Kritik

Der eine oder andere wird vielleicht mal davon geträumt haben: einmal im Leben ein König sein! Für Céphas Bansah ist dieser Traum Wirklichkeit. Zwar ist sein Reich verhältnismäßig klein, etwa 200.000 Menschen umfasst es. Aber immerhin. Allerdings handelt es sich um einen König im Exil. Nicht weil er musste, etwa weil er vor Militär oder Gerichtsverhandlungen geflohen ist. Vielmehr ging er ins Ausland, um seinem Volk von dort aus besser helfen zu können. Also verschlug es ihn nach Deutschland, genauer nach Ludwigshafen, wo er eine kleine Kfz-Werkstatt betreibt und mit seiner Familie lebt.

Kurioser Kontrast
Der Dokumentarfilm König Bansah und seine Tochter stellt diesen Mann vor, begleitet ihn bei seinem hiesigen Alltag, lässt ihn aber auch über seine Herkunft sprechen und über seine Motivation, so weit entfernt von der Heimat etwas Eigenes aufzubauen und körperlich zu arbeiten. Das ist natürlich spannend, lebt zu einem bedeutenden Maß von dem Kuriositätenfaktor: Die Kombination aus Königreich und Kfz-Werkstatt ist so komisch, dass man sie eigentlich in einem Spielfilm vermuten würde. Es macht einfach Spaß ihm zuzusehen und zuzuhören und sich auf diesen Kontrast von grauem Alltag und exotischer Noblesse einzulassen.

Noch interessanter ist aber die im Titel bereits angekündigte Tochter. Die Kinder des Monarchen sind in Deutschland geboren, dort aufgewachsen, sehen sich eigentlich auch als Deutsche. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn trotz ihrer starken Verwurzlung werden sie von vielen noch als Fremde wahrgenommen, müssen sich mehr beweisen als andere, um als „wirkliche“ Deutsche akzeptiert zu werden. Schließlich sehen sie anders aus, mit ihren krausen Haaren und der dunklen Hautfarbe. Zwar wird nicht direkt von rassistischen Übergriffen gesprochen. Vielmehr ist es der stillschweigende Rassismus, ein ungesundes Misstrauen gegenüber allen, die irgendwie fremd sind und damit etwas Übles im Schilde führen könnten. Und sei es nur als Sozialschmarotzer.

Die Frage der Identität
Doch Ausgrenzung funktioniert auch in die andere Richtung. Da die Mutter eine Weiße ist, haben die Kinder nicht die schwarze Hautfarbe des Vaters geerbt, sondern liegen irgendwo dazwischen. Für die Menschen in Deutschland sind sie damit zu schwarz, für die Menschen in Ghana, wo die Familie ursprünglich herkommt, sind sie Weiße. Das ist dort zwar, so wird gesagt, keine Stigmatisierung, die mit negativen Gefühlen verbunden ist. Aber es trägt doch zu einer Identitätskrise bei, mit der sich gerade die Tochter herumzuplagen scheint. Wer bin ich? Was macht mich aus? Wohin gehöre ich? Regisseurin Agnes Lisa Wegner befragt sie dabei auch zum Beruflichen, ihre Arbeit als Grafikerin und Künstlerin dienen ebenso als Identifikationsbaustein wie Familie, Herkunft und Hautfarbe.

Das ist unterhaltsam und informativ, auch weil die Familie in Gesprächslaune ist und so sympathisch, dass man ganz gerne dabei ist. Der Dokumentarfilm, der bei den Hofer Filmtagen 2020 Premiere feierte und dort auch als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, nähert sich dem immer wieder wichtigen Thema der Identität auf eine ungewöhnliche Weise an. Gleichzeitig ist vieles in König Bansah und seine Tochter so universell und aktuell, dass man sich auch als Nicht-König in den Erzählungen wiederfinden kann. Denn neben ein bisschen Eskapismus, wenn wir dem Königreich später einen Besuch abstatten, gibt es hier auch sehr menschliche Passagen und ein schönes Plädoyer für mehr Offenheit anderen gegenüber.

Credits

OT: „König Bansah und seine Tochter“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Agnes Lisa Wegner
Drehbuch: Agnes Lisa Wegner
Musik: Ziggy Has Ardeur
Kamera: Thomas Eirich-Schneider, Marcus Winterbauer



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König Bansah und seine Tochter
„König Bansah und seine Tochter“ nimmt uns mit nach Ludwigshafen, wo ein König aus Ghana eine kleine Kfz-Werkstatt betreibt. Das hört sich nach Komödie an, ist aber ein sehenswerter Dokumentarfilm über ein Leben zwischen zwei Identitäten und wie die Kinder mit einem solchen umzugehen lernen.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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