Kritik

Atomkraft Forever

„Atomkraft Forever“ // Deutschland-Start: 18. März 2021 (Kino)

Plötzlich ging es ganz schnell. Klar, Diskussionen um die Atomkraft und den Betrieb entsprechender Anlagen hatte es in Deutschland immer wieder gegeben. Vor allem in den 80ern gab es riesigen Widerstand gegen eine Technik, die von den einen als Heilsbringer, von den anderen globale Gefahr angesehen wurde. Doch erst als sich im März 2011 die Katastrophe in Fukushima zutrug, drehte sich tatsächlich der Wind. Erschrocken durch die Einsicht, dass selbst ein High-Tech-Land wie Japan die Kontrolle verlieren kann, wurden die Rufe lauter, endlich Schluss zu machen mit dieser Form der Energiegewinnung. Und diesem Ruf wurde gefolgt: Atomkraft war in Deutschland schlicht nicht mehr zu vermitteln, in Windeseile wurde beschlossen, alle Kraftwerke dicht zu machen.

Das gefährliche Ende
Doch was genau bedeutet das eigentlich? Wie „beendet“ man solche Reaktoren? Atomkraft Forever begibt sich ein knappes Jahrzehnt später auf Spurensuche. Während heute eher wenige noch über das Thema nachdenken dürften, sind andere ganz konkret damit beschäftigt, die entsprechenden Anlagen abzubauen. Und sie werden es noch lange sein: Einige Jahrzehnte dauert es, bis die Kraftwerke komplett abgebaut sind. Schließlich ist die Arbeit nicht ohne Risiko: Wer nicht aufpasst, könnte radioaktive Substanzen freisetzen. Also heißt es sehr vorsichtig voranzugehen, nach und nach abzutragen. Deswegen sind sie auch immer wieder im Bild, die Schutzanzüge, als Symbol für die Gefährlichkeit des Jobs, den die Männer und Frauen machen.

Das ist ein spannendes Thema, welches gerade Gegner und Gegnerinnen der Atomkraft bestätigen dürfte. Doch Regisseur Carsten Rau (Deportation Class) hat mit seinem Dokumentarfilm etwas anderes vor. Zum einen wagt er den Blick zurück und lässt die Menschen erzählen, die selbst in solchen Kraftwerken gearbeitet haben. Was bedeutete die Arbeit für sie? Wie stehen sie dazu, dass ihr Arbeitsplatz abgebaut wird? Aber auch: Wie war das damals, als diese Kraftwerke entstanden? Exemplarisch berichtet Atomkraft Forever von der Geschichte dieser Energieform in Deutschland und wie sich das Ansehen im Laufe der Zeit gewandelt hat, von der großen Hoffnung zum ungeliebten Kind.

Die Suche nach Alternativen
Und doch ist der Beitrag der Dok Leipzig 2020 keine rein historische Abhandlung. Mit dem wachsenden Bewusstsein um den Klimawandel und dem damit verbundenen Kampf gegen den Ausstoß von CO2 entstand auch wieder eine neue Diskussion. Wäre es nicht vielleicht doch besser, mit der Atomkraft zu arbeiten? Die Alternative hierzu lautet eben nicht erneuerbare Energie, da diese in Deutschland kein vollständiger Ersatz sein kann. Denn die ist zu unzuverlässig. Stark schwankende Stromerträge verbunden mit der noch immer nicht vorhandenen Möglichkeit, die Energie zu speichern, haben zur Folge, dass Deutschland entweder auf Importe angewiesen ist oder weiter fossile Brennstoffe verheizt und damit Klimakiller beibehält.

Um diesen nagenden Zweifel noch ein bisschen zu vertiefen, wird ein Blick über die Landesgrenzen hinaus geworfen. In Frankreich ließ man sich seinerzeit nicht durch Fukushima beunruhigen, sondern setzt auch weiterhin auf die Atomkraft. Geradezu begeistert sprechen die dortigen Interviewpartner über dessen Möglichkeiten, machen aus ihrer Verwunderung über bzw. Ablehnung des deutschen Wegs keinen Hehl. Eine tatsächliche Diskussion zwischen Gegnern und Befürwortern gibt es jedoch nicht. Atomkraft Forever legt sich selbst auch nicht wirklich fest, ob die Entscheidung für den Ausstieg damals richtig war, wenn auf Aussagen zum Klimawahnsinn die ewige Beschäftigung mit dem Endlager folgt, Optimismus und Ernüchterung kaum voneinander zu trennen sind. Aber das macht den eher fragmentarischen Dokumentarfilm auch so interessant, wenn nach einer Wahrheit gesucht wird, von der keiner sagen kann, ob es sie überhaupt gibt.

Credits

OT: „Atomkraft Forever“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Carsten Rau
Musik: Ketan Bhatti, Vivan Bhatti
Kamera: Andrzej Krol

Trailer



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Atomkraft Forever
„Atomkraft Forever“ berichtet von den Arbeiten am Abbau von deutschen Atomkraftwerken und nimmt das zum Anlass, um sich allgemein mit dem Thema auseinanderzusetzen. Der Dokumentarfilm ist einerseits Rückblick auf die hiesige Geschichte dieser Energieerzeugung, stellt gleichzeitig die Frage, wie es denn in Zukunft weitergehen könnte.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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