Kritik

Einer bleibt auf der Strecke Les grandes gueules

„Einer bleibt auf der Strecke“ // Deutschland-Start: 21. Oktober 1966 (Kino)

Nach dem Tod seines Vaters kehrt Hector Valentin (Bourvil) in sein Elternhaus nach Frankreich zurück, wo er das alte Familien-Sägewerk wieder in Betrieb nehmen möchte. Doch die Zeiten haben sich geändert: In der Stadt gibt es längst Konkurrenz, ein größeres und moderneres Werk hat eröffnet, welches alle verfügbaren Arbeiter an sich gebunden hat. Als eines Tages Laurent (Lino Ventura) und Mick (Jean-Claude Rolland) vor ihm stehen und eine Stelle suchen, zögert er nicht lange. Dabei ahnt er zunächst nicht, dass es sich um zwei Ex-Sträflinge handeln. Und es soll nicht bei zweien bleiben: Da der Bedarf an Arbeitskräften groß ist, überreden die beiden ihn, Strafgefangene auf Bewährung anzuheuern. Zwar ist die Skepsis bei Hector zunächst groß, doch der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten – was wiederum die Konkurrenz des anderen Sägewerks nicht gerne sieht …

Das Leben nach dem Verbrechen
Strafgefangene und Verbrecher sind auch nur Menschen! Als Hector in einer frühen Szene sich dagegen sträubt, Kriminelle bei sich arbeiten zu lassen, ihm seine zwei Arbeiter daraufhin verraten, dass sie selbst welche sind, ist dem Sägewerkbesitzer die Verwirrung ins Gesicht geschrieben. Da passiert etwas, das eigentlich nicht passieren sollte. Vergleichbar zur kürzlich preisgekrönten französischen Komödie The Big Hit suchte mehr als 50 Jahre zuvor Einer bleibt auf der Strecke das Menschliche hinter der Fassade. Betont, dass man den Leuten nicht immer ansieht, was in ihnen vorgeht, verbunden mit dem Appell, ihnen auch eine Chance zu geben, da die Welt nun einmal nicht schwarz und weiß ist.

Aus einem solchen Stoff könnte man wie der obige Kollege eine launige Komödie machen, die von den Reibungen der Kriminellen und der „normalen“ Welt berichtet. Aber auch ein tränenreiches Sozialdrama wäre möglich. Einer bleibt auf der Strecke ist keins von beidem, zumindest nicht so wirklich. Schon der Blick auf die Genreangaben im Internet verrät, wie schwierig es letztendlich ist, die französisch-italienische Produktion klassifizieren zu wollen. Da ist mal von einer Komödie, dann wieder von einem Drama die Rede. Als Abenteuerfilm wurde das hier bezeichnet, Action und Krimi werden als Bezeichnung bemüht. Sogar Westernanleihen wurden darin gefunden. Ach ja, eine romantische Nebenhandlung gibt es auch.

Einerseits macht das Einer bleibt auf der Strecke irgendwie interessant und man fragt sich die ganze Zeit, worauf das alles eigentlich hinauslaufen soll. Andererseits ist der Film dadurch auch nur schwer zu fassen, wird nie so wirklich konkret – was den enormen Erfolg an den französischen Kinokassen 1965 zu einem kleinen Rätsel macht. Vieles, das hier begonnen wird, endet vorzeitig. Wenn es später beispielsweise zu einer Wendung kommt, welche die Arbeitssuche von Laurent und Mick in einem anderen Licht erscheinen lässt, dann spielt diese eigentlich keine wirkliche Rolle. Es fehlt ein klar erkennbares Ziel, welches der Film verfolgt. Es gibt von allem irgendwie etwas, aber nie genug.

Eine ziellose Freundschaft
Doch das bedeutet nicht, dass der Film keine Qualitäten hätte. Regisseur Robert Enrico (Das Netz der tausend Augen), der zusammen mit José Giovanni (Der Zigeuner), auf dessen Roman die Geschichte basiert, das Drehbuch geschrieben hat, hat seinerzeit mit seinem dritten Langfilm ein schönes Werk über eine Männerfreundschaft gedreht. Inmitten der Turbulenzen und Verzweigungen, die im Laufe der Zeit so auftreten, steht das Männertrio, welches diesen zu trotzen versucht. Welches auch einen Neuanfang sucht, dabei gleichzeitig Gefangene der Vergangenheit sind. Selbst wenn der Blick immer in die Zukunft gerichtet ist, die drei im Gegensatz zu Einer bleibt auf der Strecke ein klares Ziel vor Augen haben, so kommen sie doch nie wirklich dort an.

Gerade gegen Ende hin entwickelt der Film, der zuvor oft einen eher lockeren Ton anschlug, eine unerwartete Tragik. Die Ausweglosigkeit des Unterfangens schlägt dann noch einmal in voller Wucht zu. Ein kurioser Crowdpleaser, wie es eben The Big Hit ist, sieht da anders aus. Das steht auch in einem Kontrast zu den schönen Bildern einer idyllischen Landschaft, die einen eher zum Träumen verführen. Das passt dann nicht wirklich zusammen, passt damit gleichzeitig aber zu einem Film, der ständig auf der Suche ist, von starken Männern erzählt, die sich mal gegenseitig Halt geben und dann wieder in den Abgrund ziehen. Denn auch wenn der deutsche Titel es ankündigt, hier bleibt mehr als nur einer auf der Strecke.

Credits

OT: „Les grandes gueules“
AT: „Die großen Schnauzen“
IT: „The Wise Guys“
Land: Frankreich, Italien
Jahr: 1965
Regie: Robert Enrico
Drehbuch: Robert Enrico, José Giovanni
Vorlage: José Giovanni
Musik: François de Roubaix
Kamera: Jean Boffety
Besetzung: Lino Ventura, Bourvil, Michel Constantin, Marie Dubois, Jean-Claude Rolland, Jess Hahn, Paul Crauchet, Nick Stephanini

Bilder

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Einer bleibt auf der Strecke
In „Einer bleibt auf der Strecke“ will ein Mann das Sägewerk seiner Familie wieder in Betrieb nehmen und vertraut dabei auf die Hilfe von (Ex-)Sträflingen. Die Romanadaption ist eine interessante, zugleich ziellose Geschichte über Männerfreundschaften, die zwischen den verschiedensten Genres angesiedelt ist und bei der nie ganz klar wird, was genau sie eigentlich wollte.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Martin Zopick

    VORSICHT SPOILER!!

    Ein früher Film von Robert Enrico, bei dem es Probleme bei der Titelvergabe gab. Der deutsche Titel ist nicht nur unzutreffend, denn hier bleibt nicht einer auf der Strecke, sondern alle bis auf zwei: Hector und Laurent. Drum passt der Originaltitel besser. Gewinner sind die mit der großen Klappe.
    Hector (Bourvil) erbt ein etwas heruntergekommenes Sägewerk und findet durch Laurent (Lino Ventura) und Mick (Jean-Claude Rolland) Strafgefangene, die für ihn auf Bewährung arbeiten. Sie werden von Sozialarbeitern betreut. Die beiden ‘Arbeitsvermittler‘ haben aber auch noch andere Gründe, um für Hector zu arbeiten. Es entwickelt sich ein ganz normaler Alltag und so ergeben sich die unterschiedlichsten Spannungen: innerhalb der Männergruppe, auch das Verhältnis zu den Dörflern verläuft nicht ohne Reibereien, die sich auf dem ‘Holzfällerfest‘ entladen. Eine Ehefrau (Hénia Suchard) besucht ihren Mann, um ihn vom Alkohol und der Spielsucht wegzubringen. Amouröse Schwingungen – mehr nicht – gibt es zwischen Laurent und Jackie (Marie Dubois), der Tochter des Gemischtwarenladens. Es gibt Unfälle, einen Hinterhalt und Sabotage von der Konkurrenz. Selbst eine abfällige Bemerkung über die Touristen-Plage kommt vor.
    Ein gesellschaftliches Sammelsurium gibt sich hier ein Stelldichein, mit wenig Zuneigung für den oder die Nächste, aber stattdessen viel Häme, Spott und Eigensinn. Und wenn’s ernste Probleme gibt, gibt’s was aufs Maul.
    Als alles aus dem Ruder läuft, müssen die Strafgefangenen zurück in die Anstalt.
    Hector und Laurent prügeln sich und vertragen sich wieder, das Sägewerk wird abgefackelt. Wie das Leben so spielt meint Regisseur Robert Enrico.
    Die Spannung entwickelt sich aus den unterschiedlichsten menschlichen Beziehungen im Kampf ums Überleben. Gewinner sind die mit der großen Klappe. Es sind Abenteurer, die das Leben noch vor sich haben und ihren Weg suchen. Gut zum Downchillen. Der Kopf wird frei bei dieser Distanz zwischen Handlung und Zuschauern.

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