Kritik

You Know Him Nasipse Adayiz

„You Know Him“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Als Bewohner eines Stadtviertels in Istanbul ist Dr. Kemal Guner (Ercan Kesal) schon bei vielen Menschen bekannt, hat der kompetente und wohlhabende Arzt nicht nur einen guten Draht zum einfachen Volk, sondern auch zu den einflussreichen Kreisen der Stadt. Gerade deswegen ist es ihm nun nicht mehr genug, eine Privatklinik zu betreiben, er möchte gleich Bürgermeister seines Bezirks werden. Neben Wahlkampfauftritten in Altersheimen und einer schier niemals endenden Reihe von Banketts, ziehen er und sein treuer Fahrer Naci (Inanç Konukçu) sowie eine ganze Schar von Beratern von einem Termin zum anderen, immer dabei Unterstützer innerhalb der Partei zu erhalten. Ein kostspieliges Unterfangen, vor allem, da Guner vielen kostenlose Behandlungen in seinem Krankenhaus spendiert, was ihm schon den Unmut seiner Belegschaft eingebracht hat. Jedoch können die Neuigkeiten von geplatzten Schecks und unbezahlten Rechnungen Guner nicht stoppen, denn die „Nummer Eins“, der mächtige Anführer der Partei, hat sich zu einem von Guner organisierten Bankett angekündigt, was der Doktor und seine Berater als verheißungsvolles Zeichen bewerten. Während die Vorbereitungen auf Hochtouren laufen, bereitet sich Guner darauf vor, von Nummer Eins am Abend definitiv zum Kandidaten für die Wahl aufgestellt zu werden. Allerdings zeigen sich erste Anzeichen dafür, dass die Parteispitze gar nicht so viel von dem engagierten Doktor hält und keiner ihn so richtig kennt, auch wenn dies sein Wahlkampfslogan ist.

Sie kennen mich doch
Bereits im Jahr 2018 drehte Ercan Kesal eine erste kurze Dokumentation, die den Schauspieler und Drehbuchautor wohl ermutigte, mit You Know Him, der auf dem diesjährigen Filmfestival Mannheim-Heidelberg zu sehen ist, das erste Mal bei einem Spielfilm Regie zu führen. Mit diesem hat sich Kesal gleich ganz viel vorgenommen, denn die Mischung aus Drama und Komödie befasst sich mit den Verstrickungen des Politikbetriebs und zeigt eine Welt, in der nicht nur Wahrheit und Lüge dicht beieinander liegen, sondern niemand so richtig weiß, wer sich eigentlich hinter den Frauen und Männern verbirgt, die einem von Wahlplakaten anlächeln.

Auch Kemal Guner ist einer von jenen Menschen, die man zu kennen glaubt. Er ist ein Mann, mit dem man reden kann, mit dem man einen trinken kann und dessen Geheimnisse sich bestenfalls auf ein Minimum beschränken, die aber gewiss keinen Skandal nach sich ziehen würden. Zumindest ist dies eben jenes Image, was Guner erreichen will, für das er einsteht und fast konstant auf den Beinen ist und von einem Wahlkampfauftritt zum nächsten hetzt. Jedoch merkt man, dass dieses Bild bröckelt, oder genauer gesagt, dass sich Guner mit dem Ich auf den Plakaten nicht so recht anfreunden kann. Widmet er sich seiner trockenen Präsentation, den Inhalten seiner Kampagne ist die Welt noch in Ordnung, doch sobald er aus Tuchfühlung mit dem Volk gehen soll, erscheint er gehemmt und das Lächeln erscheint unecht.

Kesal überzeugt nicht nur durch seine Inszenierung, sondern auch in der Hauptrolle als ein Mann, der sich in seiner Haut schon seit langem nicht mehr so ganz wohlfühlt. Der Anzug wirkt immer etwas zu eng, zu unpassend für einen Mann, der sich lieber wieder in einen Arztkittel werfen würde und sich einem überschaubaren Job widmen würde, einer, dessen Gesetze er versteht und dessen Belohnungen nicht mehr so vage sind. Innerhalb eines Tages wird diese Rolle, die er sich zwecks seiner Kampagne auferlegt hat und schon seit mehreren Monaten spielt, getestet und man wird als Zuschauer Zeuge eines faszinierenden Zersetzungsprozesses.

Absurder Spießrutenlauf
Darüber hinaus ist es nicht nur das Bild des Politikers, welches in You Know Him Thema ist, sondern auch diese seltsame Scheinwelt, in der er sich bewegt. Immer wieder setzte Guner zu seiner Präsentation an, will von Inhalten reden, doch wird immer wieder unterbrochen oder seine Stimme geht vollends unter im Gemurmel anderer oder im Geklirr von Geschirr während eines Empfangs. Auch seine Gesprächspartner sind wenig interessiert an den Zielen dieses Mannes, interessieren sich lieber für ihr leibliches Wohl oder dem Versprechen auf eine kostenlose Untersuchung, welche Guner ihnen, mit einer Faust in der Tasche, zugestehen muss.

Zielstrebig lässt Kesal, der auch das Drehbuch schrieb, seinen Helden auf die absolute Katastrophe hinzulaufen, die am Ende seines von Guners absurdem Spießrutenlauf steht. Dank vieler guter Darsteller, aber auch der herausragenden Kameraarbeit Barbu Balasoius, gelingen vor bei den Innenaufnahmen vielsagende Bilder über die Verbindung von Politik, Lüge und Wahrheit, Momente eines Selbstbetrugs, den alle bis auf einer bereits erkannt haben.

Credits

OT: „Nasipse Adayiz“
Land: Türkei
Jahr: 2020
Regie: Ercan Kesal
Drehbuch: Ercan Kesal
Kamera: Barbu Balasoiu
Besetzung: Ercan Kesal, Inanç Konukçu, Selin Yeninci, Nazan Kesal, Mutalip Nmujdeci, Valeriu Andriuta

Trailer

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You Know Him
„You Know Him“ ist ein bissiger Mix aus Drama und Komödie, ein entlarvender Blick hinter die Kulissen des modernen Politikbetriebs. Ercan Kesal gelingt nicht nur ein sehr überzeugendes, sondern ein überaus spannendes Porträt eines Politikers und wie sich Wahrheit und Lüge in dieser Personen treffen, die einem während der Wahlperiode einem in jedem Land auf Plakaten entgegenlächeln.
9von 10

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