Kritik

„Der Zigeuner“ // Deutschland-Start: 4. März 1976 (Kino) // 21. August 2020 (DVD)

Hugo Sennart (Alain Delon), der wegen seiner Herkunft als Sinti und Roma den abfälligen Spitznamen „der Zigeuner“ bekommen hat, hält seit langem sie französische Polizei in Atem. Zusammen mit zwei ebenfalls vorbestraften Komplizen hat er schon eine ganze Reihe von Raubüberfällen begangen, konnte aber jedes Mal fliehen und sich vor der Polizei verstecken. Der ermittelnde Kommissar Blot (Marcel Bozzuffi) ist zudem noch mit einem anderen Fall beschäftigt, denn nach dem mysteriösen Selbstmord seiner Frau bietet sich ihm und seinen Männern die Gelegenheit, den stadtbekannten Juwelendieb Yan Kuq (Paul Meurisse) zu überführen. Während Kuq versucht, bei Freunden unterzutauchen und die Angelegenheit über seine Anwälte zu regeln, plant Sennart schon seinen nächsten Überfall, nach dem er für eine Weile bei seinen Verwandten untertauchen will. Jedoch versetzt die Polizei mit Razzien und Verhaftungen die ganze Unterwelt in Aufruhr und hetzt sie gegen „den Zigeuner“ auf. Als Blot und seine Beamten sich dem Versteck des Zigeuners nähern, ist dies auch für Kuq eine Gefahr, die er nicht ohne weiteres dulden kann.

Rache an der Welt
Mit Der Zigeuner verfilmte José Giovanni seinen eigenen Roman und kollaborierte nach Filmen wie Endstation Schafott und Der Mann aus Marseille abermals mit Schauspieler Alain Delon, der das Projekt auch als Produzent begleitete. In der Vielzahl von Gangsterrollen, die Delon gerade in den 70er Jahren spielte, übersieht man gerne die gesellschaftskritischen Aspekte vieler der Arbeiten, die Delon als Darsteller und Produzent mitbetreute. Der politisch unkorrekte, stark abfällige Titel deutet bereits an, dass es sich nicht nur um einen Kriminalfilm handelt, sondern um das Porträt eines Außenseiters, eines Heimatlosen, der beschlossen hat, den ihm entgegengebrachten Hass der Welt zurückzugeben.

Oberflächlich betrachtet erscheint eine Figur wie Hugo Sennart wie eine Art moderner Robin Hood. Seine Raubzüge richten sich gegen die Reichen sowie den Staat und einen Großteil des Geldes gibt er den Sinti und Roma, die ihn im Gegenzug verstecken und immer wieder decken, wenn er auf der Flucht ist. Zudem verkörpert er gewisse Prinzipien, selbst wenn man viele im Kontext des Ehrenkodex unter Gaunern verstehen kann, ein Konzept, welches der ebenfalls wegen Raubes vorbestrafte Regisseur mehr als nachempfinden konnte. Allerdings lässt sich Sennart nicht in eine solche Rolle pressen, ist sein Kampf doch nicht nur der eines Entehrten, sondern der einen Menschen, der bereits vor seiner ersten Vorführung bei einem Richter, ein Urteil erfahren hat, welches er nun weniger wie ein Makel, sondern wie eine Auszeichnung mit sich trägt, nämlich die abfällige Bezeichnung des „Zigeuners“.

Während Robin Hood die Rolle des Gauners und des Edelmanns verbindet, erstere, weil sie ihm aufgezwungen wurde und die letztere, weil er von Geburt an einer ist, fügt sich Sennart einem gesellschaftlichen Urteil. Wenn die Kamera von den idyllischen Stränden über die Industriellen Vororte Paris hin zu den Wohnwagensiedlungen der Sinti und Roma gleitet, die mitten unter Industrieruinen und Mülle leben, zeigt Giovanni die soziale Realität von Außenseitern und Heimatlosen, die nirgendwo einen Platz haben in der Welt und auch niemals einen angeboten bekommen. So zumindest interpretiert es Sennart, der das Bild des Verbrechers, des Außenseiters und des Diebes nun ähnlich einer selbsterfüllenden Prophezeiung bedient und nun gegen das System agiert.

Wie ein Zugvogel
Besonders interessant ist im Rahmen der Handlung seine Begegnung mit dem von Paul Meurisse gespielte Ya Kuq, einem Juwelendieb, der in vielfacher Hinsicht nach denselben Prämissen lebt wie Sennart, aber dessen Herkunft und Wohlstand ihn über vielem erhaben macht. Die Verachtung gegenüber den Repräsentanten des Systems ist nach außen hin gleich, doch in ihrer Motivation anders, ist sie doch für Sennart Ausdruck eines viel persönlicheren Kampfes, eines Rachefeldzuges, der scheinbar kein Ende mehr kennt.

Mag auch seine Rolle weit entfernt von jenen Gangsterfiguren sein, die Delon einst für Jean-Pierre Melville spielte, ist doch Sennart ebenfalls ein Mann, den eine gewisse Melancholie und Traurigkeit umgibt. Stille Momente, beispielsweise, wenn er einem Schwarm Zugvögel hinterhersieht, zeigen, nach welcher Art von Freiheit sich jemand wie er sehnt, kombiniert mit der Gewissheit, diese auf Erden gewiss nicht zu finden.

Credits

OT: „Le Gitan“
Land: Frankreich, Italien
Jahr: 1975
Regie: José Giovanni
Drehbuch: José Giovanni, Franco Verucci
Vorlage: José Giovanni
Musik: Claude Bolling
Kamera: Jean-Jacques Tarbès
Besetzung: Alain Delon, Paul Meurisse, Annie Girardot, Marcel Bozzuffi, Mario David, Bernard Giraudeau

Bilder

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Der Zigeuner
José Giovannis „Der Zigeuner“ ist eine Mischung aus Drama und Kriminalfilm, die besonders schauspielerisch zu überzeugen weiß. Gerade die Darstellung Delons eines Außenseiters und einer zutiefst verletzten Seele machen die Geschichte sehr dramatisch und packend, weil man als Zuschauer um das Unrecht weiß, das diesem Mann zuteil wurde und doch seine Taten nicht gutheißen kann.
8von 10

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