Everest Ein Yeti will hoch hinaus Abominable
© DreamWorks

Everest – Ein Yeti will hoch hinaus

Everest
„Everest – Ein Yeti will hoch hinaus“ // Deutschland-Start: 26. September 2019 (Kino)

Schon seit Längerem träumt Yi davon, raus in die weite Welt zu ziehen, die Plätze zu sehen, die ihr verstorbener Vater ihr hatte zeigen wollen. Was sie sich jedoch niemals erträumt hatte: Da taucht doch tatsächlich ein Yeti auf ihrem Dach auf. Und er ist nicht allein, eine ganze Horde von Menschen ist ihm auf den Fersen. Dabei wollte das riesige Zottelwesen doch nur zum Everest, seiner alten Heimat. Für Yi steht sofort fest, dass sie ihm dabei helfen muss. Und so packt sie ihre sieben Sachen, sammelt ihr mühsam zusammengespartes Geld und macht sich auf den Weg. Dabei erhält sie bald Begleitung von dem Nachbarsjungen Jin und dessen Cousin Peng, auch wenn Jin eigentlich von der ganzen Geschichte nichts wissen will …

Ein bisschen leid kann einem Jill Culton schon tun. Von 2010 an arbeitete sie an Everest – Ein Yeti will hoch hinaus, verließ das Projekt, wurde ersetzt, anschließend aber doch zurückgeholt. Jetzt ist der Film endlich fertig und beweist ein in mehrfacher Hinsicht schlechtes Timing. Gleich zwei andere Animationsfilme rund um Yetis wurden zwischenzeitlich fertig und im Laufe des letzten Jahres gezeigt: Smallfoot – Ein eisigartiges Abenteuer und Mister Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer. Da wirkt ein dritter Animationsfilm zu dem Thema fast zwangsläufig wie ein Mitläufer. Und dann wurde der Kinostart in Deutschland auch noch denkbar ungünstig gewählt, startet er doch eine Woche nach Angry Birds 2 – Der Film und zeitgleich mit Shaun das Schaf – Der Film: UFO-Alarm – zwei weitere humorvolle Animationsfilme für eine jüngere Zielgruppe, zudem auf bekannten Franchises basierend. Ist da dann überhaupt noch genug Raum für einen weiteren?

Mit Herz und Charakter
Ein bisschen schade wäre es schon, wenn der Film nach der Premiere beim Toronto International Film Festival 2019 sang und klanglos untergehen sollte, wonach es auch des fehlenden Marketings wegen aussieht. Denn zu bieten hat Everest – Ein Yeti will hoch hinaus durchaus einiges. Beispielsweise fängt das Abenteuer in China an und ist sehr darum bemüht, das dortige Leben stimmungsvoll in Szene zu setzen. Nicht nur dass asiatische Protagonisten und Protagonistinnen in westlichen Filmen eine Ausnahmeerscheinung sind, die Kultur und das Stadtbild sind nicht allein der Exotik wegen eingebaut. Man nimmt der chinesisch-amerikanischen Coproduktion durchaus ab, dass hier einiges vom Herzen kommt und nicht einfach nur – wie diverse reale Spielfilme – an das zahlungswillige Publikum im Reich der Mitte gedacht wurde.

Schön ist dabei vor allem, wie viel Arbeit in die Figuren investiert wurde. Von der kauzigen Großmutter, die nicht gerade auf den Mund gefallen ist, über den Schönling von nebenan, der lernt für andere einzustehen, in Everest – Ein Yeti will hoch hinaus mag der Yeti der Star sein, die Menschen sind aber mehr als nur schmückendes Beiwerk. Gerade für den gefühlvollen Teil des Films sind sie sogar überaus wichtig, wenn Culton mehr will als nur ein buntes Abenteuer für Kinder. Ihr Werk ist gleichzeitig ein Plädoyer für den rücksichtsvollen Umgang mit der Natur wie auch eine Liebeserklärung an die Familie, denn die sollte immer an erster Stelle kommen, macht sie doch zu einem bedeutenden Teil aus, wer du bist.

Humor aus der Massenproduktion
Das bedeutet jedoch nicht, dass Everest – Ein Yeti will hoch hinaus sich zu sehr aufs Moralisieren versteift und dabei die Unterhaltung vergisst. So wichtig diese Messages auch sein mögen, über weite Strecken will der Film in erster Linie einfach Spaß machen. Das tut er auch, selbst wenn die Mittel dafür nicht unbedingt die originellsten sind. Wie so oft in diesem Segment setzt Culton auf einen Slapstickhumor, der Missgeschicke mit hohen Tempo vereint. Das erfüllt seinen Zweck, mehr aber auch nicht, im Gegensatz zum Setting ist das hier schon ziemlich gewöhnlich. Und die gelegentlichen tatsächlich netten Einfälle wie eine komische Schlangenart werden ohne große Variation wiederholt. Zusammen mit der weitestgehend vorhersehbaren Handlung entsteht so schnell, der Eindruck, man habe das alles doch vorher schon einmal gesehen. Oder mehrmals.

Was Everest – Ein Yeti will hoch hinaus an der Stelle hilft ist, neben den sympathischen Figuren, die visuelle Umsetzung. Wenn wir mit dem Yeti und dem Menschentrio durch das Land reisen, entsteht tatsächlich das Gefühl, Teil eines Abenteuers zu sein und die Schönheit dieser Welt kennenzulernen. Zwar sind die räumlichen Übergänge zum Teil ein bisschen fix, man entwickelt keine wirkliche Vorstellung, wie weit der zurückgelegte Weg eigentlich ist. Zu sehen gibt es unterwegs aber genug, von dichten Wäldern über Wüsten und malerische Fischerdörfer bis hin zu High-Tech-Anlagen und eisigen Bergen. DreamWorks Animation, die hier mit dem Pearl Studio (ehemals Oriental DreamWorks) zusammengearbeitet haben, erschufen bezaubernde, teils riesige Landschaften, in denen man sich gerne verläuft und wieder lernt, die Welt aus den Augen eines Kindes zu sehen.



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Nach einer jahrelangen Produktionsphase ist „Everest – Ein Yeti will hoch hinaus“ endlich fertig und macht weitestgehend eine gute Figur. Das chinesische Setting ist ebenso schön umgesetzt wie die abwechslungsreichen Landschaften, auch die Charaktere sind dem Animationsfilm gut gelungen. Inhaltlich ist das schon etwas zwiespältiger, wenn der warmherzigen Liebeserklärung an Natur und Familie ein recht einfallsloser Humor und eine vorhersehbare Geschichte gegenüberstehen.
6
von 10