Kritik

Kuessipan

„Kuessipan“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Mikuan (Sharon Ishpatao Fontaine) und Shaniss (Yamie Grégoire) wachsen zusammen in einer Innu-Gemeinde in Québec auf. Sie sind beste Freundinnen, teilen alles miteinander, haben sich gegenseitig geschworen, für immer füreinander da zu sein. Doch je älter sie werden, umso mehr wird ihnen bewusst, dass sie nicht dasselbe vom Leben erwarten. Während Mikuan aus einer intakten, liebenden Familie kommt und davon träumt, außerhalb des Reservats ein Leben zu beginnen, ist Shaniss als Tochter eines Alkoholikers stärker damit beschäftigt, überhaupt ihren Alltag unter Kontrolle zu bekommen. Als sich Mikuan dann auch noch in einen weißen Jungen namens Francis (Étienne Galloy) verliebt, droht ein Riss zwischen den beiden, aber auch zwischen ihr und der Familie …

Es ist eine Erfahrung, wie sie wohl die meisten von uns machen werden: Als Kinder schwören wir uns noch ewige Treue, können uns gar nicht vorstellen, dass es mal anders werden könnte, wir nicht mehr die komplette Zeit mit unseren besten Freunden verbringen. Doch irgendwann wird das Leben anders, bringt Veränderungen mit sich, Veränderungen an unserem Umfeld und den Erwartungen, die wir zu erfüllen haben. Aber auch Veränderungen an uns selbst. Vor allem der Faktor Liebe und Partnerschaft kann uns entzweien, wenn auf einmal ein anderer Mensch an der ersten Stelle steht und Freundschaften etwas in den Hintergrund rücken. Wenn wir uns dadurch selbst auch ganz neu kennenlernen.

Zwischen Aufbruch und Sehnsucht nach Halt
Es fällt einem daher als Zuschauer nicht sonderlich schwer, sich in die beiden jungen Protagonistinnen in Kuessipan hineinzuversetzen. Alles haben sie miteinander geteilt, müssen jetzt jedoch feststellen, dass es Bereiche im Leben des anderen gibt, zu denen man keinen Zutritt hat. Ebenso schmerzlich ist die Erkenntnis, dass man eben nicht dieselben Ziele verfolgt, man etwas ganz anderes vom Leben erwartet und braucht. Mikuan ist die Heimat zu klein geworden, sie braucht einen anderen Ort und ein anderes Ventil, will lernen, will etwas erleben, will sich künstlerisch ausdrücken. Shaniss, die mit ihrer Biografie einer kaputten Familie zu kämpfen hat, sehnt sich nach Halt und Stabilität – und einem Platz in der Gemeinschaft.

Naomi Fontaine, die den zugrundeliegenden Roman geschrieben und das Drehbuch mit Regisseurin Myriam Verreault verfasst hat, verbindet dies aber mit dem Thema der First Nations. Ihr Leben und Überleben im heutigen Amerika kommt immer mal wieder in Filmen vor, Wind River und Miséricorde wandelten beispielsweise im Grenzgebiet von Drama und Thriller und zeigen eine in sich hermetisch abgeschlossene Welt, die dennoch immer wieder zur Zielscheibe von Rassismus wird. Eine Welt ohne echte Perspektive, für die sich der Rest nicht interessiert. In Kuessipan schwingt das vereinzelt auch mit, gerade im Zusammenhang mit Mikuans verpönter Beziehung zu einem weißen Jungen. Da geht es um geraubtes Land, um ungesühnte Verbrechen an den Völkern und ein Trauma, das nie wirklich verarbeitet wurde.

Zurückhaltend und doch lebendig
Im direkten Vergleich ist Kuessipan jedoch deutlich hoffnungsvoller, dass es einen Ausweg aus diesem Kreislauf gibt. Mikuan sucht nach eben diesem Ausweg, sucht nach einer Balance aus Tradition und Moderne, wenn sie die Welt kennenlernen will, ohne dabei ihre eigenen Wurzeln zu verraten. Das klappt natürlich nicht immer so wie gedacht, da ist viel Trial and Error dabei, wenn die Jugendliche wie die meisten in ihrem Alter Grenzen austestet und dabei sich selbst zu finden versucht. Hinzu kommt der eine oder andere Schicksalsschlag, der sie aus der Bahn wirft und auch beim Publikum nicht ohne Wirkung bleibt. Glücklicherweise verzichtet Verreault an diesen Stellen jedoch darauf, ein großes, manipulatives Melodram erschaffen zu wollen. Sie vertraut stattdessen der Geschichte und den Darstellerinnen.

Beides ist ein großes Glück: Das Drama, welches auf dem Toronto International Film Festival 2019 Premiere hatte, ist zurückhaltend, sensibel erzählt und damit umso berührender. Dass der Film auf Laienschauspieler*innen zurückgreift, wird ihm dabei nicht zum Nachteil. Vielmehr überzeugt Kuessipan durch Natürlichkeit und Authentizität, lässt einen teilhaben an einer Welt, die gleichermaßen fremd und bekannt ist. Die auch sehr lebendig gestaltet ist: Der Schwerpunkt der Geschichte mag auf den beiden Freundinnen liegen, sie sind dabei jedoch in ein größeres Umfeld eingebettet, das mehr sein darf als Hintergrunddeko. Am Ende springt sicherlich keine nennenswerte neue Erkenntnis heraus, vom Innu-Setting einmal abgesehen ist hier wenig, das man nicht schon in anderen Coming-of-Age-Filmen gesehen hat. Das „wie“ ist dafür umso überzeugender und macht die kanadische Produktion zu einem echten Geheimtipp.

Credits

OT: „Kuessipan“
Land: Kanada
Jahr: 2019
Regie: Myriam Verreault
Drehbuch: Naomi Fontaine, Myriam Verreault
Vorlage: Naomi Fontaine
Musik: Louis-Jean Cormier
Kamera: Nicolas Canniccioni
Besetzung: Sharon Ishpatao Fontaine, Yamie Grégoire, Étienne Galloy, Cédrick Ambroise, Mike Innu Papu Mckenzie, Brigitte Poupart

Bilder

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Kuessipan
„Kuessipan“ folgt zwei Freundinnen, die ihr Leben in einem Innu-Reservat verbracht haben, deren Wege sich nun aber langsam trennen. Der Film zeigt dabei auf einfühlsame Weise von der Sinn- und Selbstsuche junger Menschen zwischen Freiheit, Liebe und Geborgenheit, kombiniert dies mit Fragen zu der Bedeutung von Wurzeln. Das ist schön umgesetzt, das zurückhaltende kanadische Drama überzeugt durch Authentizität und eine lebendig dargestellte Welt.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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