Inhalt / Kritik

Schmigadoon Apple TV+

„Schmigadoon! – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 16. Juli 2021 (Apple TV+)

Eigentlich hatten Melissa (Cecily Strong) und Josh (Keegan-Michael Key) gehofft, durch ein gemeinsames Wanderwochenende ihrer zuletzt etwas kriselnden Beziehung neuen Schwung zu verleihen. Doch es dauert nicht lange, bis es wieder zum Streit zwischen den beiden kommt. Da reichen selbst irgendwelche Kleinigkeiten, damit die Fetzen fliegen. Dabei haben sie bald ganz andere Probleme. Während sie umherirren, landen sie in einem kleinen Dorf namens Schmigadoon, das ihnen auf Anhieb doch recht seltsam erscheint. Nicht nur, dass es so aussieht, als wäre hier seit Jahrzehnten die Zeit stehen geblieben. Die Leute singen auch noch die ganze Zeit, so als seien sie in einem Musical. Tatsächlich erschreckend ist für Melissa und Josh aber die Erkenntnis, dass sie Schmigadoon erst dann wieder verlassen können, wenn sie die wahre Liebe gefunden haben …

Warum singen die denn alle?

Musicals spielen, selbst wenn sie ein reales Setting aufweisen, irgendwie immer in einer eigenen Welt. Man braucht deswegen auch als Zuschauer und Zuschauerin den Willen, sich darauf einzulassen. Darf es nicht hinterfragen, wenn die Figuren auf einmal mitten im Satz anfangen zu tanzen und zu singen. Wenn die Handlung durch Lieder vorangetrieben wird, Gedanken durch Gesang ergänzt werden. Und natürlich darf auch keine der Figuren merken, dass das gerade eigentlich alles total künstlich ist, da dies sonst die Illusion zerstört. Doch was wenn auf einmal jemand in diesem Musical landet, der gar nicht dazu gehört? Der genau weiß, dass das alles so nicht stimmen kann, eigentlich sogar total lächerlich ist?

Dieses Gedankenspiel nahmen Cinco Paul und Ken Daurio auf und machten daraus eine ganze Serie. Im Mittelpunkt der Apple TV+ Produktion Schmigadoon! steht ein Paar, das in dem titelgebenden Dorf aus mehreren Gründen Fremde sind. Nicht nur, dass sie von außerhalb kommen. Sie bringen auch ganz eigene Wertvorstellungen mit. Die Gesellschaft, die sie antreffen, entspricht einer aus den 1950ern. Das fängt schon damit an, dass Melissa und Josh im Gasthaus getrennte Zimmer nehmen müssen, schließlich sind die zwei nicht verheiratet – was die beiden zunächst als Witz auffassen. Solche Culture-Clash-Momente gibt es einige, wobei die Serie sich nicht allein über die zurückgebliebene Dorfbevölkerung lustig macht. Da liegt auf beiden Seiten etwas im Argen.

Blick hinter die heile Fassade

Der Unterschied: Während sich Melissa und Josh offen fetzen, da wird in Schmigadoon die schöne Fassade bewahrt. Was sich dahinter abspielt, darf niemand wissen. Also wird gelächelt, werden hübsche Kleider getragen und eingängige Lieder angestimmt. Denn wer gerade tanzt und singt, hat keine Zeit zum Nachdenken. Die Serie ist damit eine Parodie auf die Musicals von früher. Vor allem Brigadoon stand Pate. Darin landen zwei amerikanische Touristen in einem verzauberten schottischen Dorf, das nur alle hundert Jahre erscheint und in dem nur bleiben kann, wer die wahre Liebe findet. Bei Schmigadoon! wird das Prinzip umgekehrt: Nur wer die wahre Liebe findet, kann das Dorf wieder verlassen. Und auch sonst wird da bei der neuen Serie einiges auf den Kopf gestellt.

Trotz einiger zum Teil auch genüsslich gemeiner Spitzen ist Schmigadoon! aber der Tradition dieser Musicals verpflichtet. Das bedeutet, dass die Auseinandersetzung mit der wahren Liebe unweigerlich auf ein Happy End hinauslaufen muss. Und auch die Erkenntnisgewinne, wenn am Ende einer Geschichte alle zu besseren Menschen geworden sind, gehören fest dazu. Ein bisschen schade ist das schon, da der Serie zum Ende hin der Biss ausgeht. Sie hat es auch ziemlich eilig, da werden Konflikte doch sehr plötzlich gelöst, ohne dass man viel Arbeit hinein investieren wollte. Das hohe Niveau der Niveau des Einstiegs, wenn ein wahres Ideenfeuerwerk abgefackelt wird, hält sich auf diese Weise nicht.

Trotz schwächelnden Endes sehenswert

In der Summe ist das von Barry Sonnenfeld (Men in Black) inszenierte Schmigadoon! aber trotz der Schwächen auf den letzten Metern sehenswert. Die liebevoll zusammengestellten Kulissen und die dazu passenden Kostüme nehmen einen mit in eine andere Welt. Gerade in den ersten Folgen gibt es sehr viele Anlässe zum Lachen. Und natürlich trägt das bestens aufgelegte Ensemble dazu bei, dass sich ein Besuch in dem verwunschen Ort lohnt. Neben Cecily Strong und Keegan-Michael Key als dysfunktionalem Paar stechen besonders Alan Cumming als Bürgermeister mit kaum verstecktem Geheimnis und Kristin Chenoweth als strenge Hüterin der Moral hervor. Da zudem die Lieder eingängig und die Tanzeinlagen mitreißend sind, die gesamte Staffel nicht einmal drei Stunden in Anspruch nimmt, darf man sich hier eine kleine Auszeit vom Alltag nehmen und vielleicht doch die eine oder andere Erkenntnis bei der Heimreise mit auf den Weg bekommen.

Credits

OT: „Schmigadoon!“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie: Barry Sonnenfeld
Drehbuch: Cinco Paul, Ken Daurio, Julie Klausner,  Bowen Yang, Kate Gersten, Allison Silverman
Idee: Cinco Paul, Ken Daurio
Musik: Cinco Paul
Kamera: Kevin Duggin
Besetzung: Cecily Strong, Keegan-Michael Key, Alan Cumming, Fred Armisen, Kristin Chenoweth, Aaron Tveit, Dove Cameron, Ariana DeBose, Jaime Camil, Ann Harada

Bilder

Trailer

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Schmigadoon! – Staffel 1
In „Schmigadoon!“ landet ein kriselndes Paar in einem Dorf, in dem alle dauernd singen und aus dem es nur wieder dann herauskommt, wenn es die wahre Liebe findet. Vor allem zu Beginn macht die Parodie auf Musicals der 40er und 50er Spaß, dank einer tollen Ausstattung, eingängiger Lieder und viel Humor. Später wird es dann aber doch etwas konventioneller, als nötig gewesen wäre.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort