Inhalt / Kritik

Millers Crossing

„Miller’s Crossing“ // Deutschland-Start: 14. Februar 1991 (Kino)

Als rechte Hand eines Gangsterbosses hat sich Tom Reagan (Gabriel Byrne) während der Prohibition in den USA selbst einen einflussreichen Status in der Stadt aufgebaut, verfügt über viele gute Beziehungen und Verbindungen, auch wenn ihn sein Glück, besonders was Sportwetten angeht, gerade im Stich lässt. Dennoch ist er für seinen Boss Leo O’Bannon (Albert Finney) beinahe unverzichtbar, da Tom nicht nur ein Handlanger ist, sondern ein Vertrauter, was das Geschäftliches angeht, aber auch in Bezug auf seine Beziehung zu Vera Bernbaum (Marcia Gay Harden), bei der Tom, natürlich ohne das sein Boss davon Verdacht schöpft, selbst schon die ein oder andere Nacht verbracht hat. Allerdings wird Toms Loyalität auf die Probe gestellt, als eine Meinungsverschiedenheit mit dem aufstrebenden Gangster Johnny Caspar (John Polito) in einen offenen Konflikt auszuarten droht, besteht dieser doch auf der Ermordung des Buchmachers Bernie (John Turturro), Veras Bruder, den er bezichtigt, sich selbst bei ohnehin abgekarteten Wetten zu bereichern. Während Tom Leo davon überzeugen will, Johnny seine Bitte zu gewähren, versucht Vera ihn dazu zu bringen, sich für Bernie einzusetzen und dessen Sicherheit zu garantieren.

Nach einem fehlgeschlagenen Attentat auf Leo eskaliert die Situation und schließlich muss ihm Tom auch seine Beziehung zu Vera gestehen, sodass nun beide von Leo verstoßen werden. Im Dienste Caspars versucht Tom dennoch, einen Krieg zu verhindern, doch Eddie Dane (J. E. Freeman), Caspars rechte Hand, ist misstrauisch und vermutet ein falsches Spiel. Als Vertrauensbeweis verlangt er, dass Tom selbst Veras Bruder ermordet, doch dieser weigert sich, den Befehl auszuführen und lässt Bernie laufen. Der Krieg ist nun nicht mehr zu verhindern und Tom steht zwischen allen Fronten.

Vertrauen und Loyalität

Nach Blood Simple und Arizona Junior ist Miller’s Crossing der dritte Film der Brüder Ethan und Joel Coen und stellte eine Herausforderung auf vielen Ebenen dar. Mit einem eigentlich viel zu geringen Budget sollte die Illusion entstehen, dass die Geschichte während der Prohibition spielt, wobei letztlich vor allem die Architektur der Stadt New Orleans, wo ein großer Teil des Filmes gedreht wurde, half, diesen Eindruck zu erwecken. Wie so viele Werke der Coens wurde auch Miller’s Crossing von der Kritik gefeiert und gilt für viele als einer der besten Gangsterfilme überhaupt, doch aus kommerzieller Sicht war er ein Flop. Über die Jahre erkämpfte sich die Geschichte, welche von den Werken des Film Noir inspiriert ist, berechtigterweise jenen Status als einer der wichtigsten Einträge im Schaffen der Coens.

In Anlehnung an solche Werke wie Stuart Heislers Der gläserne Schlüssel wie auch andere Filme der schwarzen Serie verbindet auch Miller’s Crossing das Gangstermilieu mit einer Geschichte um Verrat, Loyalität wie auch Identität. Der vom Pech verfolgte, aber mit einer fast schon unheimlichen Bauernschläue ausgestattete Tom Reagan wird durch die Darstellung Gabriel Byrnes zu einem jener Grenzgänger, welche für das Genre so typisch sind. Auf der einen Seite zwielichtig und undurchschaubar, überraschen Figuren wie Tom durch ihre plötzlich aufblitzenden Prinzipien, welche wiederum einen bestimmten Code offenbaren, nach dem sie handeln. In einer Welt, in der vor allem Kontrolle und Information eine gewichtige Rolle spielt, wirkt Tom wie ein Wiedergänger von Toshiro Mifunes Yojimbo, jener Samurai aus Akira Kurosawas meisterlichem Film, oder eben dem namenlosen Cowboy, gespielt von Clint Eastwood, aus Sergio Leones Dollar-Trilogie.

Wie für die Filmografie der Coens üblich, wechseln die Machtverhältnisse und Hierarchien innerhalb der Handlung immer wieder. Als eine Art Spiegelung einer Welt, in der es keinerlei Sicherheiten mehr gibt, schwinden nicht nur Freundschaften und Verwandtschaftsverhältnisse, es löst sich sogar das Ich in gewisser Weise auf. Das wiederkehrende Bild eines Hutes, der vom Wind erfasst wird, sowie die Natur generell sind nicht nur als Antithese zu der geschäftigen Stadt zu verstehen, sondern als Vorausdeutungen auf die einzige Sicherheit, die es in diesem „Geschäft“ gibt: der Tod. Die melancholische Musik Carter Burwells wie auch die Kameraarbeit Barry Sonnenfelds, welche insbesondere in jenen Szenen im Wald ihre ganze Schönheit entfaltet, betonen diesen Aspekt der Geschichte.

Eine Frage der Ethik

Eine weitere Besonderheit von Miller’s Crossing, was gleichzeitig ein immer wiederkehrendes Thema der Coens darstellt, ist die ironische Überhöhung. Die ersten Worte des Filmes, ein ausufernder Monolog von Joe Politos Figur über moralische Werte, Charakter und Freundschaft, verweisen nicht nur auf eine der thematischen Ebenen der Geschichte, sondern auch auf das teils hanebüchene Selbstbild von Menschen, die sich außerhalb der Gesellschaft bewegen und wegen ihrer Taten wohl kaum als Repräsentanten jener Werte gesehen werden können. Durch die Zurechtweisung Leos verweisen die Coens in ihrem Drehbuch jedoch auf die eigentlichen „Werte“, nämlich Gewalt und Einfluss. Dennoch nimmt jenes irrige Selbstbild einen nicht unwichtigen Platz innerhalb der Geschichte ein und sorgt mehr als einmal für eine Kombination aus Schmunzeln und Kopfschütteln.

Credits

OT: „Miller’s Crossing“
Land: USA
Jahr: 1990
Regie: Joel Coen
Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen
Musik: Carter Burwell
Kamera: Barry Sonnenfeld
Besetzung: Gabriel Byrne, Marcia Gay Harden, Albert Finney, John Turturro, Jon Polito, J. E. Freeman

Bilder

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Miller’s Crossing
"Miller's Crossing" ist ein Neo-Noir Gangsterfilm über Verrat, Loyalität und Identität. Neben einem hervorragenden Ensembles ist es die Ausstattung wie auch die vielen Nuancen des Drehbuchs, welche auch dieses Werk der Coen Brüder nicht nur zu einem optischen Genuss machen, sondern zu dessen Zeitlosigkeit beitragen.
9von 10

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