Inhalt / Kritik

Der Schneegänger

„Der Schneegänger“ // Deutschland-Start: 12. März 2020 (Arte)

Zwei Jahre nach dem Verschwinden des damals elfjährigen Darijo (Talin Bartholomäus) wird seine Leiche in einem Waldstück nahe Berlin gefunden. Schnell fällt der Verdacht dabei auf den Vater Darko (Stipe Erceg), der als Wildhüter in dem Wald arbeitet und voller Wut auf seine Exfrau Lida (Edita Malovčić) ist. Denn die hat ihn verlassen, um stattdessen den wohlhabenden Unternehmer Günter Reinartz (Bernhard Schir) zu heiraten, in dessen Villa sie früher als Hausmädchen arbeitete und Darijo seinerzeit wohnte. Während Kriminalhauptkommissar Lutz Gehring (Max Riemelt) dem Fall nachgeht, zieht er, wenn auch widerwillig, die junge Polizistin Sanela Beara (Nadja Bobyleva) hinzu. Die ist zwar noch unerfahren und hadert mit den Regeln, kommt aber wie die Eltern des Jungen aus Kroatien und ist in der kroatischen Exilgemeinde in Berlin gut vernetzt …

Altes Team, neue Gesichter

Never change a winning team, heißt es eigentlich im deutschen Fernsehen. Gerade der hiesige Krimibereich ist geprägt von langlebigen Reihen, in denen ein Ensemble viele Jahre, teils Jahrzehnte dieselbe Rollen spielt. Das hat etwas schön Vertrautes. Bei Der Schneegänger ist das anders. So hatte es 2015 mit Das Dorf der Mörder bereits einen ersten Film mit den Figuren Sanela Beara und Lutz Gehring gegeben, damals noch verkörpert von Alina Levshin und Jürgen Tarrach. Anstatt diesen aber fortzusetzen, tauschte man beim zweiten Auftritt der beiden die Schauspieler*innen aus und tat so, als habe es den Vorgänger nie gegeben. Auch inhaltlich: In dem TV-Krimi lernen sich die zwei zum ersten Mal kennen, was mit diversen Reibereien und Konflikten verbunden ist.

Und das war nicht die einzige Herausforderung, der sich Elisabeth Herrmann (Requiem für einen Freund) hier stellen musste. Die Autorin, die beide zugrundeliegenden Romane verfasst hat, durfte dieses Mal auch an dem Drehbuch mitarbeiten, was nicht ganz einfach für sie war. Ein eigenes Werk auf das übliche 90-Minuten-Format zurechtstutzen zu müssen, das ist keine dankbare Aufgabe. Umso mehr, wenn man mit der Geschichte eben nicht nur einen reinen Krimi abliefern möchte, sondern weitreichendende Ambitionen verfolgt. Im Mittelpunkt von Der Schneegänger steht dabei natürlich schon die Frage, wer denn nun den Jungen ermordet hat. Verbunden wird dies aber mit einigen anderen Themen.

Erinnerungen an einen Krieg

Das wichtigste ist dabei der Jugoslawienkrieg, der hier einen langen Schatten wirft. Herrmann stellt uns gleich mehrere Figuren vor, die alle aus Kroatien nach Deutschland gezogen sind, finstere Erinnerungen und Traumata im Gepäck. Das betrifft gerade auch Sanela, die auf der Suche nach der Wahrheit sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss. Und sie ist dabei nicht die einzige. In Der Schneegänger haben nahezu alle Figuren irgendwie mit der Vergangenheit zu kämpfen. Manche tun das ganz offensichtlich, bei anderen geschieht das eher etwas versteckt. Eine richtige Auseinandersetzung findet aber so oder so nicht statt, da die meisten schlicht mit den jeweiligen Situationen überfordert sind.

Am interessantesten ist dann auch, wenn sich Der Schneegänger ganz auf diesen menschlichen Aspekt konzentriert und stärker in die Richtung Drama geht. Gerade Nadja Bobyleva (Waldgericht – Ein Schwarzwaldkrimi) überzeugt in der Rolle der Ermittlerin, bei der sich Berufliches und Privates vermischt, sie auch aus einer emotionalen Anteilnahme heraus über Grenzen hinwegsetzt. Damit steht sie in einem starken Kontrast zu dem von Max Riemelt (Kopfplatzen) gespielten Kriminalhauptkommissar, der sachlich und überlegt an die Arbeit geht. Dass die beiden aufgrund der starken Unterschiede lange nicht wirklich miteinander können, ist daher klar. Ebenso klar ist – so verlangen es die Genrekonventionen –, dass diese Unterschiede irgendwann überwunden werden und man doch noch zusammenfindet.

Mehr fühlen als rätseln

Diese Entwicklung hätte sicher noch stärker herausgearbeitet werden können, da hat man auf dem Weg zur Zusammenführung schon geschummelt und ein paar Abkürzungen genommen. Und auch als Krimi ist Der Schneegänger nicht so ganz befriedigend, da die Auflösung etwas willkürlich kommt. Wer sich solche Filme anschaut, um selbst kräftig miträtseln zu können, der wird etwas übergangen. Wem das hingegen gar nicht so wichtig ist und vielleicht eine Vorliebe für die etwas tragischere Variante des beliebten Genres hat, für den hat das hier schon einiges zu bieten. Der Film geht näher an die Abgründe seiner Figuren, als es die meisten tun, ist trotz einiger Übertreibungen im weiteren Verlauf ein recht menschlicher Vertreter seiner Art und wirkt entsprechend länger nach.

Credits

OT: „Der Schneegänger“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Josef Rusnak
Drehbuch: Josef Rusnak, Elisabeth Herrmann
Vorlage: Elisabeth Herrmann
Musik: Mario Grigorov
Kamera: Cristian Pirjol
Besetzung: Nadja Bobyleva, Max Riemelt, Stipe Erceg, Edita Malovčić, Bernhard Schir, Talin Bartholomäus, Emil Belton, Lui Eckardt

Bilder

Interview

Der SchneegängerWarum sind Krimis bei Deutschen eigentlich so beliebt? Und wie sehr sind wir das Ergebnis unserer Vergangenheit? Diese und weitere Fragen haben wir Hauptdarsteller Max Riemelt in unserem Interview zu Der Schneegänger gestellt.

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Der Schneegänger
In „Der Schneegänger“ wird ein vermisster Junge tot aufgefunden, die Suche nach Antworten wird nicht nur für die Polizistin zu einer Begegnung mit der Vergangenheit. Als reiner Krimi ist das eher durchschnittlich, überzeugt jedoch als menschlichere Variante des Genres, wenn die Jagd auf den Mörder mit der Bewältigung alter Traumata einhergeht.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Knoll Udo

    Daß Regisseure von Krimis immer wieder eine (frei erfundene) Hackordnung zwischen Schutz- und Kriminalpolizei darstellen, ist nicht nachvollziehbar. Auch bei den Dienstgraden… Ein Polizist in Uniform ist immer ein/e Wachtmeister/in und die Kriminalbeamten als einzige Kommissar, Ober-, oder Hauptkommissar/innen. Polizeiobermeisterin Baera wird zur Wachtmeisterin gemacht. Diesen Dienstgrad gibt es schon lange nicht mehr bei der Polizei und es ist völlig unverständlich, warum diesbezüglich von Seiten der Filmemacher so amateurhaft gearbeitet wird.
    Es könnte einem ja egal sein, aber durch das wiederholte aufrechterhalten dieses völlig falschen Klischees, glauben viele Zuschauer, dass das in Wirklichkeit wohl auch so ist und wollen u. U. wichtige Zeugenaussagen nur der „richtigen“ Polizei (also der Kriminalpolizei) berichten wollen und nicht dem Schutzpolizisten, der ja gerade mal dazu taugt, den Kommissare der Kripo das Absperrbannd hochzuhalten und den Kaffee zu bringen.

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