die wir bekommen haben, und kann mir keine bessere Besetzung vorstellen.

Das große Thema von Schmigadoon ist natürlich wahre Liebe und die Suche danach. In deinen eigenen Wörtern: Was ist wahre Liebe?

Wahre Liebe bedeutet, mit jemandem immer zusammen sein zu wollen. Ich bin jetzt seit 32 Jahren mit meiner Frau verheiratet. Wenn ihr irgendetwas zustoßen würde, würde ich mir etwa einen Monat Zeit nehmen, um mich von allen Freunden zu verabschieden, und mich dann umbringen. Ich kann mir eine Welt ohne sie nicht vorstellen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Barry Sonnenfeld wurde am 1. April 1953 in New York City geboren. Seine Karriere begann er als Kameramann unter anderem bei Harry und Sally (1987), Miller’s Crossing und Misery (1990). Sein Debüt als Regisseur gab er mit der Komödie Die Addams Family. Auch später blieb er dem Komödienfach treu und inszenierte unter anderem die Comic-Adaption Men in Black sowie die beiden Fortsetzungen, die zusammen 1,6 Milliarden Dollar eingespielt haben.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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