Kritik

„Narziss und Goldmund“ // Deutschland-Start: 12. März 2020 (Kino)

Ein glückliches Familienleben hat Goldmund (Jannis Niewöhner) nie gekannt. Seine Mutter hat ihn früh verlassen, sein Vater wollte ihn schnellstmöglich loswerden, weswegen er ihn als Kind in ein Kloster steckt. Dort lernt er Narziss (Sabin Tambrea) kennen, der das genaue Gegenteil von ihm ist: ruhig, folgsam, fromm. Und doch werden die beiden besten Freunde, sind bald unzertrennlich, sehr zum Missfallen der Mönche. Während Narziss jedoch sein Heil in der Askese und der Liebe zu Gott sucht, da drängt es Goldmund raus in die weite Welt, wo er etwas erleben, sich als Künstler verwirklichen will. Vor allem aber will er seine Mutter wiederfinden, die noch immer in seinem Kopf herumspukt …

Wenn sich in Filmen zwei grundverschiedene Figuren begegnen, dann meistens mit dem Ziel, sie in den nächsten 90-120 Minuten näher zusammenzubringen. Das kann mal amouröse Folgen haben wie in den zahlreichen Romantic Comedies, wenn zwei komplett inkompatible Menschen ihr Herz füreinander entdecken. Manchmal reicht es aber auch „nur“ für eine dicke Freundschaft, wie die diversen Buddy Movies zeigen, welche immer mal wieder eine Renaissance erleben. Bei Narziss und Goldmund ist das ganz ähnlich, gleichzeitig ganz anders, wenn die Suche nach sich selbst, die Suche nach anderen Menschen und die Suche nach einem Sinn des Lebens sich gegenseitig gerne im Weg stehen.

Ein moderner Klassiker
Eine klassische Filmgeschichte ist Narziss und Goldmund sicher nicht, sollte es aber auch gar nicht sein. Autor Hermann Hesse, den meisten für sein Kultbuch Steppenwolf ein Begriff, war 1930 weit davon entfernt, in filmischen Kategorien zu denken. Tatsächlich hat es auch lange gedauert, bis sich doch noch jemand fand, der das Wagnis auf sich nahm, das Buch für die Leinwand zu adaptieren. Die Wahl fiel am Ende auf den Österreicher Stefan Ruzowitzky (Die Fälscher, Die Hölle – Inferno), welcher hier nicht nur Regie führte, sondern auch mit Robert Gold (Der Fall Collini) das Drehbuch verfasste. Dabei nahm er sich einige Freiheiten heraus, gerade zum Schluss, versuchte aber nicht, auf Teufel komm raus den betagten Stoff modernisieren zu wollen.

Einiges wirkt hier dann auch wie aus einer fremden Welt. Das betrifft nicht allein die gewöhnungsbedürftige Frisur, mit der Niewöhner durch die Gegend läuft. Vor allem die Ausführungen zu einer völlig unkörperlichen Lebensweise, die allein vom Glauben erfüllt ist, macht Narziss und Goldmund zu einem nicht mehr ganz so leicht zu verkaufenden Werk für eine heutige Generation. Und die soll trotz des historischen Settings angesprochen werden. Da braucht es zum Beweis nicht einmal die sonderbaren Vergleiche zum TV-Phänomen Game of Thrones, welche Ruzowitzky forciert hat. Es reichen die diversen humorvollen Unterbrechungen und die auffallend oft fehlende Kleidung von Niewöhner, die klar machen, dass es hier nicht um die Zuschauer und Zuschauerinnen geht, die vor 50 Jahren das Buch im Schulunterricht gelesen haben mögen.

Die ewige Suche nach dem Selbst
Einiges ist hier ohnehin sehr zeitlos. Narziss und Goldmund schafft es schön, die Rastlosigkeit der Jugend zu zeigen, die es rausdrängt, getrieben von einer Neugierde und inneren Unruhe. Aber auch von dem Verlangen nach Ruhe, einem Ort, einem Menschen, sei es die große Liebe oder die Mutter. Sie ist für Goldmund ein Fixstern auf der Suche nach sich selbst, ein wichtiges Puzzle in seinem Selbstbild. Das ist Anlass für manches Abenteuer oder auch für unterhaltsame Eroberungen, wenn sich praktisch jede Frau, die Goldmund sieht, sich ihm um den Hals wirft. Das ist dann vielleicht kein besonders modernes Frauenbild, als Running Gag ist das aber schon witzig.

Während diese Szenen die Geschichten auflockern und zumindest zeitweise in ein gut gelauntes Abenteuer verwandeln, ist Narziss und Goldmund gleichzeitig ein sehr tragischer Film. Narziss, gefangen zwischen seiner unterdrückten Begierde zu seinem besten Freund und einer selbstlosen Liebe, ist eine andere Identifikationsfigur für das Publikum. Eine Figur, die das Glück in sich sucht, es manchmal findet, teilweise auch nicht. Eine Figur, die gleichzeitig Ausdruck von Selbst- wie Fremdbestimmung ist, schon so früh einen Pfad und die damit verbundenen Regeln verfolgte, dass nie etwas wie ein „ich“ heraussprang. Das ist einfühlsam von Tambrea verkörpert, so wie auch Niewöhner eine starke Leistung zeigt. Zusammen mit der schönen Ausstattung, die bestes Mittelalter-Gefühl vermittelt, gibt es da schon einige Gründe, warum man sich diese Adaption anschauen kann, selbst wenn an manchen Stellen ein bisschen dick aufgetragen wird – auch musikalisch.

Credits

OT: „Narziss und Goldmund“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Stefan Ruzowitzky
Drehbuch: Stefan Ruzowitzky, Robert Gold
Vorlage: Hermann Hesse
Musik: Henning Fuchs
Kamera: Benedict Neuenfels
Besetzung: Jannis Niewöhner, Sabin Tambrea, Henriette Confurius, André Hennicke

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Deutscher Filmpreis 2020 Bestes Szenenbild Sebastian Soukup Nominierung
Bestes Maskenbild Helene Lang Nominierung

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Narziss und Goldmund
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Narziss und Goldmund
Die Adaption von Herman Hesses Buch erzählt die Geschichte von zwei sehr verschiedenen Jungen, die in einem Mönchskloster Freundschaft schließen und jeder für sich nach seinem Glück sucht. Das ist teils altmodisch, teils modern, überzeugt auch durch Ausstattung und Besetzung, trotz des gelegentlichen Hangs, dicker aufzutragen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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