Kritik

Kids Run

„Kids Run“ // Deutschland-Start: 3. Dezember 2020 (Kino)

Es sieht nicht gut aus für Andi (Jannis Niewöhner). Mit dem Geld, das er auf dem Bau verdient, kommt er kaum über die Runden. Schon seit Längerem hat er keine Miete mehr zahlen können, weshalb er Gefahr läuft, die Wohnung zu verlieren. Entsprechend schwierig ist es für ihn, seine drei Kinder zu versorgen. Nicht nur deshalb kommt es mit den jeweiligen Müttern immer wieder zum Streit. Hinzu kommt: Andi ist noch nicht über die Trennung von Sonja (Lena Tronina) hinweg, mit der er eine kleine Tochter hat. Noch immer träumt er davon sie zurückzugewinnen. Dabei ist sie längst anderweitig vergeben. Als Andi auch noch seinen Tagelöhnerjob verliert, entschließt er sich, wieder mit dem Boxen anzufangen und mit dem Preisgeld sein Leben in Ordnung zu bringen …

Verloren in Deutschland
Es dauert nicht lange in Kids Run, bis klar wird: Der Film mutet seinen Figuren und damit über Umwege dem Publikum eine Menge zu. Da gibt es Gewalt in Form von Boxkämpfen, aber auch psychische Gewalt, wenn die meisten Begegnungen in einem Schreiwettbewerb enden. Da gibt es prekäre Jobs, die allenfalls verhindern können, dass jemand auf der Straße sitzt. Und selbst bei denen darf man froh sein, wenn man sie hat: Wer irgendwie meckert, etwas anstellt oder auch nur zu spät kommt, der fliegt. Halt braucht man hier erst gar nicht zu suchen, die sozialen Netze haben so große Löcher, dass immer wieder jemand durch sie hindurchfällt. Das Drama gleicht dann an vielen Stellen auch einem Balanceakt, der seinen Blick gar nicht von dem Abgrund lösen kann, der bedrohlich unter dir nur darauf wartet, dass du einen falschen Schritt gehst.

In ihrem Spielfilmdebüt erzählt Regisseurin und Drehbuchautorin Barbara Ott dann auch vorwiegend von Menschen, die in solchen schwierigen Verhältnissen leben. Den Abgehängten, die irgendwo in grauen Plattenbauten am Rande der Stadt verzweifelt darum kämpfen, überhaupt nur irgendwie über die Runden zu kommen. Inmitten dieser düsteren Milieustudie folgen wir Andi, einem Mann, der zwar erst Ende zwanzig ist, aber schon keine wirkliche Perspektive mehr hat. Der Traum von der Boxkarriere hat sich früh zerschlagen, auch wenn er mangels Alternativen noch immer verbissen an ihm festhält. Überhaupt, der Film ist voller Menschen, die gescheitert sind, keinen Ausweg finden. Mit Ausnahme von Sonja, und das auch nur, weil sie jemanden gefunden hat, der Geld hat. Wer aus diesem Ghetto entkommen will, der braucht schon Hilfe von außen.

Der hilflose Kampf um die Kinder
Wobei es in Kids Run nicht allein um schwierige Verhältnisse und um Leute, die keinen Platz in der Gesellschaft haben. Vielmehr konzentriert sich Ott darauf, wie ein Vater um seine Kinder kämpft, alles für sie tun würde und doch dabei hilflos bleibt. Das Drama, das auf der Berlinale 2020 Premiere hatte, begegnet dem Protagonisten durchaus mit Mitgefühl. Während sein aggressives Auftreten, das er immer wieder an den Tag legt, schon vor den Kopf stößt, er mit aller Macht seinen Willen durchzusetzen versucht, was ihn nicht unbedingt immer zum Sympathieträger macht, so ist er gleichzeitig eine tragische Gestalt. Da ist nichts und niemand, der ihm Halt geben könnte. Ob er sie alle mit der Kopf-durch-die-Wand-Mentalität vergrault hat oder ob da noch nie jemand war, wird nicht ganz klar. Der Film ist so sehr mit der Gegenwart beschäftigt, dass die Vergangenheit eher spärlich ausfällt, stolpert rastlos durch ein Grau im Grau.

Das ist durchaus intensiv von Jannis Niewöhner (Narziss und Goldmund) gespielt, mit viel physischem Einsatz und einer sparsamem Mimik, die dennoch durchscheinen lässt, dass dahinter viel in Bewegung ist. Kids Run sucht dabei die Balance zwischen dreckigem Realismus und dem tatsächlichen Wunsch, etwas Gutes zu tun. Baut immer wieder versöhnliche Momente ein, die einen daran glauben lassen wollen, dass alles wieder gut werden kann, dass die Kämpfe belohnt werden. Doch selbst dann bleibt das Drama unbequem, gewährt nur eine kurze Ruhe, bevor der nächste Gong erklingt, die nächste Runde ansteht, der nächste schmerzhafte Versuch, einfach nur irgendwie durchzustehen.

Credits

OT: „Kids Run“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Barbara Ott
Drehbuch: Barbara Ott
Musik: Paradox Paradise/John Gürtler, Lars Voges, Jan Miserre
Kamera: Falko Lachmund
Besetzung: Jannis Niewöhner, Lena Tronina, Carol Schuler, Eline Doenst, Giuseppe Bonvissuto

Bilder

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Kids Run
„Kids Run“ ist ein bitteres Drama um einen jungen Vater, der ohne Perspektive aber dem Traum des Boxkampfes um seine Kinder kämpft. Das ist intensiv gespielt und immer wieder tragisch, wenn der Protagonist kontinuierlich gegen die Wand rennt und trotz bester Absichten an einer Welt scheitert, die für ihn keine Verwendung hat.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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