In der dritten Staffel der Serie The Girlfriend Experience (ab 2. Mai 2021 auf Starzplay) dreht sich die Geschichte dieses Mal um Iris (Julia Goldani Telles), eine Studentin der Neurowissenschaften, die ihre Erkenntnisse als Escort-Dame für ihre wissenschaftliche Arbeit nutzt. Wir haben uns mit der Regisseurin und Drehbuchautorin Anja Marquardt über vorbestimmte Gefühle, den Einfluss von Technologien und funktionierende Beziehungen unterhalten.

Könnten Sie uns ein wenig über den Hintergrund der dritten Staffel erzählen?

Die dritte Staffel wurde zu einem Zeitpunkt in die Entwicklungslaufbahn geschickt, als die ersten beiden schon eine Weile her waren. Die Welt hat sich seither ziemlich verändert, kulturell und politisch. Da war es für mich eine spannende Ansage, dass die Serie globaler aufgestellt werden sollte. Es hat mich sehr gefreut, auf diese Weise die Chance zu erhalten, mit einem europäischen Ensemble zu arbeiten. Ich habe dann eine Recherchereise gemacht, um mir im Vorfeld schon verschiedene Locations in London anzuschauen. Das hat es mir erlaubt, konkrete Orte oder zumindest die Welt, die sich mir dort bietet, in die Geschichte einzubauen und schon während des Schreibens über die Bilder nachzudenken.

Dieses Mal wird die Geschichte einer Escort-Dame mit dem Thema einer neurologischen Forschung verbunden. Wie kam es zu dieser Idee?

Ich habe zu dem Zeitpunkt, als die Idee der dritten Staffel an mich herangetragen wurde, an verschiedenen Drehbüchern geschrieben, die auf verschiedene Weisen mit Technologie und künstlicher Intelligenz zu tun hatten. Glücklicherweise hatte ich den künstlerischen Freiraum, eben diese Themen einzubringen. Die Serie ist ja als Anthologie konzipiert, weshalb jede Staffel autark ist und eine eigene Geschichte und Hauptfigur hat. Die grundlegende Frage der Serie ist die des freien Willens im Bereich der transaktionalen Beziehungen. Für mich war dann besonders interessant: Wie weit geht die Hauptfigur in diese Girlfriend Beziehung? Sie analysiert die Bedürfnisse ihrer Klienten wie eine Wissenschaftlerin und setzt sich zum Ziel herauszufinden, was sie wollen. Diese Daten nimmt sie dann und macht etwas ganz anderes mit ihnen. Das geht mit verschiedenen Fragen einher. Wie lässt sich das Verhalten von Menschen analytisch runterbrechen und eine künstliche Intelligenz damit anleiten? Wann ist eine Simulation echt? Wann nimmt das Künstliche überhand?

Eine Frage, die in dem Zusammenhang in der dritten Staffel gestellt wird, ist, ob sich eine Anziehungskraft vorherberechnen lässt. Glauben Sie das?

Ich weiß, dass viele Leute genau an so etwas arbeiten, um das besser voraussagen zu können. Das ist gerade für The Girlfriend Experience ein spannendes Thema. Es geht in der Serie ja um den Gegensatz von freiem Willen und Determinismus auf der anderen Seite. Und ich hoffe, dass zwischenmenschliche Beziehungen und Liebe die letzten Bastionen des freien Willens sind. Klar, die sind auf gewisse Weise biologisch getrieben. Am Ende ist es dennoch so, dass man sich aus zehn potenziellen Partnern, mit denen man alle gesunde Kinder zeugen könnte, auf einen besonders hinbewegt und ihn den anderen vorzieht. Und die Frage ist da natürlich: Warum ist das so? Warum entscheide ich mich für einen Menschen? Ich hoffe, dass es da einen Raum gibt, der unantastbar bleibt und sich von der Wissenschaft nicht so schnell erschließen lässt.

Sie glauben also an die Existenz von echten Gefühlen? Weil auch die ja in The Girlfriend Experience hinterfragt werden.

Ich persönlich glaube auf jeden Fall sehr daran. Die Staffel handelt von einer jungen Frau, die nach London geht und dort einen radikalen Neuanfang macht. Wir sehen sie zu Beginn als eine Art Superheldin kennen, der es sofort gelingt, andere Menschen einzuordnen. Aber das ist natürlich nur eine Fassade und wir lernen sie im Lauf der Staffel besser kennen. Ohne zu viel verraten zu wollen: Wir erfahren auch von ihrer Achillesferse und das, was sie zutiefst menschlich macht und auf eine harte Probe stellt.

The Girlfriend Experience Season 3 2021

Julia Goldani Telles in „The Girlfriend Experience“ (© Ed Miller)

Die Staffel ist allgemein sehr auf die Hauptfigur fokussiert. In einem solchen Fall ist die Besetzung immer wahnsinnig wichtig. Wie schwierig war es für Sie, die passende Darstellerin zu finden?

Das war natürlich ein Prozess, der auch sehr spannend war. Ich hatte Julia Goldani Telles in The Affair gesehen und fand sie unglaublich spannend als neues Gesicht. Glücklicherweise stand relativ früh fest, dass sie die Hauptrolle übernehmen würde, und ich konnte die Serie und die Hauptfigur daher auf sie zuspitzen. Das war für mich eine neue Erfahrung, die sehr inspirierend war. Julia ist unglaublich direkt und präsent beim Spiel mit ihren Szenenpartnern. Sie immer im Hinterkopf zu haben war eine tolle Schreiberfahrung.

Sie haben bereits gemeint, dass die Wissenschaft und die Technologien zu bestimmen versuchen, wer eine Beziehung eingehen wird. Werden Technologien in Zukunft auch die Beziehung an sich beeinflussen?

Ich denke, dass Technologie bereits die Art unserer Beziehung verändert und verändert hat. Man kann das auch positiver fassen und sagen, dass es sich ständig weiterentwickelt. Die Art, wie wir kommunizieren. Dass wir unser Interview gerade zum Beispiel per Video führen, das gab es früher nicht. Auf der einen Seite ist es natürlich schon netter, sich persönlich gegenüber zu sitzen. Andererseits wäre es dann vielleicht nicht zu dem Interview gekommen. Und das ist nur ein Beispiel. Ich bin in der Hinsicht auf jeden Fall ein Optimist und sage, dass das Glas halbvoll ist. Aber ich glaube auch, dass wir uns aktiv um eine Kommunikation bemühen müssen, die diese verschiedenen Sichtweisen mit einschließt. Diese Technologien werden von einer sehr kleinen Gruppe von Menschen entwickelt, haben aber weitreichende Konsequenzen für alle. Da ist es wichtig, dass wir gemeinsam darüber reden und nachdenken, was das mit uns macht.

Was braucht es ganz allgemein für eine funktionierende Beziehung?

Ich bin jetzt keine Psychologin, die sich auf Paartherapie spezialisiert hat. Aber ich glaube, dass die Grundfeste einer Beziehung ist, sich über Grenzen hinweg verständigen zu können. Auch mit Leuten, die anders sind, einen Raum zu finden, in denen sich beide sicher fühlen und sich austauschen können. Das gilt für Beziehungen ganz allgemein, ob nun im Rahmen einer Liebesbeziehung oder in einem politischen Kontext. Es braucht die Bereitschaft und den Willen zu einem Austausch. Ohne das kommen wir nicht weit.

Vielen Dank für das Gespräch!

Anja Marquardt

(© Aimee Spinks)

Zur Person
Anja Marquardt wurde in Berlin geboren und besuchte dort die Universität der Künste. Später studierte sie auch an der Tisch School of the Arts der New York University. Im Anschluss drehte sie mehrere Kurzfilme. 2014 folgte ihr erster Spielfilm She’s Lost Control, der 2014 auf der Berlinale Weltpremiere feierte. In dem Drama erzählte die Regisseurin und Drehbuchautorin von einer Surrogatpartnerin, die unter Anleitung eines Therapeuten mit Patienten schläft, die keine Intimität zulassen können.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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