Kritik

Drachenreiter

„Drachenreiter“ // Deutschland-Start: 15. Oktober 2020 (Kino) // 18. März 2021 (DVD/Blu-ray)

Wie der Rest seiner Art führt auch der junge Silberdrache Lung ein Leben im Verborgenen, um so den Menschen aus dem Weg zu gehen, welche in der Vergangenheit Jagd auf sie gemacht haben. Doch das wird bald ein Ende haben: Durch die fortschreitende Ausbreitung der Menschen bleibt den Drachen sowie anderen Fabelwesen kein Lebensraum mehr, weshalb die Forderung aufkommt, endlich zum Gegenangriff überzugehen. Lung verfolgt jedoch einen anderen Plan. Gemeinsam mit dem Koboldmädchen Schwefelfell begibt er sich auf die Suche nach dem Saum des Himmels, einem legendären Land, in dem die Drachen Zuflucht finden sollen. Unterwegs treffen sie dabei auf den Menschenjungen Ben, der sich wenn auch aus anderen Motiven dieser Suche anschließt. Aber die Zeit drängt, wird das Trio doch von dem drachenfressenden Nesselbrand verfolgt …

Der Zeitpunkt für die Veröffentlichung von Drachenreiter ist prinzipiell gut. Die immens populäre Reihe Drachenzähmen leicht gemacht hat mit dem dritten Teil ein Ende gefunden. Und auch wenn das Franchise in vielerlei Hinsicht fortlebt, etwa in diversen Serien, ein neuer Kinofilm wird von den großen und kleinen Fans schon vermisst. Dass die deutsch-belgische Produktion auf dieses lukrative Segment schielt, wird nicht wirklich versteckt. Gleich zu Beginn gibt es eine Szene, die recht offen damit umgeht, dass man nicht der erste mit einer Mensch-Drache-Kombination ist. Gleichzeitig wäre es unfair, den Film als reine Kopie abzustempeln. Zum einen basiert er auf dem gleichnamigen Roman von Cornelia Funke, der bereits 1997 erschien – also Jahre vor dem Animationskollegen. Aber auch inhaltlich geht man andere Wege.

Wesen aus aller Welt
Teile davon fanden sich schon in Funkes Buch. So zeigt Drachenreiter nicht nur klassische Fabelwesen, wie man sie in einem solchen Fantasyabenteuer erwartet wie eben Drachen, Kobolde oder auch Zwerge. Unterwegs bekommen die drei es mit einem Basilisken zu tun, treffen einen Dschinn, auch ein Homunkulus – ein durch Alchemie erschaffener künstlicher Mensch – gehört zum bunten Figurenkabinett. Da wurden die verschiedensten Sagen und Mythen zusammengeworfen, gleich welchen Ursprungs sie sind. Hinzu kommen im Film ein paar andere Kreaturen, welche nur kurz zu sehen sind. Bei denen weiß man im Einzelfall nicht so genau, was sie eigentlich darstellen sollen. Aber sie sehen lustig aus, was auch der eigentliche Zweck sein dürfte.

An Humor mangelt es ohnehin nicht. Wie bei den meisten Abenteuern für ein jüngeres Publikum soll zwischendurch mithilfe von Witzen für ein bisschen Auflockerung gesorgt werden. Die beruhen teilweise auf den Verhältnissen innerhalb des Heldentrios, vor allem die ständigen Streitereien zwischen Ben und Schwefelfell. Ansonsten verließ sich Drehbuchautor John R. Smith (Gnomeo und Julia, Royal Corgi – Der Liebling der Queen) vor allem auf skurrile Nebenfiguren. Allen voran der größenwahnsinnige und großmäulige Zwerg, der Nesselbrand zur Hand geht, wurde als reiner Comic Relief in die Geschichte eingebaut. Er ist zwar immer irgendwie dabei, erfüllt inhaltlich jedoch keine wirkliche Funktion – sieht man einmal von dem bizarren Umgang mit den neuen Medien ab.

Fantasievolles Schema
Neu ist an Drachenreiter ansonsten nichts. Selbst wer das Buch nicht kennt, wird den groben Ablauf des Abenteuers ziemlich gut voraussagen können. Zu tatsächlichen Überraschungen kommt es nicht, die Annäherung der Figuren ist ebenso schematisch wie die Lehren, welche die drei aus ihren gemeinsamen Erlebnissen ziehen. So fantasievoll das Dekor der Geschichte ist, der Inhalt selbst ist es kaum. Die anfängliche ökologische Aussage des Films, wonach der Mensch durch seine Gier allen anderen den Lebensraum stiehlt, wird zudem leider nicht konsequent verfolgt. Denn am Ende dürfen die bedrohten Arten einfach in einer abgelegenen Fantasiewelt ein neues Zuhause finden, wodurch der Apell nach mehr Rücksichtnahme im Nichts verläuft.

Unterhaltsam ist Drachenreiter, das beim Zurich Film Festival 2020 lief, aber schon, hält die Balance aus unbeschwertem Abenteuer und ernsten Themen. Der Film sieht auch erstaunlich gut aus. Natürlich bringt es nichts, den direkten Vergleich zu Drachenzähmen leicht gemacht oder den anderen CGI-Schwergewichten aus den US zu bemühen. Da mussten die Europäer doch mit deutlich weniger Geld auskommen. Dafür können sie einiges durch die Designs wieder ausgleichen, gerade das des mechanischen Monsters Nesselbrand gefällt. Weniger glücklich ist dafür die deutsche Synchronisation. Leider entschied man sich hier dazu, die Figuren von prominenten YouTubern sprechen zu lassen. Für die Reichweite ist das sicher gut, für die Qualität eher weniger, der direkte Vergleich mit den professionellen Sprechern und Schauspielern innerhalb desselben Films fällt nicht unbedingt schmeichelhaft aus. Wen das nicht stört, bekommt hier einen kurzweiligen Animationsfilm, der zumindest die Lücke füllt, welche das derzeitige Fehlen der US-Studios hinterlassen hat.

Credits

OT: „Drachenreiter“
Land: Deutschland, Belgien
Jahr: 2020
Regie: Tomer Eshed
Drehbuch: John R. Smith
Vorlage: Cornelia Funke
Musik: Stefan Maria Schneider

Bilder

Trailer

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Drachenreiter
„Drachenreiter“ erzählt basierend auf dem gleichnamigen Roman von Cornelia Funke, wie ein Drache, ein Koboldmädchen und ein Menschenjunge auf eine große Reise gehen, um ein legendäres Land zu finden. Der Animationsfilm lockert das Abenteuer und die ernsten Themen regelmäßig mit humorvollen Elementen auf und dürfte trotz fehlender Überraschungen die jüngere Zielgruppe unterhalten.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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