Inhalt / Kritik

Mario Bava

„Die Stunde, wenn Dracula kommt“ // Deutschland-Start: 29. September 1961 (Kino) // 24. September 2020 (DVD/Blu-ray)

Auf dem Weg zu seinem Ärztekongress in Moskau im Jahre 1930 machen Professor Krubajan (Andrea Checchi) und sein Assistent Gorobec (John Richardson) Halt in einem kleinen Dorf in Moldawien. Die Gegend ist verwunschen und es ranken sich Gerüchte und allerlei Aberglaube um die Wälder und die Ruinen, sodass ihr Kutscher es sehr eilig hat, als sie einmal wegen einer Panne halten müssen. Währenddessen triebt die Neugier die beiden Wissenschaftler in eine der Ruinen, in welcher sie auf einen alten Steinsarg stoßen, den Krubajan genauer untersucht und dabei beschädigt. Beim Verlassen der Gruft treffen sie auf Katia Vajda (Barbara Steele), die sie darauf aufmerksam macht, dass sie sich auf dem Besitz ihrer Familie befinden. Im Gasthaus des Dorfes endlich angekommen, haben die beiden Männer, selig vom Wodka, den Vorfall in der Gruft schon ganz vergessen, ohne zu ahnen, welche Folgen ihr Handeln hat. Denn in der Gruft erwacht Asa (ebenfalls Barbara Steele), eine Hexe, zu neuem Leben, voller Wut und Hass auf die Vajdas, jene Familie, dank derer sie und ihr Bruder einst auf dem Scheiterhaufen landeten.

Unbestimmte Angst

Wie in vielen anderen Filmindustrien, beispielsweise der japanischen, ist es ein langer Weg, bevor jemand Regie führen kann, und so musste auch Mario Bava, trotz seines Vaters, der bereits beim Film arbeitete, erst viele Jahre als Second Unit Regisseur oder in anderen Funktionen arbeiten. Dennoch wäre es falsch, den in Deutschland unter dem etwas irreführenden Titel geführten Die Stunde, wenn Dracula kommt als die erste Regiearbeit des Italieners zu bezeichnen, denn zuvor hatte er bereits viele Filmprojekte wie beispielsweise Der Vampir von Notre Dame oder Caltiki – Rätsel des Grauens fertiggestellt, als ihre eigentlichen Regisseure diese unfertig hinterließen. Mit Die Stunde, wenn Dracula kommt schuf Bava dennoch sein erstes ganz eigenes Werk, einen stilprägenden Film, der Elemente des Gothic Horror verknüpft mit einer europäischen Mentalität und einer Psychologisierung, die sich durch seine ganze Filmografie zieht.

Wie bereits erwähnt, hat Bavas Film mit dem Roman Bram Stokers oder mit anderen Filmen über den berühmten Blutsauger überhaupt nichts zu tun. Vielmehr basiert Die Stunde, wenn Dracula kommt auf einer Geschichte des russischen Schriftstellers Nikolai Gogol, doch auch diese Parallelen sind eher spärlich. Asa und ihr Bruder werden zwar als Vampire bezeichnet, haben aber keinerlei Ähnlichkeit mit den Filmmonstern, wie man sie kennt, und werden im Laufe der Handlung auch als Hexer und Satanisten bezeichnet. Dieses Fehlen einer klaren Kategorisierung macht sie in vielerlei Hinsicht noch unheimlicher, aber zumindest unberechenbarer, was sich auch in ihrem plötzlichen Erscheinen an vielen Stellen in der Geschichte ausdrückt sowie ihre Überlegenheit gegenüber den rationalen Erklärungsversuche der beiden Ärzte wie auch der Religion und dem Aberglaube der Menschen.

Auch formal ist Die Stunde, wenn Dracula kommt schwierig einzuordnen. Die stilisierten Schwarz-Weiß-Bilder sowie die mit einem Gothic-Charme versehenen Kulissen erinnern an die Horrorfilme der 1940er von Universal, wohingegen die schnellen Schnitte oder der Einsatz von Musik in eine andere Richtung gehen. Selbst der Zuschauer fällt auf diese gewohnte Umgebung herein und denkt, er könne den Fortgang der Handlung vorhersagen, was dann in einer überraschenden Wendung mündet.

Der Fluch der Zeit

Im Kino von Mario Bava sind die Monster oder die Mörder immer Verweise auf eine unterdrückte Vergangenheit. Dies gilt insbesondere für die von Barbara Steele gespielten Asa und Katia, zwei Frauen, die auf eine starke Weise miteinander verbunden zu sein scheinen, nicht nur wegen ihres Äußeren. Katia wagt es nicht, das Bild ihrer Vorfahrin anzusehen, fühlt sie doch jene Verbindung in sich, weshalb sie die beiden Männer in ihrem Leben vor dem Einfluss des Fluches schützen müssen, einer Verwünschung und eines Erbes, welches vor allem für Männer den sicheren Tod bedeutet. Die Vergangenheit wie auch Sexualität müssen unterdrückt werden, maskiert werden, ähnlich der Eisenmaske, mit der man Asa zu Tode folterte.

Jedoch ist der Fluch der Vergangenheit auch auf formaler Ebene ein Thema in den Filmen Bavas. Der Zuschauer wird verwundert sein, ob der Texttafel, dass seit dem Tode Asas und ihres Bruders 200 Jahre vergangen sein sollen, sieht die Umgebung doch fast gleich aus. Die Innenräume wie das Gasthaus oder das Anwesen von Katias Familie in gewisser Weise anachronistisch, als hätte auch sie der Fluch der Hexe erfasst.

Credits

OT: „La maschera del demonio“
Land: Italien
Jahr: 1960
Regie: Mario Bava
Drehbuch: Ennio De Concini, Mario Serandrei
Vorlage: Nikolai Gogol
Musik: Roberto Nicolosi
Kamera: Ubaldo Terzano
Besetzung: Barbara Steele, John Richardson, Arturo Dominici, Ivo Garrani, Andrea Checchi, Enrico Olivieri

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Die Stunde, wenn Dracula kommt
„Die Stunde, wenn Dracula kommt“ ist eine beeindruckende Regiearbeit Mario Bavas. Dank der famosen Darstellung Barbara Steeles sowie einer Sicherheit mit den einzelnen Elementen des Genres, einer klaren Vision und vieler interessanter Einfälle, gibt Bava dem Horrorfilm eine ganz individuelle Note, die „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ bis heute noch sehr sehenswert machen.
8von 10

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