Kritik

Unearth

„Unearth“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Schon länger läuft es bei George Lomack (Marc Blucas) nicht mehr so wirklich. Privat nicht, kommt er doch kaum über den Verlust seiner Frau hinweg. Aber auch beruflich steht er mit dem Rücken zur Wand: Immer weniger Leute nehmen die Dienste des Mechanikers an, andere Perspektiven bieten sich ebenso wenig in der ländlichen Gegend. Es klingt daher wie ein Geschenk des Himmels, als eines Tages eine Firma bei ihm auftaucht und mittels der Fracking-Technik Bodenschätze fördern will. Groß ist die Begeisterung nicht bei der örtlichen Bevölkerung, sie sich schon bald mit dem ständigen Lärm und der Verschmutzung herumplagen muss. Doch das ist nur der Anfang, denn mit den tiefen Bohrungen haben sie noch etwas ganz anderes in der Tiefe der Erde geweckt …

Horrorfilme stehen tendenziell eher weniger im Ruf, sich gesellschaftskritisch äußern zu wollen. Wenn es das Publikum mit Geistern zu tun bekommt, Dämonen oder sonstigen Monstern, die dem Reich der Fantasie entnommen sind, dann doch eher in dem Zweck, die Welt mal für eine Weile zu vergessen und richtig Angst zu haben. Aber es gibt sie natürlich, die Genrebeiträge, die den Schrecken nutzen, um auf Missstände aufmerksam zu machen, die einfach mehr erreichen wollen, als die Zuschauer und Zuschauerinnen zu unterhalten. Unearth ist so ein Beispiel dafür, denn das auch privat liierte Regie-Duo John C. Lyons und Dorota Swies hat so einiges über die Realität da draußen zu sagen und zu zeigen.

Ein ökologischer Abgrund
Da wäre zum einen die ökologische Komponente. Nicht nur hierzulande wird die sogenannte Fracking-Methode, mit der Erdöl und Erdgas im Untergrund gefördert werden können, kontrovers diskutiert. Dabei spielen sowohl die Umweltrisiken wie auch die gesundheitlichen Gefahren eine große Rolle. In Unearth dauert es dann auch nicht lange, bis erste Nebenwirkungen auftreten. Wenn die Einwohner und Einwohnerinnen mit körperlichen Auswirkungen zu kämpfen haben, aber auch anderweitig die Lebensqualität rapide sinkt, dann bräuchte es theoretisch noch nicht mal die späteren Horror-Elemente, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Die regulären Folgen sind schon Albtraum genug.

Doch Unearth betreibt hier keine bloße Kapitalismuskritik an Unternehmen, die aus reiner Profitgier Menschen und Umwelt zerstören. Die gibt es zwar schon, der Film hat gar nicht vor, deren Verbrechen in irgendeiner Form zu beschönigen. Allerdings werden sie kaum gezeigt. Stattdessen stehen die Menschen des kleinen Ortes im Mittelpunkt, deren Zuhause zu einem Höllenloch wird. Ausführlich zeigen Lyons und Swies, dass die Leute hier keine Perspektive mehr haben. Es ist das abgehängte, ländliche Amerika, das keinen Platz mehr in dieser Welt hat und süßen Versprechen folgt – nicht weil es von Habgier getrieben ist, sondern weil es keinen anderen Ausweg mehr sieht. Und eben diese Not wird ausgenutzt.

Der langsame Weg ans Ziel
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Menschen von jeglicher Verantwortung freigesprochen und sie zu reinen Opfern gemacht werden. Lyons, der zusammen mit Kelsey Goldberg auch das Drehbuch geschrieben hat, lässt sich sehr viel Zeit, um die Figuren und ihre Beziehungen untereinander vorzustellen und die hässlichen Seiten zu beleuchten. Das ist zwar gut gemeint, schließlich soll auf diese Weise mehr Identifikationsfläche geschaffen werden. Allerdings führt es dazu, dass der Film sehr lange braucht, bis er mal in Fahrt kommt und tatsächlich seinem Genre gerecht wird. Zumal einzelne Aspekte wie die diversen Liebschaften – darunter auch eine lesbische – letztendlich nicht wirklich relevant sind für die Geschichte oder zu irgendeiner Aussage führen. Sie sind einfach nur irgendwie da.

Dafür hat Unearth andere Stärken. Auch wenn der Gebrauch von gräulichen Brauntönen ein bisschen exzessiv ist und nicht gerade subtil jede Farbe aus dem Film verbannt wurde, atmosphärisch ist der Film schon gelungen. Es gibt ein paar schön unangenehm dreckige Bilder, dazu ein Sound Design, welches konstant und erfolgreich an den Nerven des Publikums zerrt. Vor allem zum Ende hin, wenn sich der Eröffnungsfilm vom HARD:LINE Film Festival 2020 einer Body Horror Variante zuwendet, läuft das hier zur Hochform auf und zeigt der großen Genrekonkurrenz, wie sich mit minimalen Mitteln nachhaltig verstören lässt. Auch wenn inhaltlich der Film ein bisschen herumschlingert, allein für diese Minuten lohnt es sich, dieser Indie-Produktion eine Chance zu geben.

Credits

OT: „Unearth“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: John C. Lyons, Dorota Swies
Drehbuch: Kelsey Goldberg, John C. Lyons
Musik: Jane Saunders
Kamera: Eun-ah Lee
Besetzung: Adrienne Barbeau, Marc Blucas, Allison McAtee, Brooke Sorenson, Rachel McKeon, P.J. Marshall, Monica Wyche, Lauren Valentine

Bilder

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Unearth
„Unearth“ zeigt ein ländliches, abgehängtes Amerika, das mittels der Frackingtechnik zu überleben versucht, dadurch aber alles noch schlimmer macht. Der Film kombiniert dabei Gesellschaftsporträt mit Ökonachricht, erst relativ spät nimmt auch der Horrorfaktor zu. Der hat es dafür in sich: Fans dürfen sich auf ein nervenaufreibendes Sound Design und verstörende Anblicke freuen.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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