In Drift Away spielt Jérémie Renier den Gendarm Laurent, dessen Leben in einem kleinen Küstenort in der Normandie in geregelten Bahnen verläuft – bis es zu einem katastrophalen Zwischenfall kommt. Wie war es diese Figur zu spielen? Und was können wir tun, wenn wir einmal selbst in eine solche Krise geraten? Diese und weitere Fragen konnten wir dem belgischen Schauspieler während der Berlinale 2021 stellen, wo das Drama seine Weltpremiere feierte.

Was hat dich an der Geschichte und der Figur interessiert?

Xavier Beauvois ließ mir das Drehbuch über die Produktionsfirma zukommen und die Geschichte hat mich auf Anhieb sehr berührt mit ihrer Darstellung des Alltags in dem Leben von Laurent. Ich war überwältigt von dem, was ich las, was nicht sehr oft vorkommt. Manchmal entsteht das Interesse an einem Projekt erst durch das Gespräch mit dem Regisseur. Hier war es das Drehbuch an sich.

Was genau hat dich an dem Drehbuch so überwältigt?

Es war die Einfachheit, mit der die Figur und ihre Entwicklung beschrieben wurde. Die Art und Weise, wie er sich seine Menschlichkeit bewahrt, trotz all dem, was um ihn herum geschieht. Aber auch die Gefühle, die er hat und die man nicht unbedingt mit jemandem in Verbindung bringt, der eine Uniform trägt.

Hast du in der Vorbereitung mit echten Gendarmen gesprochen?

Ich hatte tatsächlich die Gelegenheit, einen Monat vor dem Drehstart Zeit in einem Kommissariat in der Normandie zu verbringen. Dort arbeiten auch einige der Nicht-Schauspieler, die in dem Film zu sehen sind. Dabei habe ich einen Einblick in ihre tägliche Routine bekommen und wie sie mit dem umgehen, was sie erleben.

Was hast du von ihnen gelernt?

Eine Menge. Ich habe die Menschen hinter der Uniform kennengelernt und welche Gefühle hinter dem Bild zurücktreten, das sie nach außen vertreten. Die Gendarmerie ist ein spezieller Bereich, der Teil des Militärs ist und nicht der Strafverfolgung, weshalb sie beispielsweise auch in Barracken wohnen, wie man in dem Film sieht. Deswegen fühlen wir beim Anblick eines Gendarmes entweder Angst oder wir fühlen uns sicher. Wenn wir einen Gendarm sehen, verbinden wir ihn in erster Linie mit der Funktion, die er ausübt. Die Gespräche mit ihnen haben mir erlaubt, auch die Menschlichkeit hinter der Uniform zu sehen.

Was macht deiner Meinung nach einen guten Gendarm aus? Welche Fähigkeiten braucht er?

Ich bin selbst natürlich kein Gendarm und kann deshalb nicht wirklich für sie reden. Aber ich denke schon, dass es wichtig ist, mit Menschen umgehen zu können. Natürlich verbringen sie viel Zeit am Schreibtisch, wo sie ihre Berichte schreiben müssen. Ihr Alltag besteht zu einem großen Teil aus Büroarbeit und nicht darin, auf den Straßen unterwegs zu sein. Aber eine soziale Kompetenz ist ebenfalls wichtig, vor allem wenn man in einem so Dorf arbeitet, wie es in dem Film der Fall ist. Denn da bist du im ständigen Kontakt mit einer kleinen Gemeinschaft und musst ein Ohr haben für alle möglichen privaten Probleme und Geschichten. Das kann mal ein kleines Mädchen sein, das du vor dem Vater schützen musst, oder auch Nachbarn, die sich um ein Stück Land streiten.

In den letzten Jahren wurde viel über das Thema Polizeigewalt diskutiert, auch in Frankreich. Inwieweit hat dich das bei Drift Away beeinflusst?

Xavier mag es, in seinen Filmen zu improvisieren und den Schauspielern die Möglichkeit zu geben, sich frei auszudrücken. Hier sogar noch mehr als sonst, weil er mit Laienschauspielern zusammenarbeitete, die im wahren Leben selbst Polizisten und Bauern sind. Es gab auch eine Szene beim Dreh, bei der es um das Thema Polizeigewalt ging. Und es war schon interessant zu hören, was die anderen zu dem Thema zu sagen hatten und dabei natürlich andere Ansichten hatten als ich, der nur ein normaler Bürger ist. Natürlich ist es fürchterlich, wenn es zu einer solcher Gewalt kommt. Aber der Film zeigt, dass das manchmal passieren kann, wenn jemand die Kontrolle verliert.

Gab es in deinem Leben auch schon einmal den Moment, in dem du wie Laurent alles hinterfragt hast und dich fremd gefühlt hast?

Das ist auch ein Aspekt in dem Drehbuch, der mir sehr gut gefallen hat. Ich denke, dass es absolut menschlich ist und dass es jedem einmal so gehen kann, ganz unabhängig von deinem Beruf. Irgendwann bist du an dem Punkt, dass alles nicht so läuft, wie du es dir vorgestellt hast. Und dann liegt es an dir, wie du damit umgehst. In dem Moment brichst du entweder zusammen oder du findest in dir die Kraft, um etwas zu verändern. Ich habe versucht, mich in eine Figur hineinzuversetzen, die ein perfektes Leben führt. Er hat eine tolle Familie, er liebt seine Tochter, hat sich bei der Arbeit einen guten Ruf erkämpft. Alles ist perfekt bei ihm geplant. Und dann geschieht das Unerwartete und alles bei ihm bricht zusammen. Deswegen weiß er zu Beginn auch nicht, wie er sich verhalten soll.

Am Ende findet er zu sich selbst, indem er zu See fährt und auf diese Weise sein Trauma verarbeitet. Nun können wir nicht alle zu See fahren, sobald wir in einer Krise stecken. Was sind deine eigenen Methoden, um einer solchen Krise zu begegnen?

Ich trinke viel. (lacht) Es gibt nicht den einen richtigen Weg, um aus einer Krise zu finden. Aber ich denke, dass wir alle einen Ort haben, an dem wir zur Ruhe kommen und über die Welt nachdenken können. Das kann die Natur sein. Es können aber auch Menschen sein, die uns nahestehen wie unsere Eltern oder ein Freund. Diese Momente sind für uns alle sehr wichtig und wenn wir es schaffen, diese Krise zu überstehen, dann kann uns das zu besseren Menschen machen.

Zur Person
Jérémie Renier wurde am 6. Januar 1981 in Brüssel, Belgien geboren. Er interessierte sich schon früh für die Schauspielerei und besuchte Schauspiel- und Theaterkurse. 1996 gab er sein Leinwanddebüt in dem Drama La Promesse – Das Versprechen über einen Mann, der Wohnungen an illegale Immigranten vermietet und diese ausbeutet. 2012 war er in My Way – Ein Leben für das Chanson zu sehen. Für seine Verkörperung des französischen Sängers Claude François erhielt er eine César-Nominierung als bester Hauptdarsteller. Zu seinen weiteren Filmen zählen das Drama Brügge sehen…und sterben? (2012) von Martin McDonagh und der Erotikthriller Der andere Liebhaber (2017) von François Ozon.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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