Inhalt / Kritik

Stillstehen

„Stillstehen“ // Deutschland-Start: 17. Juni 2021 (Kino)

Julie (Natalia Belitski) kann mit dem Gerenne der Welt nichts anfangen. Sie studiert nicht, arbeitet nicht und liebt nicht, von gelegentlichem Sex abgesehen. Die junge Frau will vor allem eins: nichts tun. Das kann sie am besten in der Psychiatrie, deren Direktor Dr. Hermann (Martin Wuttke) eine schützende Hand über sie hält. Das Problem ist nur: Julie, die selbst nicht wirklich verrückt ist, hat bisher jeden Pfleger in den Wahnsinn getrieben. Deshalb versucht es Dr. Hermann mit der sanften Agnes (Luisa-Céline Gaffron), die es gerne jedem recht macht. Falsch gedacht. In Agnes schlummert dieselbe Sehnsucht nach Rebellion wie in ihrer Patientin. Gemeinsam kommen sie zu dem Schluss: Wer wirklich stillstehen will, muss sich bewegen.

Anleihen beim „Kuckucksnest“

Ein gediegenes Direktorenbüro, dunkles Holz, schwere Sessel. Julie kennt sich aus im Sprechzimmer ihres Psychiaters. Zielsicher steuert sie das Regal mit dem Whiskey an, den der Seelendoktor so liebt. Sie schnüffelt an dem Getränk und stellt fest, dass es nicht so teuer sein kann wie der Edelbrand, den sie dem Doktor bei ihrem vorigen Aufenthalt in der Klinik geschenkt hatte. Was damit passiert sei, will sie wissen. Darauf der Psychiater, ganz ruhig und abgeklärt: „Ich hatte keine Gelegenheit ihn zu trinken, nachdem Sie ihn bei unserem letzten Zusammentreffen durch das Fenster geworfen hatten.“

Der Psychiatrieklassiker Einer flog über das Kuckucksnest (1975) von Miloš Forman ist ein aufklärerisches Drama über die Missstände der Nervenheilanstalten. Stillstehen zeigt eine ähnliche Szenerie, aber als Komödie. Da gibt es Rainer (Giuseppe Battiston), den langhaarigen, vollbärtigen Bär von einem Mann, der nie ein Wort spricht und sich das Geschehen um sich herum betrachtet, als käme es von einem anderen Stern. Und da ist Katrin (Katharina Schüttler), die immer eine Modezeitschrift vor der Nase hat und ständig nach der (verbotenen) Schere verlangt, um sich eine neue Frisur zu schneiden. Zusammen mit zwei kabarettreifen Auftritten von Rüdiger Vogel als blasierter Reinigungsunternehmer und Leslie Malton als Katrins überkandidelte Mutter entwickelt der Film vielversprechende Ansätze zu skurrilem, leicht angeschwärzten Humor.

Frauenbilder gegen den Strich gebürstet

Dabei geht es Regisseurin Elisa Mishto mit ihren streng stilisierten, ins Surreale überhöhten Bildern um mehr als Komik. Sie bürstet Frauenbilder gegen den Strich, räumt auf mit dem Nettsein, der Gewaltlosigkeit, der einfühlsamen Fürsorge für alle und jeden. Weder die nichts tuende Julie noch die bemühte, aber überforderte Agnes taugen als Identifikationsfiguren. Das wäre kein Problem, würden ihre Figuren aus sich heraus verständlich.

Doch es scheint, als lege das Spielfilmdebüt der in Berlin lebenden Italienerin weniger Wert auf eine glaubwürdige Charakterzeichnung als auf verschiedene thematische Versatzstücke, die auf zwei Frauen verteilt werden. Bei Julie ist es das Experiment mit dem Nichtstun: Wie es sich anfühlt, sich von allem loszusagen, in einer Mischung aus Freiheit, Arroganz und Sinnlosigkeit. Bei Agnes, die eine dreijährige Tochter hat, ist es das tabuisierte Thema Mutterschaft: Die junge Frau kommt mit dem Kind nicht klar, findet keinen emotionalen Draht zu ihm, hat Schuldgefühle und verdrängt sie mit ausgiebigem Haschischkonsum.

Erfahrungen aus dem Boxtraining

Dass das bisweilen plakativ wirkt, ist eigentlich schade. Denn mit der Psychiatrie kennt sich Regisseurin Elisa Mishto aus. Vor zwölf Jahren drehte sie die Dokumentation States of Mind mit einer Pflegerin und drei Kranken. Offenbar wollte sie bei der erneuten Behandlung des Themas weg vom Realismus, hin zu Freiheitsphantasien, die es so nur im Film gibt. In einem Interview schildert die Italienerin, was die Erfahrung des Boxtrainings mit ihrer Rolle als Frau gemacht hat: „Es war eine Offenbarung. Auf einmal war mir als Frau erlaubt, aggressiv zu sein, dreckig, zu schwitzen, schlecht drauf zu sein und mich zu schlagen.“ Ihre Protagonistinnen haben davon einiges geerbt.

Credits

OT: „Stillstehen“
Land: Deutschland, Italien
Jahr: 2019
Regie: Elisa Mishto
Drehbuch: Elisa Mishto
Musik: Sascha Ring, Philipp Thimm
Kamera: Francesco Di Giacomo
Besetzung: Natalia Belitski, Luisa-Céline Gaffron, Martin Wuttke, Katharina Schüttler, Juliane Elting, Ole Lagerpusch, Leslie Malton, Jürgen Vogel, Matthias Bundschuh

Bilder

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Stillstehen
„Stillstehen“ verfügt über einige Pluspunkte: starke schauspielerische Leistungen, eindrückliche visuelle Einfälle und schlagfertige Dialoge. Weniger überzeugend ist der Stilmix aus Komödie, Frauenpower à la „Thelma und Louise“ und lebensphilosophischer Reflexion.
6von 10

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